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Das Hören und die Psyche Der Zusammenhang zwischen Hörverlust und psychischer Gesundheit

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juli 2020
In der Sammlung Leben
Lesedauer: 7 Minuten

Unsere psychische Gesundheit ist in unserer DNA verankert und untrennbar mit uns verbunden. Studien haben nachgewiesen, dass sich bei Menschen mit Hörbeeinträchtigungen zusätzliche Faktoren negativ auf die psychische Gesundheit auswirken können. Sarah MacKinlay illustriert, wie ein günstiges Umfeld und die Verwendung von Hörlösungen der Psyche zugutekommen können.

Hörbeeinträchtigung und ihre Folgen auf der großen Leinwand

Es galt als kleine Revolution, dass der Charakter des unglückseligen Jackson Maine, gespielt von Bradley Cooper, im 2019 Oscar-prämierten Film „A Star is Born“ mit chronischem Tinnitus dargestellt wurde.

Obwohl nicht Hauptthema des Films, verstehen viele ähnlich Betroffene nur allzu gut, wie es Maine geht, als er sein chronisches Hörproblem erkennt.

Maine beschließt, seinen Hörverlust zu verstecken und weiterzumachen wie bisher, ohne Hilfe in Anspruch zu nehmen. Seine psychische Gesundheit leidet darunter und wir spüren hautnah, wie seine Ängste und Sorgen immer größer werden und letztendlich zu seinem Untergang führen.

Die Geschichte wird einfach erzählt und bietet Einblicke und vielleicht auch ein besseres Verständnis dafür, wie es Familien geht, in denen ein Angehöriger mit einer Hörschwäche lebt. Die Angst, die Einsamkeit, die Unsicherheit, an wen, an welche Stellen sie sich wenden können, um Hilfe zu bekommen, werden im Film allesamt unterschwellig angesprochen.

Obwohl dieses Thema für einen Hollywood-Blockbuster eher ungewöhnlich ist, ist es dennoch eines, das Millionen von Menschen weltweit betrifft. Allein in Deutschland leben rund vier Millionen Menschen mit Tinnitus.

Die Forschung Zahlreiche Studien aus aller Welt lassen den Einfluss von Hörverlust auf die psychische Gesundheit erkennen. Unabhängig von den jeweiligen strukturellen Gegebenheiten kommen alle zum gleichen Schluss. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Fast 90 % der schwerhörigen Personen gaben an, soziale und persönliche Probleme zu haben, berichtet Clear Living im Februar 2020.

Andere Studien zeigen das Ausmaß, das Hörverlust auf die psychische Gesundheit und kognitive Funktionen haben kann. Im November 2018 veröffentlichten Grainne Crealey und Ciaran O´Neill die Erkenntnisse ihrer Untersuchungen im Oxford Journal of Public Health. Sie schlussfolgerten, dass Hörverlust bestimmte Aspekte der Gedächtnisleistung, Autonomie und Mobilität allmählich reduziert. Sie konnten auch einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und anderen gesundheitlichen Problemen nachweisen, darunter psychische Belastung, geistige Gesundheit, Depression, Demenz und soziale Isolation.

Die Forschungsergebnisse beschränken sich nicht nur auf die westliche Welt. Eine japanische Studie, die die Auswirkungen von Schwerhörigkeit auf Senioren untersuchte, kam zu ähnlichen Ergebnissen: Eine Hörbeeinträchtigung hat gravierende Folgen auf ältere Menschen, so die Studie der Universität Tsukuba in Japan aus dem Jahr 2016. Sie erläuterte im Detail, wie Hörverlust bei Senioren zu Ängsten, eingeschränkten Aktivitäten und unter Umständen zu geistigem Abbau bis hin zur Demenz führen kann. Yoko Kobayashi, Co-Autor der Studie, meint dazu: „Hörverlust zieht Senioren auf verschiedenste Weise arg in Mitleidenschaft, körperlich und geistig, und schränkt sie in ihrem täglichen Leben ein. Ein höheres Bewusstsein, was es heißt, schwerhörig zu sein, kann ihre Lebensqualität verbessern. Hilfsmittel wie Hörgeräte und die gesellschaftliche Unterstützung von Freiwilligen aus ihrem Umfeld helfen ihnen ebenfalls.“

Das Audioversum - Science Center in Innsbruck bietet Senioren Führungen an, um sie für das Hören und Hörverlust zu sensibilisieren und Bewusstsein zu schaffen.

