Bericht

Achtsamkeit in Krisen „Das Leben kann wunderschön sein“

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 23.05.2018
Lesedauer: 7 Minuten

Vor ein paar Jahren rang Sabrina Steinschnack mit existenziellen Panikattacken. Dann entdeckte sie in einer Therapie Yoga. Damit wendete sie das Blatt. Die Depression gehört heute der Vergangenheit an. Inzwischen lehrt Steinschnack selbst die altindische Lehre des Lebens. Ebenso wie Yogalehrerin Galja Vranesevic, die unter anderem traumatisierte Frauen unterrichtet. Beide verbindet, dass sie mit Yoga das Leben feiern.

„Was du auf keinen Fall sein willst“

Für mich soll’s rote Rosen regnen!? Von wegen: Krankheit, Trauer, Tod. Verlust des Sehvermögens oder gar Gehörs. Existenzielle Diagnosen, Fehlgeburten oder Ängste rütteln an unserer inneren Balance. Logisch, wir sind „nur“ Menschen. Was bestimmt keiner von uns in einer prekären Situation hören will: Immer wenn sich etwas zum Schlechten, Krassen, Existenziellen wendet, konfrontiert uns das Leben unbarmherzig mit unseren Schatten – angefangen mit der Scham darüber, gestrandet zu sein, sich festgefressen zu haben. Es geht um das, „was du auch bist, aber auf keinen Fall sein willst“, bemerkte schon Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung lakonisch.

Über den Schatten springen

Sabrina Steinschnack weiß dieses Zitat genau zu nehmen: „Meine Panikattacken haben mich damals dazu gebracht, mich mit meinem Leben auseinanderzusetzen. Ich musste mir jedoch erst das Recht auf Hilfe von außen herausnehmen – und das Recht darauf, mich dessen nicht zu schämen“, erinnert sich die junge Österreicherin. Als sie Yoga – insbesondere Meditation als eine Säule des Yoga – für sich entdeckte, spürte sie vom ersten Moment an, dass in ihr richtig viel passierte. Und dass sie sich mit Hilfe der Meditation von ihren kreisenden Gedanken distanzieren konnte.

Sabrina Steinschnack
© Sabrina Steinschnack

Plötzlich taten sich neue Lösungswege auf. „Ich hatte den Punkt erreicht, mein Leben zu einem Besseren zu wenden“, erinnert sich Steinschnack. Und es klingt dankbar. Längst sind Therapie und erste Yogastunde vorbei; seitdem habe sich ihre Existenz „um mindestens 360 Grad gedreht“ – nicht nur deshalb, weil Steinschnack inzwischen selbst Yoga unterrichtet und offen über Angst und Depression bloggt (mutwaerts.at). Sondern vor allem, weil jene Angsterlebnisse in der Rückschau „das Beste waren, das mir hätte passieren können“. Heute könne sie mit ihren Erfahrungen anderen helfen und Wege aus der Depression zeigen.

Veränderung umarmen

Doch was passiert in herausfordernden Situationen des Lebens ganz tief in uns drin? Was passiert, wenn uns das Gehör verloren zu gehen droht. Oder wenn unsere Welt aus anderen Gründen ins Wanken gerät? „Wir werden auf einmal ganz wach, innerlich hellhörig und nehmen alles intensiver wahr“, weiß die Kölner Yoga-Lehrende Galja Vranesevic.

Vranesevic war längere Zeit schwer krank gewesen und kennt Extremerfahrungen: „Das Leben ist wie ein Lehrer. Alles, was wir wie auf dem Silbertablett serviert bekommen, kann unsere Evolution beschleunigen. Wenn wir es erlauben“, betont die ausgebildete Pianistin, die neben Musikern auch Gruppen traumatisierter Frauen im Yoga unterrichtet. Ihre Begründung: „In jedem von uns steckt so viel Potenzial, unser Leben gut zu leben – unabhängig von unserem Zustand.“ Wir hätten fürwahr keine Zeit, „ständig neben der Spur zu fahren“, erläutert sie. Weil wir damit unser Potenzial und unsere Glücksseligkeit vergeudeten. „Immerhin kann das Leben, selbst wenn wir beeinträchtigt sind, wunderschön sein“, betont Vranesevic. In jeder Situation bestehe die Chance, sich zu finden, anstatt das Schicksal zu betrauern. Oder war früher wirklich alles besser? Nicht wirklich.

