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„Schatz, lass uns Brücken bauen, keine Mauern“ Über das Abbauen der Barrieren, die die Kommunikation behindern

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Mai 2019
In der Sammlung Familie & Freunde
Lesedauer: 9 Minuten

Brücken verbinden Ufer und Straßenseiten. Sie öffnen den Weg nach draußen, führen auch mal ins Unbekannte. Öffnen Wege zu Neuem, überwinden Hindernisse, ja, ganze Schluchten. Vor allem verbinden Brücken Menschen miteinander. In der Liebe, in Beziehungen, im Alltag, im Arbeitsleben. Es sind Brücken unterschiedlichster Art und Weise, die wir, oftmals nicht wissend, in unserem Leben benötigen. Je nach Lebenslage immer wieder neu. Und manches Mal mehrere auf einmal. Statt die richtige Brücke zu suchen, zu nutzen oder gar selber zu bauen, neigen wir Menschen leider dazu, uns einzumauern. Schon Isaac Newton stellte fest: „Der Mensch baut zu viele Mauern und zu wenig Brücken.“

Die digitale Wand

Dafür gibt es sogar ein ganz aktuelles Mauerbeispiel, nämlich das Handy. Mit dem Fotoprojekt „Phone Wall“, Telefonwand, hat der chinesische Designer Shiyang He den Nerv der Zeit getroffen. In einer Werbekampagne für das Shenyang Center for Psychological Research veranschaulichte Shiyang He wie Smartphones Familienbeziehungen beeinflussen können. Obgleich mobile Geräte eine Welt voller Möglichkeiten sowohl für geschäftliche als auch für private Zwecke eröffnet haben, zeigt die Kampagne, dass es einen hohen Preis für die tägliche Nutzung dieser konstanten Technologie gibt. Die Bildunterschrift lautet nämlich: "Je mehr wir uns verbinden, desto weniger verbinden wir uns."

Diese Beobachtung wird durch die Anwesenheit einer riesigen Telefonwand in jedem der Bilder des Kreativen visualisiert. Die Handywand fasst zusammen, wie sehr die persönlichen Interaktionen der Menschen leiden, wenn sie zu sehr mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Ob mit dem Partner oder dem Kind, es ist leicht, sich in solchen Geräten zu verlieren, anstatt die Beziehungen zu pflegen, die wirklich wichtig sind. Im Wesentlichen erinnert Shiyang He die Menschen daran, dass es eine wichtige Welt gibt, die außerhalb des Internets und einzelner Smartphones existiert. Obgleich vier Jahre her, die Werbebotschaft erschien bereits 2015, bleibt die Aussage zeitgemäß. Genauer: Die Aufforderung, die sich dahinter verbirgt. Dass wir alle diese Mauer der Isolation loswerden können, wenn wir nur unseren Alltag überdenken. Und dabei geht es nicht allein um das Handy als Sinnbild für die Mauer, die uns von anderen trennt.

Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.

Guy de Maupassant
Handy-Mauer
Die "Handywand"
© Ogilvy (for the Center For Psychological Research, Shenyang)

Gestern ist nicht heute

Das ist natürlich wieder alles viel einfacher gesagt, als getan, denn das digitale Dorf, indem wir heute leben, bringt uns viele Annehmlichkeiten und Vorteile, aber auch gravierende Nachteile. Wie war das noch mal? Eine afrikanische Weisheit besagt, dass man ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind groß zu ziehen. Damit war allerdings nicht das digitale Dorf gemeint, mit Handy, Internet, sozialen Medien und dem ständigen Buhlen um Aufmerksamkeit der digital vernetzten Gemeinschaft oder gar dem Tablet als Babysitter, sondern das gemeine Dorf. Eines, das aus Menschen von Fleisch und Blut besteht, wo Menschen in direktem Kontakt miteinander sind.

Brücken der Zukunft

Ein Dorf, in dem es viele Menschen gibt, Onkels, Tanten, Geschwister, Freunde, Großeltern, die erweiterte Familie … Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt und trägt, eine Dorfgemeinschaft mit vielen Händen. Also die gute alte, verklärte Zeit, in der sicherlich nicht alles so heimelig war, wie wir uns das vorstellen. Träume sind Schäume. - Die meisten Menschen wollen gar nicht mehr in einem Dorf leben, das auch voller sozialer Kontrolle ist und wo alles so gemacht wird, wie es schon immer gemacht wurde. Es ist das globale Dorf mit seinen vielfältigen technischen Brücken, sozialen Errungenschaften und individuellen Freiheiten, welches uns aus Engen herausführt, Menschenverbindungen auf der ganzen Welt schafft und uns leicht und locker mit Informationen füllt, die noch vor einigen Jahren schwer zu bekommen waren. Und mitunter auch ziemlich teuer waren.

Schafft Vernetzung auch Verbindung?

