Artikel

Danke für die Musik Warum lieben wir die Musik so sehr? Und welche Rolle spielt sie in unserem Leben?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: September 2020
Lesedauer: 7 Minuten

Explore Life Autorin Julie Reid geht den emotionalen Vorteilen einer eigenen Playlist auf den Grund.

Der Sinn der Musik

Der Neurowissenschaftler und Autor Dr. Oliver Sacks eröffnet sein Buch „Der einarmige Pianist: Über Musik und das Gehirn“ mit einem Verweis auf ein anderes Buch – „Die letzte Generation“ von Arthur C. Clarke. In Clarkes Buch besuchen die sogenannten „Overlords“, Außerirdische, die Erde und finden sich auf einem Konzert wieder. Für sie ist das Szenario jedoch unverständlich und merkwürdig: Eine gesamte Spezies – Millionen von Menschen – beschäftigt sich mit sinnlosen Klangmustern und investiert einen Großteil ihrer Zeit in „Musik“.

Betrachtet man diese Annahme objektiv – unvoreingenommen, rein wissenschaftlich – so mag die Verwunderung der Overlords gar nicht so fehlplatziert sein. Denn etwas, das so zentral für viele von uns ist, ist aus biologischer und evolutionärer Sicht vollkommen bedeutungslos.

Selbst Darwin wunderte sich über den Sinn der Musik, wie er in seinem Buch „Die Abstammung des Menschen“ schrieb: „Da weder der Genuss, noch die Fähigkeit, musikalische Noten zu erzeugen, für den Menschen von geringstem Nutzen sind… müssen sie dennoch zu den geheimnisvollsten Eigenschaften zählen, mit denen der Mensch ausgestattet ist.“

Wie gut, dass wir Dinge nicht nur rein objektiv, unvoreingenommen und wissenschaftlich betrachten.

Die Freude an der Musik

Wir genießen Musik zum Vergnügen, des Zuhörens wegen. Für die Genugtuung, die wir empfinden, wenn wir lernen Musik zu machen. Und, für die Art und Weise, wie uns Musik fühlen lässt.

Für das Unerklärliche, was Musik letztlich bedeuten kann, fand Arthur Schopenhauer folgende Worte: „Das unaussprechlich Innige aller Musik, vermöge dessen sie als ein so ganz vertrautes und doch ewig fernes Paradies an uns vorüberzieht, so ganz verständlich und doch so unerklärlich ist, beruht darauf, dass sie alle Regungen unseres innersten Wesens wiedergibt, aber ganz ohne die Wirklichkeit und fern von ihrer Qual.“

Viele von uns haben einen Lieblingssong, oder ein Lieblingsalbum, den bzw. das wir heranziehen, wenn wir bestimmte Aufgaben zu erledigen haben.

Wir hören Musik mit einem starken Beat und einem schnellen Rhythmus, wenn wir Laufen gehen oder im Fitnessstudio sind. Die Musik verbindet sich unbewusst mit unserem Körper, sie bewegt uns förmlich und beweist Nietzsches Behauptung, dass wir „Musik mit unseren Muskeln hören“.

Manche von uns haben sogar eine eigene Playlist für lange Autofahrten. Musik, die die Landschaft widerspiegelt, die an uns vorbeizieht. Sie vermittelt vielleicht sogar Emotionen des Abenteuers, der Aufregung, des Aufbruchs.

Und wenn wir uns niedergeschlagen fühlen, greifen wir nach den Songs, die uns dabei helfen Platz für unseren Verlust, unser Bedauern, unsere Trauer zu finden. Musik kann einen sicheren Raum schaffen, in dem wir Emotionen erleben können, die im wirklichen Leben überwältigend sein könnten.

Glücklicherweise kann uns Musik auch wieder aus diesem Loch herausholen, und uns dabei helfen voranzukommen. Wir summen zur Melodie, während sich unser Geist und Körper an einen glücklicheren Ort bewegen.