Galja Vranesevic
Yogalehrerin Galja Vranesevic, die unter anderem traumatisierte Frauen unterrichtet
© Dorina Köbele-Milas

Eher fehle es Menschen innerhalb ihrer Komfortzone an Mut und Willen, sich zu verändern, sich dem glückseligen Leben hinzugeben. „Ohne Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit halten Menschen an ihren alten Programmen, Mustern, Glaubenssätzen und Normen fest“, weiß Vranesevic aus eigener Anschauung. „Als Gewohnheitstiere überhören wir Botschaften aus unserem Inneren.“ Manchmal schafften es indes Spürfragen, Menschen im Umbruch – von der Komfortzone zur Extremsituation – zu bewegen und das eigene Leben ehrlicher mit sich selbst zu leben. In Yogagruppen mit traumatisierten Frauen formuliert die Kölnerin das etwa so: Bin ich da? Was fühle ich? Fühlt sich das richtig an? Oder gar falsch? – Dahinter stecke oft ein guter Fingerzeig, ein Wegweiser für die eigene Existenz, den wir annehmen können – vorausgesetzt wir umarmten die Veränderung.

Yoga weist nur einen von vielen Wegen

Die vermeintlich schlechte Nachricht lautet indes: Es gibt nicht den Königsweg zur Glückseligkeit und auch nicht den Leitsatz „Tu dies und das oder schlucke jene Pille – und du bist geheilt“. Yoga bildet neben Tai-Chi, Tanzen, Wandern oder Kampfkunst nur einen von vielen gangbaren Pfaden zum glückseligen Leben – eine Chance sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Offen zu sein. Und achtsam mit sich selbst umzugehen: „Zahlreiche Studien belegen beispielsweise die Wirkung von Meditation, Körperübungen oder Mantra-Rezitationen auf das menschliche Gehirn. So beschreibt Anton Bucher, Schweizer Theologe, der sich der Forschung von Psychologie, Spiritualität und Religiosität widmet, dass seriöse buddhistische Meditationstechniken den Sauerstoffverbrauch und die Metabolismusrate erhöhen. Der Cortisol-Wert, der Blutdruck und der Cholesterolspiegel sinken. Das Immunsystem würde gestärkt. Als Botenstoffe der Nervenzellen würde u.a. vermehrt die Glückshormone Dopamin und Serotonin gebildet. In der Folge sinke die körperlich messbare Stressbelastung.

Schon die altindischen Kulturen gingen davon aus, dass sich der Geist durch Meditation geschmeidig machen lässt wie der Körper durch Yoga: Auch wenn weder Leid noch störende Gedanken verschwinden, hat die Praxis von Atemübungen und Co. großen Einfluss auf Wohlbefinden und Glück. „Unsere Sinne schärfen sich, wenn wir Yoga praktizieren, sodass unsere Antennen richtig gut empfangen können“, erklärt Yoga-Lehrerin Vranesevic. Mit Yoga würden wir besser wahrnehmen, was uns gut tut. Relevante Informationen würden Körperzellen und Geist verjüngen. „Wir gelangen in einen besseren Kontakt mit uns selbst, lernen aber gleichzeitig, uns abzugrenzen und das eigene Wohlbefinden zu respektieren“, betont die Kölnerin.

