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Arbeit und unsere Hörgesundheit Schwerhörigkeit: welche Berufe haben das größte Risiko?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Februar 2021
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Lesedauer: 3 Minuten

Die Ereignisse von 2020 haben Wertigkeiten verändert und Perspektiven zurechtgerückt: Zeit mit den Liebsten wurde plötzlich noch wertvoller; Freiheiten - Reisen, Restaurantbesuche, ja sogar ein Händedruck oder eine Umarmung - waren nicht mehr selbstverständlich; Klopapier, Nudeln und ein gutes Buch wurden zum Inbegriff von Glück.

Home office

Das Jahr 2020 führte uns auch vor Augen, wie gut - oder schlecht - wir uns drastischen Veränderungen anpassen können. Viele Eltern empfanden das Home Schooling als Expedition auf den Mount Everest, andere als Spaziergang. Manche mussten im Home Office nicht nur ihren Alltag komplett umstellen, sondern auch ihre Wohnung; andere stellten ihren Laptop einfach nur auf einen anderen Tisch und tranken ihren Kaffee eben nicht aus der Bürotasse.

Hier oder nirgends

Und einige mussten erkennen, dass nicht alle Berufe gleich sind. Nicht jeder kann seine Arbeitsstelle in die eigenen - virenfreien - vier Wände verlegen. Nicht jeder Arbeitsplatz ist mobil. Eine Kassierin kann nur im Supermarkt arbeiten, die Ärztin nur im Krankenhaus. Und es gibt Jobs, die unsicher sind, notfalls sogar verzichtbar. Das bedeutet Arbeitslosigkeit, finanzielle Einbußen und wirtschaftliche Unsicherheit.

Covid-19 führte uns deutlich vor Augen, dass manche Menschen schon durch ihren Beruf einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Abgesehen von diesem Virus wächst das Bewusstsein für sonstige berufsbedingte Krankheiten. Es gibt Berufe mit höherer Stressbelastung und anderen Negativfolgen für die Gesundheit. Eine davon ist Schwerhörigkeit.

Gehör in Gefahr

Anfang dieses Jahrtausends diagnostizierte man bei immer mehr Callcenter-Mitarbeitern den bis dato relativ unbekannten akustischen Schock - nicht zu verwechseln mit dem Knalltrauma. Ein akustischer Schock entsteht durch plötzliche und unerwartet auftretende Lautstärkespitzen, etwa durch Rückkopplung aus dem Headset. Der Großteil der daraus resultierenden Streitigkeiten und Schadenersatzklagen von Callcenter-Mitarbeitern konnte außergerichtlich beigelegt werden.

Ein akustischer Schock kann Schwindelgefühle, Tinnitus und Hörprobleme verursachen. Zum Glück bildet sich die Schädigung in den meisten Fällen wieder zurück. Auch wenn ein akustischer Schock durch ein plötzliches, lautes Geräusch ausgelöst wird, vermuten Experten, dass Stress und Belastungssituationen ihn begünstigen. In einem dermaßen turbulenten Jahr wie 2020, in dem die psychische Gesundheit bei vielen Menschen massiv litt, kann man sich die Abwärtsspirale gut vorstellen, aus der es für Callcenter-Mitarbeiter nur schwer ein Entkommen gab: sie konnten ihren Arbeitsplatz nicht einfach ins Home Office verlegen, mussten sich auch in der Pandemie wenig Platz mit Kollegen teilen, der Stress ihrer Gesprächspartner entlud sich an ihnen und der Lärm am Arbeitsplatz und über das Headset belasteten ihr Gehör zusätzlich.

Vielleicht wird sich die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, für immer verändern. Viele Menschen werden ihren Job teils zu Hause und teils im Büro ausüben. Sie fordern - zu Recht - von ihren Vorgesetzten auch im Home Office geeignete gesundheitliche und arbeitsrechtliche Schutzmaßnahmen wie ergonomische Bürostühle und ausreichende Beleuchtung. Ebenso wichtig sind diese Schutzmaßnahmen aber auch für Personen, die den Luxus der Telearbeit nicht in Anspruch nehmen können. Auch sie haben ein Recht darauf, dass ihre Gesundheit am Arbeitsplatz geschützt wird. Inklusive Hörgesundheit. Im Falle von Callcenter-Mitarbeitern zählt dazu, dass ihnen der Arbeitgeber ein Stereo-Headset zur Verfügung stellt und die gesetzlichen Vorgaben zum betrieblichen Lärmschutz einhält. In Deutschland sind diese beispielsweise in der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung verankert.

Hören im Call Center
© Getty Images

Hochrisiko-Bereiche

Aktuelle Untersuchungen aus den USA haben gezeigt, dass Beschäftigte im Dienstleistungsbereich einem erhöhten Risiko für Hörverlust ausgesetzt sind. Die Studie des Nationalen Instituts für Arbeitsschutz und Gesundheit untersuchte die Audiogramme von 1,9 Millionen Menschen, die in lärmintensiven Berufen tätig waren. Es fiel auf, dass Hörverlust vor allem im Dienstleistungssektor gehäuft auftrat. In diesen Sektor fallen der Bildungsbereich, Wäschereien, die Landschaftsgestaltung oder die Nahrungsmittelindustrie. Mit 17% war der Dienstleistungssektor überproportional stark von Hörverlust betroffen. Alle anderen Sektoren kamen zusammen auf eine Prävalenz von nur 1%.

Bestimmte Untergruppen des Dienstleistungssektors, zum Beispiel die Müllverarbeitung und -verbrennung, sind sogar einem doppelt so hohen Risiko für Schwerhörigkeit ausgesetzt. Bei anderen Untergruppen, die man spontan als risikoarm einstufen würde, nämlich Kindergartenpädagogen und Lehrern, zeigte sich eine Prävalenz von 26%.

Beschäftigte in Jobs, die man nicht so einfach ins virensichere Home Office verlegen kann, wagen es oft nicht, Arbeitsschutz einzufordern. Zu groß ist die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Es braucht mehr Bewusstseinsbildung, dass nicht alles dem Job untergeordnet werden darf - schon gar nicht die Hörgesundheit. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, seine Beschäftigung an einer ortsgebundenen Arbeitsstätte auszuüben. Was sich sehr wohl vermeiden lässt, ist die berufsbedingte Schwerhörigkeit. Arbeitnehmer dürfen von ihren Arbeitgebern notwendige Schutzmaßnahmen zum Erhalt der Hörfähigkeit und zur Lärmreduktion einfordern. Ein erster Schritt in diese Richtung ist die Umsetzung der Schutzmaßnahmen-Pyramide.

CI

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