Im Netz finden wir für jede Lebenslage in Beruf und Alltag Verbündete, Gleichgesinnte, ja, viele heute gar die Frau oder den Mann fürs Leben, Yippie! Es gibt Foren und Magazine und unendlich viele Interessen-Gruppen. Ganz viele Erklär-Videos, wahnsinnig viele kreative Ideen und eine schier grenzenlos anmutende Inspiration. Es gibt aber auch viel Hilfe, das ist unbestritten. Das Smartphone im Allgemeinen oder das Suchtpotenzial der digitalen Mediennutzung im Besonderen zum Sündenbock für zerrüttete Beziehungen abzustempeln, wird der Sache nämlich nicht gerecht. Ja, es stimmt, wir schauen permanent aufs Handy, das geht schon los, wenn wir morgens aufwachen. Etwa 50-mal am Tag schauen wir drauf, so haben Studien ergeben. Im Schnitt lassen wir uns alle 20 Minuten vom Leben ablenken, um Texte zu lesen, eine Spielerunde einzulegen, WhatsApp Nachrichten zu checken, diese zu beantworten, die Schlagzeilen zu checken, Schatzi zu schreiben, vielleicht noch ein Foto machen und das gleich posten: Twitter, Facebook, an den Familienchat, die Yogaklasse, die MamigruppeMami Gruppe, den Vaterclub …, und Omi werden jeden Tag Bilder der Enkel geschickt.

Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Die Möglichkeiten der Technik, die einem suggerieren, dass wir alle eng miteinander verbunden sind. Und genau da liegt die Crux. Vernetzung schafft nämlich nicht automatisch Verbindung, schon gar nicht, eine innige Beziehung mit anderen Menschen einzugehen, diese in all ihrer zwischen Himmel und Erde angesiedelten Verletzlichkeit zu gestalten. Das Smartphone mit all seinen Möglichkeiten (bleiben wir der Einfachheit halber einfach bei diesem), leistet durch die technischen Möglichkeiten, die es bietet, große Abhilfe und Super-Dienste. Mit unserem kleinen technischen Wunderwerk zwischen den Händen können wir uns problemlos mit wenigen Klicks mit unterschiedlichen Netzgemeinden verbinden, dem eigentlichen Problem, nämlich der steigenden Isolation in der analogen Welt, wird damit allerdings keine Abhilfe geschaffen. Das Gegenteil ist der Fall.

Zuhören

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Sprachlandschaften

Nun gibt es Netz-Evangelisten, die davon sprechen, dass wir nicht mehr zwischen analoger und digitaler Welt unterscheiden sollten, es eh nur noch wenige Jahre dauern wird, bis wir uns so etwas wie „analoge Welt“ gar nicht mehr vorstellen können. - Oder Künstler bräuchten, die uns das vermitteln, wie das mal war, „das Analoge“. Uns wird suggeriert, dass Technik alles ist – und Kommunikation sich dieser unterzuordnen hat. Aber weit gefehlt! Um es deutlich zu sagen: Jede Entwicklung des Lebens und jedes funktionierende Gemeinwesen beruht auf Kommunikation und auf Begegnung. Und nicht auf Technik, die übrigens ausfallen kann. Bei weiterer Betrachtung beinhaltet jede Form der Kommunikation die Möglichkeit des Brückenbaus, der Verbindung, oder der Isolation, somit des Mauerbaus. Will heißen: Mein Kommunikationsvermögen bestimmt darüber, wie ich mit anderen Menschen in Beziehung treten kann. Und damit, wie ich durch meine Sprachlandschaft die Welt wahrnehme und gestalte.

Menschen sind als soziale Wesen geschaffen und nicht fürs Alleinsein. Das Wesen unserer Kommunikation beruht auf dem Hören, denn das Ohr ist unser sozialstes Organ. Menschen, die mit Schwerhörigkeit zu kämpfen haben, wissen sehr genau, was es heißt, nicht dazuzugehören. Nicht an der Zugehörigkeits-Brücke Namens „Hören und Verstehen“ teilnehmen zu können. Ist doch jede Kommunikation und Begegnung von mindestens zwei Menschen immer mit Sprache und Ansprache verbunden. Dabei ist das Wahrnehmen von Signalen lebensnotwendig, ist unsere Kultur und Bildung im Wesentlichen auf das Hören ausgerichtet. Sprache ist mehr als Information, sie schafft Beziehung und Stimmung und damit Verbindung.

Zwei Seiten einer Medaille

Der oftmals nicht oder nur rudimentär hinterfragte Umgang mit Technik als Vernetzung, und Verbindung als Kommunikation schafft ein Vakuum, das jeden Menschen über kurz oder lang trifft. Ein Grund, warum ein Lifestylethema wie „digital detox“ für viele Menschen immer wichtiger wird. Auch, weil man sich dem „Multitasking“, ein weiterer Mythos, entziehen und „ganz bei sich selbst ankommen“ will. Wieder „Zeit für sich“ haben will, ohne „fremdbestimmt“ zu leben.