Unterm Strich bringt Yoga körperliche und emotionale Ausgeglichenheit, seelische Stabilität, fokussierte Gedanken und innerliche Präsenz. Und für denjenigen, der kein Yoga praktizieren will, ist vielleicht das Gehen (weder als Sport noch Nordic Walking) der wahre Jakob: „Man geht nicht, um ein konkretes Ziel zu erreichen, sondern um sich umzubauen und als Umgebauter ein anderes Leben zu leben: ein besseres, ein gesünderes, ein glücklicheres, ein schöneres“, skizziert der österreichische Journalist und Autor Alois Schöpf in dem Essay „Glücklich durch gehen“. Die Wirkung dürfte vermutlich ähnlich sein – Hauptsache der Mensch geht mit dem eigenen Bewusstsein auch bewusst um. „Das meint vor allem die Schulung der Wahrnehmung und die Entwicklung von Achtsamkeit in allen Lebensbezügen“, bringt es Prof. Michael von Brück auf den Punkt, evangelischer Religionswissenschaftler, Yoga- und Zen-Lehrer.

„Stille unterstützt den Neustart eines Systems“

Mit ihren Yoga-Schülern, darunter auch zahlreiche Musiker, praktiziert Vranesevic innere Stille. Zum Ausgleich und zur besseren Wahrnehmung. Weil diese Menschen so viel Musik in sich tragen. „Dieser Rückzug ist so wichtig, weil Stille den Neustart eines Systems unterstützt“, sagt die Kölnerin. Mit den Yogagruppen, deren Teilnehmer unter Traumata leiden, arbeitet sie indes behutsam und geduldig daran, bestimmte Energiezentren („Chakren“) zu aktivieren. Oft gelangen dann Dinge an die Oberfläche, die die Teilnehmer vorher nicht fühlen konnten. „Plötzlich fangen diese Menschen an zu weinen – oder unkontrolliert zu lachen“, weiß Vranesevic. „Hinterher geht es den Yogapraktizierenden meist besser. Das ist wie eine innere Reinigung“, berichtet sie. Viele entwickelten ein Mitgefühl für das, was sie selbst erlebt haben.

Galja Vranesevic
© Dorina Köbele-Milas

Das Leben feiern

Wer sich entscheidet, nach einer Lebenskrise ins Yoga eizusteigen, dem rät Vranesevic, sich zu erden – sich breitbeinig und aufrecht hinzustellen und gleichmäßig, langsam und vollständig tief in den Bauch zu atmen. Dasselbe funktioniere auch in der Rückenlage, der, wie sie im Yoga heißt, Totenlage: „Verbinden Sie Ihren Körper mit ihrem Atem. Erlauben Sie Ihren Gedanken und Gefühlen zu kommen und zu gehen, während Sie in die Rolle des Beobachters schlüpfen. Das hat Auswirkungen auf die Zirbeldrüse im Hirn und nach rund sieben Minuten erreichen Sie einen tieferen Entspannungszustand“, erläutert Vranesevic.

Das funktioniere selbst, wenn Menschen körperlich stark eingeschränkt sind: „Yoga kann man auch im Rollstuhl machen“, betont Vranesevic. Steinschnack rät derweil Yoga-Einsteigern in Extremsituationen, „sich täglich hinzusetzen und beispielsweise Dinge aufzuschreiben, die schön sind und uns mit Dankbarkeit erfüllen“. Diese Kontinuität sei der Schlüssel für mehr Lebensfreude, Gleichgewicht und Zufriedenheit.

Das Leben ist schön
© Kristina Schreiber

Doch braucht es dazu gleich ein abgeschlossenes Yogastudium? Wer hineinschnuppern möchte, findet zahlreiche Seminare und Retreats, speziell für Einsteiger. Wer Achtsamkeit üben möchte, dem empfiehlt Steinschnack, „ so entspannt wie möglich seinen Atem fließen lassen – mit viel Leichtigkeit und ohne den Druck, funktionieren zu müssen“, rät sie. Sie nennt es auch einen „liebevollen Tritt in den Hintern“. Einen Anschubser, das Leben aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Täglich ein Mini-Rückzug von fünf Minuten bringe Menschen schon einen Riesenschritt weiter. Und noch etwas: „Nehmen Sie es mit Humor, denn Yoga darf leicht sein. Wenn wir bewusst damit umgehen und es regelmäßig – und gern spielerisch – praktizieren, dann feiern wir das Leben“, ergänzt Vranesevic. Und sie sagt es mit einem Lächeln.

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