Bewährte Lösungen

Der Autor unterstreicht wie wichtig es ist, frühzeitig etwas gegen Hörverlust zu unternehmen, zum Beispiel mit Hörhilfen.

Die Möglichkeiten, Menschen mit Hörverlust zu unterstützen und ihnen die gleiche Lebensqualität wie ihren hörenden Freunden, Kollegen und Verwandten zu ermöglichen, scheinen unendlich - und manchmal unendlich schwierig. Doch wer einmal die passende Hörlösung gefunden hat, darf durchaus auf gute Ergebnisse hoffen.

Eine vielbeachtete, über 25 Jahre laufende Studie, die im Journal of American Geriatrics Society veröffentlicht wurde, kam zu dem Schluss, dass die Verwendung von Hörlösungen das Risiko eines geistigen Abbaus verringert: „Ein subjektiver Hörverlust steht in Zusammenhang mit einem schnelleren geistigen Abbau bei älteren Menschen. Hörgeräte mildern diesen Abbau“, besagt die Studie.

Einen ähnlichen Beweis für den Nutzen von Hörlösungen erbringt eine Studie an 4000 Personen, die im Hearing Review im Jahr 2000 publiziert wurde. Sie ergab, dass sich Personen, die Hörhilfen verwendeten, nicht deprimiert fühlten - im Gegensatz zu jenen, die keine verwendeten.

Die Autoren dieser Studie, Sergei Kochkin und Carole Rogin, erkannten bei Nutzern von bewährten Lösungen ein höheres psychisches, körperliches, soziales und emotionales Wohlbefinden. Sie hatten ihr Leben besser unter Kontrolle und waren sozial aktiver.

Dauerhaft autonom

Hörverlust kann Menschen in jedem Alter treffen. Obwohl viele ihn automatisch mit dem Altwerden assoziieren, sind auch Neugeborene und Kleinkinder betroffen.

Die britische National Deaf Children‘s Society (NDCS), eine Selbsthilfeorganisation für schwerhörige Kinder, schrieb 2017 in einer Stellungnahme: „Gehörlose Kinder müssen sich ihrer Gehörlosigkeit bewusst werden und kompetent und selbstbewusst an all die damit verbundenen Herausforderungen herangehen.“ Der NDCS untersuchte auch die Hürden, vor denen Eltern gehörloser Kinder, die zu 90 % selbst gut hören, stehen. Ein Großteil der Vereinsarbeit besteht darin, Familien auf dem Weg zu einem positiven Selbstbild ihres Kindes zu begleiten.

Die Selbsthilfeorganisation bietet auch Material für Schulen, um schwerhörigen Kindern in Regelschulen eine positiv geprägte Schullaufbahn zu ermöglichen. Hohe Priorität wird dabei auch auf die „Förderung und Bewahrung der psychischen Gesundheit“ gelegt. Schulberatungsdienste oder Peer-Programme, bei denen gehörlose Kinder andere hörbeeinträchtigte Kinder im schulischen Umfeld begleiten, sind nur zwei der Möglichkeiten, um dieses Ziel zu erreichen.

Europäische Studie: Frischgebackene und werdende Mütter mit Hörverlust

In Lettland erhielten frischgebackene und werdende Mütter mit Hörverlust Unterstützung von der Europäischen Union. Das mit 51.000 Euro dotierte EU-Projekt „Together Beyond Silence“ (Gemeinsam jenseits der Stille) erkannte die Hürden, vor denen hörbeeinträchtigte Mütter stehen, zum Beispiel wenn sie medizinische Beratung benötigen. Das führt unausweichlich zu Stresssituationen und wirkt sich schädlich auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Mutter und Kind aus. Wenn womöglich noch Komplikationen bei der Geburt auftreten, die nicht klar kommuniziert werden können, erhöht das die Belastung noch zusätzlich. Ein aus diesem Projekt bezahlter, ausgebildeter Arzt fungiert als Mediator zwischen dem medizinischen Personal und der gebärenden Mutter und hilft mit, das Risiko für Mutter und Kind zu senken.

Das Projekt möchte eine sichere Umgebung für schwerhörige Mütter schaffen, in der sie in den wichtigen Tagen und Wochen nach der Geburt ihres Babys Unterstützung erfahren. Vor 10 Jahren gab es in ganz Lettland nur 20 ausgebildete Gebärdendolmetscher. Vor Einführung des Programms bekamen diese Frauen keinerlei spezielle Unterstützung.