Nun macht es einen Unterschied, ob man mal seine verdiente Ruhe haben will, sich neu in seiner Welt und in den Beziehungen, die als wichtig erachtet werden, ausrichten will und dafür das Handy für einige Tage ausschaltet und einfach nicht erreichbar sein will. Oder man als Hörgeschädigte in einer Lebenssituation ist, wo sich diese Fragen so nicht stellen. Oder besser: Anders. Denn das Vakuum, indem Menschen mit Hörschädigung leben, ist kein einfaches, sondern ein doppeltes Vakuum. Ob analog oder digital - Menschen mit Hörschädigung stehen einer viel größeren Isolation gegenüber, als sich Guthörende dieses überhaupt nur vorstellen können. Und wer von „digital detox“ vor einem Hörgeschädigten spricht, hat noch nicht mitbekommen, dass das Handy mit Messenger Funktionen wie WhatsApp oder Telegram, oder einer schnöden SMS das bevorzugte Kommunikationsmittel von Menschen mit Hörbeeinträchtigung ist. Hier stimmt mal wieder die Binsenweisheit, dass es immer zwei Seiten der Medaille gibt. Diejenige von Hörgeschädigten wird selten mitgedacht, von Inklusion sind wir im Brückenbau-Verständnis noch weit entfernt.

Handy-Mauer
"Je mehr wir uns verbinden, desto weniger verbinden wir uns."
© Ogilvy (for the Center For Psychological Research, Shenyang)

Barrierefrei hoch 2

Schwerhörige haben eh schon das Problem, dass die „unsichtbare“ Schwerhörigkeit von „guthörenden“ Menschen als Einschränkung, als Mauer nicht nachvollzogen werden kann. Sie werden viel mehr als blinde Menschen stigmatisiert, als „schwer vom Begriff“, „dumm“, „weniger attraktiv“ etc. bezeichnet. Zumindest im europäischen Raum. In den USA wird damit anders, besser umgegangen. Auch, weil Gebärdensprache dort flächendeckend bereits in den High-Schools unterrichtet wird. Doch auch dann bleibt das Gefühl der Isolation nicht aus. Das Gefühl, nicht dazu zu gehören, begleitet einen oftmals ein Leben lang.

Deswegen ist es immens wichtig, darauf hinzuarbeiten, Barrieren, die die Kommunikation behindern, abzubauen. Dazu gehören gezielte Methoden in der Kommunikation wie z.B. Grundlangen der Gebärdensprache zu lernen, deutlich mit Hörgeschädigten sprechen, vor allem langsam und sehr artikuliert sprechen. Ganz wichtig sind elektronische Hörhilfen bei hochgradig schwerhörigen Menschen. Durch die technische Brücke eines Cochlea-Implantats kann die Hörfähigkeit in unterschiedlichem Maß wiederhergestellt werden – und damit auch die Teilhabe am sozialen Leben wie am Arbeitsleben (!) deutlich verbessert werden. Hier wird, im wahrsten Sinne des Wortes, durch die Vernetzung (Technik des Implantats) eine funktionierende Verbindung (Hören) am sozialen Leben ermöglich.

Die Österreichische Schwerhörigenselbsthilfe, ÖSSH, hat in einer klaren Übersicht herausgearbeitet, wie die Situation schwerhöriger Menschen ist, welche „Reihe von körperlichen, seelischen und sozialen Folgen“ diese mit sich bringen kann. Dazu gehören Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Ängste, Verunsicherungen bis hin zu Depressionen. Ebenso Leistungsminderung durch schwankendes Selbstwertgefühl, Angst vor weiterem Hör- und Sprachverlust sowie einer permanenten Aussetzung mit Diskriminierungen, um nur einige Merkmale zu nennen.

Gemeinsam Brücken bauen

All das muss nicht sein, beziehungsweise kann diesen erschwerenden Lebensherausforderungen mit Maßnahmen entgegengetreten werden. Maßnahmen die sinnvoll sind und so gut wie möglich aufeinander abgestimmt sind. Maßnahmen die darauf abzielen, Mauern sowie Zwischenwände abzureißen und Barrieren abzubauen. Schließlich gehört das Bedürfnis nach einer möglichst konfliktfreien, wertschätzenden und gelingenden Kommunikation zum Grundrecht eines Menschen. Ergo sind Menschen das wichtigste Glied in dieser Verbindungskette: Und zwar Menschen, die verstehen, in welcher Situation man als gehörgeschädigter Mensch steckt. Erst dann kommt die Technik. Und dann lässt sich sagen: „Wer sich richtig verbindet, ist gut vernetzt. Komm Schatz, lass uns Brücken bauen!“

MED-EL

Die Technik als Brücke

MED-EL und seine Technologien zielen darauf ab, Hörverlust als Barriere der Kommunikation zu überwinden. Erfahren Sie mehr über die innovativen Hörlösungen von MED-EL:

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