Interview

Wie sich Hörverlust auf das Gehirn auswirkt Andrew King erforscht Prozesse im Gehirn, die mit dem Hören zu tun haben

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 12.03.2019
In der Sammlung Rehabilitation
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Andrew King ist Professor für Neurophysiologie am Institut für Physiologie, Anatomie und Genetik der Universität von Oxford. Als Co-Direktor der Oxford Auditory Neuroscience Group erforscht er speziell jene Prozesse im Gehirn, die mit dem Hören zusammenhängen.

Was geschieht eigentlich im Gehirn, wenn wir das Gehör verlieren?

Das hängt stark davon ab, in welchem Alter man das Gehör verliert, wie stark der Hörverlust ist und ob nur ein Ohr oder beide Ohren betroffen sind. Wenn die Haarzellen im Innenohr absterben, geben sie keine Reize mehr an den Hörnerv ab. Dadurch degenerieren viele der Nervenfasern, die die Schallsignale vom Ohr ins Gehirn leiten. Geschieht dies schon in den frühen Entwicklungsjahren, bilden sich auch die Nervenzellen im so genannten Hörkern im Stammhirn zurück. Dieser kann dadurch weniger Reize an die Hirnrinde senden. Auch wenn das Gehör später wiederhergestellt wird, können die so veränderten Nervenzellen möglicherweise nicht mehr normal auf Schall reagieren, besonders auf Sprache.

Verändern sich die Hörareale des Gehirns dadurch?

Sie werden langsam für andere Funktionen genutzt. Die meisten Areale entlang der Hörbahn im Gehirn bekommen immer auch schwachen Input von anderen Sinnen, wie dem Seh- und dem Tastsinn. Das geschieht ganz besonders auf der Ebene der Gehirnrinde. Nach einem schweren Hörverlust, besonders wenn er in jungen Jahren passiert, erhält jener Teil der Hirnrinde, der eigentlich dem Gehör gewidmet wäre, überwiegend andere Sinnesreize. Das dürfte auch der Grund sein für die erhöhten Fähigkeiten, die Gehörlose im Bereich anderer Sinneswahrnehmungen entwickeln. Was ein Vorteil ist, weil dadurch der Hörverlust zum Teil kompensiert wird. Allerdings könnte diese Reorganisation des Hörzentrums im Gehirn auch das Wiedererlangen der Hörfähigkeit – zum Beispiel durch ein Cochlea-Implantat – erschweren.

Das Gehör wiederherzustellen ist also auch ein Wettlauf mit der Zeit?

Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen deutlich, dass die Zeit zwischen dem Hörverlust und der Implantation möglichst kurz sein sollte. Daneben gibt es aber auch zunehmend Hinweise darauf, dass ein geeignetes Verhaltenstraining die CI-Leistung auch später im Leben noch verbessern kann – auch wenn der Hörverlust schon in jungen Jahren passiert ist.

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