“Nach dem Schweigen ist es die Musik, die dem Ausdruck des Unaussprechlichen am nächsten kommt.“

Aldous Huxley

Ein essenzieller Teil des Lebens

Musik ist ein Teil meines Lebens, solange ich mich erinnern kann. Sie war immer da. Sie ist immer da. Manchmal scheint es, als könnte ich ihr nicht einmal entkommen, wenn ich wollte. Sie läuft im Shop, während ich neue Kleidung anprobiere. Oder als Hintergrundmusik in Cafés und Restaurants. Ich habe in Digitalagenturen gearbeitet, in denen Musik den ganzen Tag lief – so laut, dass ich meine Telefonate in einem anderen Raum führen musste.

Wird etwas zur Gewohnheit, wird es schnell für selbstverständlich angenommen. Aber im Falle von Hörverlust – wenn die Musik verstummt – ist der Verlust für Betroffene deutlich spürbar. Ich war neugierig von Menschen zu hören, die genau dies erlebt hatten.

Was passiert, wenn die Musik verstummt?

Cathrine Forsberg liebt die Musik. Leider so sehr, dass das Hören von zu lauter Musik über Kopfhörer ihr Gehör bereits im Alter von 15 Jahren schädigte. Im Laufe der Zeit verschlimmerte sich ihr Hörverlust. Sie hatte Schwierigkeiten im Umgang mit anderen, Telefonieren wurde unmöglich, von der Musik selbst blieb ihr nur die Erinnerung. Je mehr ihr Hörvermögen abnahm, desto intensiver setzte sich Cathrine mit Hörlösungen auseinander. Ihre ursprüngliche Angst, Cochlea-Implantate würden zwar das Sprachverständnis wieder ermöglichen, den Musikgenuss jedoch nicht, wurde ihr durch Gespräche mit Bekannten, die selbst Hörimplantate tragen, genommen.

Im Jahr 2016 war es dann soweit. Cathrine erhielt ihr Cochlea-Implantat: „Jeden Tag entdecke ich spannende neue Klänge“, erzählt sie in ihrem Beitrag für MED-EL, dem Hersteller ihres Hörimplantates. „Ich habe viel geweint, aber es waren nur Freudentränen.“

Dreht die Musik wieder auf!

Die Musik spielt auch in René Vergés Leben, Musiker und Tonmeister von Beruf, eine wortwörtlich essenzielle Rolle. Nach einem Hörsturz, von dem er sich nicht erholte, konnte er seiner Arbeit nicht mehr nachgehen. Er entschloss sich für eine CI-Versorgung und stellte sich den Herausforderungen an sein musikalisch geschultes Ohr: „Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich guten Gewissens behaupten, dass Musikhören mit CI möglich ist – auch auf hohem Niveau!“

Sein Geheimtipp: Hören-Üben mit Geduld! Nach der Implantation und Aktivierung des Audioprozessors beginnt die Reha und das intensive Hörtraining. „Mit der eigenen Lieblingsmusik zu beginnen ist kein Fehler – immer wieder reinhören, aber nicht übertreiben.“, so sein Rat. „Nach mehreren Jahren als tauber Musiker und Tonmeister auf einigen Tourneen, Festivals und Konzerten, kann ich sagen, dass es wunderschön ist, wieder so Musik hören zu können. Fast wie früher!“

“Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Friedrich Nietzsche

Musik, ein emotionaler Spiegel

Als ich von Amerika nach England zog, entdeckte ich das Radioprogramm Desert Island Discs. Namhafte Personen – Prominente, Politiker, Wissenschaftler, Künstler, Autoren, etc. – besuchten die Sendung, um ihre acht Musikhits zu teilen, die sie auf eine verlassene Insel mitbringen würden. Sie durften auch ein Buch und einen Luxusartikel wählen, aber es waren die Songs, die im Rampenlicht der Show standen.

Die Stücke, die Menschen wählen, sagen etwas über ihre Persönlichkeit aus. Über die Art und Weise wie sie das Leben wahrnehmen und empfinden. Und über ihren mentalen Zustand. Viele der vorgestellten Songs zeichnen den Verlauf des Lebens auf. Beginnend mit der Musik, die die Kindheit prägte, weiter mit den Songs die als Wegweiser dienten bis zu auditiven Erinnerungen an bedeutsame Lebensereignisse.