Globale Pandemie

Während die größte Pandemie unserer Generation über den Erdball fegt, suchen Regierungen und Familien, im Großen wie im Kleinen, Tag und Nacht kreative Möglichkeiten, um im Lockdown und danach eine „neue Normalität“ für sich zu schaffen.

Menschen mit Hörproblemen sehen sich allerdings noch mit anderen Hürden konfrontiert. Kevin Munro, Professor für Audiologie an der Universität Manchester, weist auf ein sehr spezifisches Problem hin. Gesichtsmasken machen Hörbeeinträchtigten ungewollt das Leben schwer. Viele können plötzlich nicht mehr problemlos kommunizieren, „da sie wegen der Masken nicht mehr Lippen lesen können und Sprache deutlich leiser durchkommt“, erklärt der Professor in einem Interview für die Zeitschrift The Conversation.

Ohne visuelle Signale wird „die Verständigung schwieriger, da das Zuhören mehr Konzentration erfordert.“ Das bedeutet im Klartext: Schwerhörige können einem Gespräch zwar in Echtzeit folgen, benötigen aber so viel geistige Kapazität und Konzentration für das aktive Zuhören, dass weniger Gehirnkapazität übrigbleibt, um sich später an die Inhalte genau zu erinnern.

Durchsichtige Masken könnten eine Lösung sein, doch das ist wohl keine gangbare Option, da es in einigen Ländern ohnehin schon schwierig ist, Schutzmasken zu bekommen.

Natürlich ist die Verwendung von Gesichtsmasken wichtig für unsere Sicherheit und hilft außerdem, den Abstand zu wahren, doch Professor Munro warnt, dass Masken für Menschen mit Hörstörungen auch zu sozialer Isolation und in Folge zu psychischen Problemen führen können.

Schwerhörige Patienten, die wegen einer Krankheit oder eines Unfalls in ein Krankenhaus eingeliefert werden, dürfen aufgrund der Vorsichtsmaßnahmen von niemandem begleitet werden und sind auf sich allein gestellt. Doch gerade in dieser Ausnahmesituation in einer unbekannten Umgebung sind sie besonders schutzbedürftig und stehen unter enormer Anspannung, weil im Krankenhaus eine Schutzmaske an vorderster Front natürlich Pflicht ist.

Professor Munro weiß, dass bestimmte Atemschutzmasken, wie die N95 und FFP3 Masken, eine exzellente Filterleistung aufweisen, sie verringern und verzerren dabei allerdings gleichzeitig das Sprachsignal. Das macht die Verständigung zwischen medizinischem Personal und Patienten besonders schwierig. In Kombination mit dem ständigen Zischen einer Sauerstoffmaske, den ohnehin immer vorhandenen Hintergrundgeräuschen oder dem Atmen durch eine Sauerstoffbrille wird Kommunikation praktisch unmöglich, ergänzt er.

Praktische Ratschläge von Professor Munro für Hörbeeinträchtigte in Zeiten von Covid-19:

  1. Egal, welche Hörlösung Sie verwenden, nehmen Sie sie unbedingt ins Krankenhaus mit, wenn Sie dazu noch in der Lage sind.
  2. Bitten Sie das medizinische Personal, langsam zu sprechen, nicht zu schreien und Hintergrundgeräusche nach Möglichkeit zu minimieren.
  3. Manche Krankenhäuser stellen tragbare Hörverstärker zur Verfügung. Fragen Sie danach und machen Sie auf Ihr Hörproblem aufmerksam.
  4. Wenn Sie Ihre Hörhilfe nicht mitnehmen konnten, versuchen Sie es mit Smartphone-Apps, die Sprache in Echtzeit in Text umwandeln.

Quelle: The Conversation

Die Welt verändert sich gerade auf unvorstellbare Weise. Das globale Wettrennen um eine schnelle Lösung gegen die Pandemie ist voll im Gange. Für Menschen mit Hörproblemen gibt es bereits ausgereifte Lösungen, die helfen, ihre Einsamkeit, Sorgen, Depressionen und sonstigen Barrieren für eine ausgewogene Psyche zu überwinden. Dank moderner Hörlösungen können diese Menschen trotzdem ein eigenständiges, aktives und ausgefülltes Leben führen.

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