Bericht

Andere Länder, andere… Klänge? Wenn man „Klanglandschaft“ wörtlich nimmt

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Dezember 2019
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 3 Minuten

In Deutschland, Österreich und der Schweiz bewegt man sich frei und ganz ohne Angst, sich nicht verständigen zu können. Man fährt von West nach Ost, von Nord nach Süd, über Grenzen und Pässe. „Da sprechen ja eh alle Deutsch“. Wirklich?

Jedes Örtchen gibt ein Tönchen

Nehmen wir Österreich, zum Beispiel. Durch die engen Täler Tirols pfeift der Wind, die Fichten im Wald rascheln, während die U-Bahn in Wien durch die Tunnel rattert, der Asphalt darüber knistert in der Glut der Sonne. Dazwischen? Ein Mix aus Lärm in den Städten und Plätschern an den Bächen, Flüssen und Seen. Im Osten Österreichs sitzt man im Beisl, im Westen im Gasthaus.

Auch in Deutschland ist die Diversität an Klängen unumgänglich: in Bayern läuten die Kuhglocken, im Hamburger Hafen ertönen die Schiffshörner. Im Saarland tut ma‘ babbele, weiter im Süden schwätzt man.

Jede Landschaft hat ihren eigenen Klang. Eine Klanglandschaft also, die sich über begrenzte Gebiete erstreckt, denn dann beginnt die nächste Landschaft, und dahinter die nächste. Wir können also behaupten, dass mit jeder sichtlichen Veränderung auch eine hörbare einhergeht.

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Eine gemeinsame Sprache?

Eine vermeintlich einfache Rechnung: In den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt Deutsch als Amtssprache, also sprechen auch die dort Ansässigen Deutsch. Richtig? Nicht ganz. In der Schweiz kommen auch noch Französisch und Italienisch als Amtssprachen in Frage, und Rätoromanisch wird auch gesprochen. Zudem gibt es bei neun Bundesländern in Österreich und 16 in Deutschland mindestens genauso viele regionale Dialekte, die Mundarten. Laut Duden eine „innerhalb einer Sprachgemeinschaft auf ein engeres Gebiet beschränkte, von der Standardsprache in verschiedener Hinsicht abweichende, ursprüngliche, meist nur gesprochene Sprache“.

Jacob Grimm, einer der Gebrüder Grimm, versuchte sich im 19. Jahrhundert in einer Unterscheidung zwischen Dialekten und Mundarten. Dialekte wären wohl großräumig zutreffend, während Mundarten nur kleinräumig gesprochen werden. Heute verwenden wir diese Begriffe jedoch synonym, denn in bestimmten Gebieten kann kaum mehr unterschieden werden. Eine Klanglandschaft also.

Die multikulturellen, urbanen Zentren klingen nach neutraler deutscher Sprache. In ländlichen Gebieten übt man sich im Verständnis jener Worte, die beim ersten Hinhören nicht ansatzweise mit einem standarddeutschen Wort verwandt sein könnten. Und dann hat man noch nicht einmal versucht einen ganzen Satz zu verstehen, geschweige denn zu antworten.

Genau da fällt auf, dass Deutsch sprechen nicht gleich deutsche Sprache bedeutet. Es scheitert nicht nur an Aussprache und Vokabular, es scheitert wohl auch an der Denkweise. Und das nicht nur in gesprochener Sprache, auch Gesten und Gebärden sehen anders aus und werden anders gedacht. Eine gemeinsame Sprache? Nicht wirklich.

Wir sagen „Griaß di“, ihr sagt „Guten Tag“

Die Aussprache spielt eine bedeutende Rolle, nicht zuletzt, weil es Aus-Sprache heißt, die Hand in Hand geht mit Betonung und Akzent. Doch auch bestimmte Worte und Redewendungen machen Sprachen zu dem was Sprachen sind. In Österreich werden „ck“, „k“, „ch“ und „sch“ sehr hart betont, in Deutschland gleiten Worte mit den selbigen Buchstabenkombinationen einfach über Stimmbänder und Lippen.

In Österreich kauft man Paradeiser am Markt, in Deutschland Tomaten. Beim Bäcker in Berlin bestellt man Schrippen, in Bayern Semmeln. Die würde auch ein Österreicher bestellen, ist er ja näher an Bayern als an Berlin – bewegt sich also teilweise in derselben Klanglandschaft. Ohne weitere Ausführungen der unzähligen Regional-Vokabulare und Mundarten wissen wir: Es heißt Kölle, nicht Köln. Melange, nicht Milchkaffee.

Und spätestens dann, wenn Interviews mit (eigentlich) deutschsprachigen Personen im Fernsehen untertitelt werden, wissen wir, dass die Kommunikation im selben Sprachraum an ihre Grenzen stößt.

Eine Frage der Einstellung

Sprachen formen unsere Erlebnisse. Sprachen formen unsere Eindrücke. Eine Kultur und ihre Ansichten, eine Gesellschaft und ihre Gesinnung spiegelt sich oft im Klang und Subtext der Gespräche wider.

Während in Österreich vieles gemütlich, entspannt und ungezwungen scheint, ticken die Uhren im Nachbarland Deutschland anders. Auch die deutsche Korrektheit findet sich in der hochdeutschen Sprache wieder. Österreichisch hingegen wirkt oft „frech”.

Wird von einem verlangt sich zu assimilieren? Nein, aber der Wiener Schmäh funktioniert am besten in Wien, und ein „Moin, Moin“ klingt vor allem in Norddeutschland charmant.

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