Oft habe ich mir meine eigene Sammlung von Songs angesehen und mich gewundert, welche ich denn mit auf eine Insel nehmen würde. Welche denn passend als Hintergrund zu Sand, Meer und Sternenhimmel wären. Was erst als einfache Aufgabe erscheinen mag, entpuppt sich schnell als schier unüberwindbare Angelegenheit: ein Berg an Liedern und Alben! Eine großzügige Musikbibliothek voll mit meinen Lieblingssongs, die mich meine Erinnerungen und Gefühle immer wieder durchleben lassen.

Der Gedanke hat sich festgesetzt. Die Frage nach meiner eigenen Insel-Playlist darf nicht unbeantwortet bleiben. Ich bin fest dazu entschlossen, meine Auswahl zu treffen – auch wenn sie sich bereits geändert hat während dieser Artikel hier online gestellt wird.

Bereit? Ohren auf!

Meine eigene “Desert Island Discs” Playlist:

  1. Moon River (Audrey Hepburn): Nur von einer Ukulele begleitet sitzt Audrey Hepburn am Fenster ihres Apartments in Manhattan in „Frühstück bei Tiffany“. Ihr Gesang fängt all die Sehnsucht, Nostalgie und Hoffnung ein, die ich als junge Frau empfand, als ich von meinen eigenen Großstadtabenteuern träumte.
  2. Brazil (Pink Martini): Einer meiner Lieblingssongs meiner Lieblingsband. Der Song beginnt sanft und ruhig und baut sich dann zu einem vollen Orchester mit Beat auf – der Rhythmus steckt an! Nichts kann jedoch ein Live-Erlebnis dieses Songs übertreffen: Einen Moment, den man mit tausenden von Menschen teilt, alle verbunden durch die Kraft der Musik.
  3. Georgia on My Mind (Ray Charles): Dieser Song bedeutet Sommer für mich. Warme Nächte mit einer angenehmen Brise, Glühwürmchen, der Geruch von frisch gemähtem Gras und das Versprechen von „Was wäre wenn“ in der Luft. Dieses Lied kommt mit Liebe, Verlust und Sehnsucht.
  4. Where Do I Begin / Love Story (Shirley Bassey And Away Team): Dieser Remix von Shirley Bassey’s Ballade versetzt mich zurück in die frühen Tage meiner Ehe. Als ich zum ersten Mal begann tatsächlich zu glauben, dass ich meine eigene Liebesgeschichte gefunden habe.
  5. Another Day of Sun (La La Land): Dieses Lied hat etwas unbeschreiblich Aufmunterndes, Fröhliches an sich. Ganz gleich, wie niedergeschlagen ich mich fühlen mag, dieser Song zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen. Im Handumdrehen finde ich mich durch den Raum tanzend wieder, während die Hunde mich ansehen, als wäre ich verrückt.
  6. I Will Survive (Gloria Gaynor): Jeder Mensch braucht eine Hymne. Das ist meine. Dieser Song hat mir wieder auf die Beine geholfen, nachdem ich mich am Boden befand. Und, er schafft es jedes Mal wieder mich auf die Tanzfläche zu ziehen!
  7. Yachts (A Man Called Adam Mix): Wäre mein Leben ein Film, so wäre dies die passende Filmmusik. Eine Fusion aus lockerem Jazz und House Rhythmen. Diese Musik lässt meinen Tag länger, glamouröser und romantischer erscheinen.
  8. Happy Days Are Here Again (Barbra Streisand): Dieses Lied festigt in mir den Gedanken, dass dieser Moment – mit welchen Herausforderungen und welcher Traurigkeit er auch gefüllt sein mag – vorübergehen wird und dass die Sonne wieder scheinen wird.

Die Overlords waren vielleicht nicht in der Lage, der Musik, der sie auf Erden begegnet sind, Sinn zu verleihen, aber ich bin dankbar, dass wir Menschen die Fähigkeit bewahren, uns von diesen „bedeutungslosen Klangmustern“ bewegen zu lassen.

Plato bringt es für mich auf abschließend noch auf den Punkt:

„Musik verleiht dem Universum eine Seele, dem Geist Flügel, der Phantasie Flugkraft, der Traurigkeit einen Zauber und allen Dingen Freude und Leben.“

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.