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Arbeitsleben Die komplexe Beziehung zwischen "Arbeit" und "Leben"

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018
In der Sammlung Arbeit
Lesedauer: 4 Minuten

Mit der Arbeit ist das so eine Sache: Einerseits gibt sie unserem Leben Bedeutung und schenkt uns gesellschaftliche Anerkennung – andererseits können wir das nächste Wochenende oft kaum erwarten, ganz zu schweigen von Urlaub und Pension. Aber ohne Arbeit geht es auch nicht.

In den vergangenen Jahrhunderten hat sich das Image der Arbeit mehrfach gewandelt: Im antiken Griechenland und in Rom war sie Zwang, galt als banausisch und für Sklaven und Knechte gemacht, war schmutzig und unedel. Das Christentum dagegen hielt die Arbeit hoch; Paulus‘ Aussage „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, gilt vielerorts bis heute – worüber man natürlich unterschiedlicher Meinung sein kann.

Seit dem späteren Mittelalter hat sich die Einstellung zur Arbeit im Allgemeinen weiter verbessert und inzwischen gilt sie den meisten Menschen zumindest als Quelle gesellschaftlicher Anerkennung. Mehr noch: Heute sind wir oft so mit unserer Arbeit verwoben, dass wir uns ganz und gar mit ihr identifizieren. Die meisten industriellen Staaten haben sich zu Arbeitsgesellschaften entwickelt, in denen Arbeit nicht nur für das tägliche Brot sorgt, sondern auch für Sinn und Wertschätzung. Arbeit wurde in den letzten paar hundert Jahren also einigermaßen akzeptiert und geschätzt – doch eines war sie zumindest bei einigen Menschen wohl nie wirklich: Aus vollem Herzen geliebt. Immer war da ein gewisser Druck, ein mehr oder weniger nebulöses Gefühl von Zwang. Bis heute. Das muss doch einen Grund haben.

Dose
© Nina Cosford

Was ist Arbeit?

Das Wörterbuch Duden definiert Arbeit unter anderem als „Schaffen, Tätigsein, Ausführung eines Auftrags, Erwerbstätigkeit und Arbeitsplatz“. Soweit, so neutral – doch es gibt auch die andere Seite, denn ebenda heißt es auch: „Mühe, Anstrengung; Beschwerlichkeit, Plage“. Das passt wohl zu dem, wie so mancher arbeitende Mensch seine Sicht von Erwerbsarbeit definieren würde. Womöglich liegt das daran, dass viele Menschen im Job keine oder zu wenig Entscheidungsfreiheit haben. Möglicherweise werden manche in der Arbeit mit sinnlosen Abläufen beschäftigt, entmutigt, unter starken Druck gesetzt, schlecht bezahlt oder durch Maschinen ersetzt.

Erste Schritte

Doch immer mehr Unternehmen erkennen, dass stures Abarbeiten von Anweisungen die Produktivität und Kreativität ihrer Mitarbeiter nicht fördert. Eine Aufgabe abarbeiten ging zu Zeiten Henry Fords und seines Fließbands wunderbar: Schraube rein, Mutter rein, festziehen. Fertig. Nächstes Teil. Heute sind wir in der westlichen Welt längst in der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft angekommen. Unternehmen erkennen, wie vorteilhaft es ist, ihren Leuten Freiräume zu verschaffen und sie bei ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Denn dann werden die Menschen kreativ, eigenverantwortlich, schaffensfroh, sind selten krank, kommunizieren gut im Team, kommen mit Rückschlägen zurecht und lernen aus Fehlern.

Die meisten von uns möchten sich einbringen und anderen Menschen nützlich sein. Das ist unsere Natur. Dabei ist Erwerbsarbeit nur ein Teil von dem, was möglich ist: Weltweit engagieren sich Menschen unbezahlt in Verschönerungsvereinen, Umweltschutzgruppen, beim Roten Kreuz, bei Greenpeace, in Selbsthilfegruppen oder Flüchtlingsheimen; putzen ihre Wohnräume, tragen den Müll vor die Tür, wechseln Windeln, ziehen ihre Kinder groß oder die anderer, pflegen betagte Eltern, kümmern sich um Nachbargärten, um verwaiste Wildtiere und räumen Müll aus dem Wald.

Mädchen und Schatzkiste
© Nina Cosford

„Arbeit ist, wenn man, wie ich, nicht als Millionär geboren wurde, der einzige Weg zu einer unabhängigen Existenz.”

Erika Pichler Journalistin, Übersetzerin, Dolmetscherin – Salzburg

Aufbruch ins Neue

Arbeit bedeutet Aufgabe – und die hält uns fit. Neue Aufgaben fordern uns und lassen uns wachsen. Wenn wir es möchten, lassen wir uns jeden Tag aufs Neue von unserer Arbeit ermutigen, unsere Komfortzone zu verlassen. Und wenn wir das tun, dann lernen wir. Wir trainieren für’s Leben – und wirksames Training findet außerhalb der Komfortzone statt. Auf der Couch wird kein Marathon gewonnen. Arbeit bringt uns weiter; ob der Job bezahlt ist oder nicht spielt für das Entwickeln unserer persönlichen Stärken keine Rolle.

Doch was, wenn die Arbeit, die wir machen, uns nicht erfüllt, uns gar zuwider ist? Wer seine Situation nicht ändern kann oder will, hat die Möglichkeit, den Fokus auf die Vorteile zu richten, die die Arbeit jetzt gerade bringt: Geld, Beschäftigung, soziale Kontakte etc. – und kann sich dann fragen: Was brauche ich denn, damit die Situation sich für mich ändert? Weg vom Problem, hin zur Lösung. Womöglich liegt auch die außerhalb der Komfortzone. Aber der Schritt über die Grenze lohnt sich.

Lernen hält wach

Voraussetzung dafür ist das Bewusstsein über das eigene Potenzial. Wir alle kommen mit einer Schatulle voller Talente zur Welt und haben von klein auf den Wunsch, all das zu nutzen, was in uns steckt. Wir wollen wahrgenommen und akzeptiert werden, ernst genommen und wertgeschätzt. Für Schulen und Eltern bedeutet das: Hinschauen; wegdenken vom Einheitslehrplan, hin zu individueller Förderung. Das gilt nicht nur für Menschen mit so genannten besonderen Bedürfnissen – auch wenn die Förderung der Talente für hör-, seh-, geh- oder anders beeinträchtige Personen essentiell ist. Wenn wir genau hinsehen, sind wir doch alle Menschen mit besonderen Bedürfnissen, nämlich mit unseren ganz eigenen Bedürfnissen. Und Talenten. Denn wir alle sind eigenständig und jeder von uns auf ganz einzigartige Weise begabt. Doch eines haben wir gemeinsam: Wir brauchen Arbeit, Aufgaben, um wirklich zu leben und zu wachsen.

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