Artikel empfohlen

Auf Dauerschleife Was passiert, wenn wir einen Ohrwurm haben?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: September 2020
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 4 Minuten

Die meisten von uns kennen es: ein musikalisches Fragment, das sich in unserem Kopf festgesetzt hat, und stunden- manchmal sogar tagelang auf Dauerschleife läuft. Was passiert da wirklich?

Manchmal genügt ein einziges Wort, ein Bild, ein Geräusch, um uns an einen Song zu erinnern, oder an einen Ausschnitt daraus. Und schon werden wir von einem innerlichen Konzert überrascht.

Oft kann es sein, dass wir ein Lied seit Jahren nicht gehört haben, uns aber trotzdem dabei ertappen, den Songtext dazu auswendig zu können. So erstaunlich das im ersten Moment sein mag, in den darauffolgenden Tagen, wenn das Konzert in unserem Kopf weitergeht und derselbe Song auf Dauerschleife läuft, wird es eher mühsam und irritierend.

Der Ohrwurm

Dr. Oliver Sacks widmet dieser Thematik, nämlich dem Ohrwurm, ein gesamtes Kapitel in seinem Buch „Der einarmige Pianist: Über Musik und das Gehirn“.

Er erzählt von einem Freund, der „Love and Marriage“ von Frank Sinatra für mehr als 10 Tage am Stück nicht aus dem Kopf bekam. Mit der unaufhörlichen Wiederholung verlor der Song seinen Charme, seine beschwingte Melodie, seinen Sinn. Das Lied kam seinen Schulaufgaben, seinem Denken, seinem inneren Frieden und seinem Schlaf in die Quere.

Warum haben wir einen Ohrwurm?

Wir alle kennen diese Situation. Laut James Kellaris von der Universität Cincinnati, Ohio, haben 99% der Bevölkerung diese Erfahrung bereits gemacht: Das Bruchstück eines Songs bleibt in unserem Kopf hängen und wir versuchen verzweifelt, auf andere Gedanken zu kommen um nicht „hinhören“ zu müssen.

Das macht in einer Hinsicht sogar Sinn. Die Musikindustrie entwirft nämlich gezielt Melodien, die unsere Aufmerksamkeit binden und in uns akustische Erinnerungen formen – nicht nur an das Lied selbst, sondern auch an den Kontext, in dem wir es gehört haben.

Von Werbesongs bis hin zu den neusten Pophits: Je höher der Wiedererkennungswert eines Musikstückes ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass wir es uns immer und immer wieder anhören werden und wollen.

Meistens kann das für beide Seiten ein Gewinn sein. Wir genießen die emotionale Belohnung der Wiederholung und Vertrautheit, und die Musikindustrie erntet die Früchte in Form von gesteigerten Einnahmen durch Albumverkäufe oder was die Werbung mithilfe der Musik verkauft.

Erst wenn etwas unser akustisches Gedächtnis und unsere akustischen Erinnerungen aktiviert – und Musik auf Dauerschleife laufen lässt – lernen wir die Schattenseiten kennen.

Was passiert bei einem Ohrwurm im Gehirn?

Haben wir erst einmal einen Ohrwurm, wundern wir uns woher er kommt und wie das passieren konnte – vor allem dann, wenn er uns um zwei Uhr früh nicht schlafen lässt.

Hat es mit der Klangfarbe, dem Rhythmus oder der Melodie eines Musikstücks zu tun? Macht es einen Unterschied, ob es einen Songtext gibt, oder nicht? Spielt es eine Rolle, ob die Musik eine emotionale Reaktion auf bzw. die Erinnerung an ein wichtiges Ereignis auslöst?

Der Teil unseres Gehirns, der durch Musik aktiviert wird, ist der auditive Kortex, der auch Hörzentrum oder Hörrinde genannt wird. Laut einer Studie des Dartmouth College, New Hampshire, wird dieser Kortex auch dann stimuliert, wenn wir uns nur vorstellen, Geräusche oder einen Song zu hören.

Alle Testpersonen wurden mittels MRT untersucht, während ihnen Songs, die sie kannten, und Songs, die sie nicht kannten, vorgespielt wurden. Die Lieder wurden dann an beliebigen stellen pausiert. Handelte es sich um ein bekanntes Stück, blieb das Hörzentrum auch nach dem Verstummen der Musik aktiv.

“Es war, als würde das Gehirn die fehlenden Teile ergänzen“, so die Teilnehmerin Emily Cross. „Ich war nicht überrascht, als sie das Lied wieder weiterspielen ließen, weil es in meinem Kopf ohnehin weiterlief.“

Das führt zu einer Theorie, warum bestimmte Songs in unseren Köpfen hängen bleiben: Wenn wir nur einzelne Brocken eines Musikstücks hören, das uns bekannt ist, kann es passieren, dass unser Gehirn in einer Schleife landet und vergebens versucht, das Lied zu beenden.

Aber, es gibt auch andere Theorien.

Es kann sein, dass der Versuch, den Ohrwurm zu unterdrücken, sobald er uns auffällt, die Situation noch verschlimmert. Fast wie während einer Meditation, wenn wir versuchen an nichts zu denken und dabei erst recht anfangen nachzudenken. Der Akt des Widerstands verstärkt die Erfahrung.

Vielleicht ist es aber auch nur eine Möglichkeit das Gehirn zu beschäftigen, wenn es im „Leerlauf“ ist.

Kreuzworträtseln kann dabei helfen, einen Ohrwurm wieder loszuwerden.
© Getty Images

Kann man einen Ohrwurm wieder loswerden?

Neurowissenschaftler erforschen weiterhin die genauen Ursachen und die möglichen Lösungen für Ohrwürmer. Wir haben hier vorab schon 5 Methoden, die dabei helfen können, den Ohrwurm zum Schweigen zu bringen:

  1. Kaugummi kauen
    Nur im 21. Jahrhundert könnte es jemanden geben, der genug Zeit und Ressourcen hat, um eine Studie darüber anzustellen, ob Kaugummi einen Ohrwurm stören kann. Und, solch eine Studie existiert tatsächlich! Ein Forscherteam fand heraus, dass Kaugummi die Gehirnaktivität reguliert, die mit dem Hören, Erinnern und Vorstellen von Musik zusammenhängt. Dadurch würde die Wahrscheinlichkeit, einen Ohrwurm zu erleben, verringert.
  2. Den Song bis zum Ende anhören
    Wenn das Gehirn versucht einen Zusammenhang zwischen den Bruchstücken eines Songs herzustellen, kann es helfen, den Song von Anfang bis Ende durchzuhören. Am besten mit voller Aufmerksamkeit, ohne dabei etwas anderes zu tun.
  3. Das Gehirn aktivieren
    Um das Auftreten eines Ohrwurms, weil unserem Gehirn „langweilig“ ist, zu verhindern, hilft es, unsere grauen Zellen zu aktivieren. Optimal sind dazu Aufgaben, für die man Hirnschmalz benötigt: Ein Kreuzworträtsel ausfüllen, Sudoku spielen, ein Anagramm lösen, ein Buch lesen.
  4. Unterschiedliche Musik hören
    Wenn man die Dauerschleife im Kopf nicht durchbrechen kann, sollte man versuchen, den Song gegen einen anderen (der einen noch nicht verrückt gemacht hat) auszutauschen. Manche finden, dass Instrumentalmusik hilft. Im Idealfall sollte es jedoch ein neues Stück sein, das sich noch nicht in der eigenen Musikbibliothek befindet.
  5. Ein Hörbuch oder einen Podcast anhören
    Setzt sich ein Musikfragment fest, kann es helfen, das System mit einem nicht-musikalischen Hörerlebnis zu brechen, das einen dazu zwingt, sich auf die Bedeutung von Wörtern zu konzentrieren. Wenn man versucht Ideen und Konzepte zu interpretieren, hat der Ohrwurm wenig Platz.

Sollten all diese Methoden scheitern, so tröstet nur Vadim Prokhorovs Aussage: „Behandelte Ohrwürmer verschwinden innerhalb eines Tages, unbehandelte innert 24 Stunden.“

Schließen

Mehr aus der Sammlung Musik

Artikel

Videos

Externer Inhalt

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.