Portrait

Das neue Hören Die Geschichte einer unterstützenden Familie

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Oktober 2019
In der Sammlung Rehabilitation
Lesedauer: 6 Minuten

Meister fallen bekanntlich nicht vom Himmel – und auch das Hören mit Cochlea-Implantat will gelernt sein. Das Geheimrezept für den Lernerfolg: Professionelle Therapie, Gelassenheit, Durchhaltevermögen und vor allem eine gehörige Portion Spaß.

Gewöhnlich ungewöhnlich

Der Alltag von James Neethling ist typisch für einen Jugendlichen: voller Action. Nicht nur Schule, Hausaufgaben und Lernen stehen auf der Tagesordnung, James ist auch leidenschaftlicher Rugby-Spieler, nimmt an Cross-Country-Laufwettbewerben teil und spielt Cricket. Außerdem malt James auf hohem Niveau (das Titelbild zum Beispiel), spielt Klarinette – und ist wie alle jungen Männer gern und viel mit seinen Freunden unterwegs.

Das würde locker reichen, um einen Tag im Leben eines Teenagers auszufüllen. Aber es gibt da noch etwas anderes in James Leben: das Hören üben.
Das linke Ohr des Australiers ist von Geburt an taub. Mit 17 Jahren bekam James daher auf diesem Ohr ein Cochlea-Implantat (CI). Auf dem rechten Ohr trägt er ein Hörgerät. Seit der Implantation heißt es: neue Synapsen im Hör- und Sprachzentrum aufbauen. Dreimal pro Woche besucht ihn für die Rehabilitation ein Lehrer zu Hause. Fünfmal wöchentlich übt er mit der Familie oder alleine. „Wir haben eine strikte Routine“, berichtet seine Mutter Kerry Neethling. James baut täglich vier Übungssequenzen in seinen Alltag ein, jeweils mit ausgeschaltetem Hörgerät und eingeschaltetem CI: Er hört Musik und versucht das Lied zu erkennen, er sieht sich seine Lieblingssendung, "Die Simpsons", an, er liest laut vor und unterhält sich mit seinen Eltern oder seinem jüngeren Bruder, um sich an den Klang verschiedener Stimmen zu gewöhnen.

James Geschichte

2014 erhielt der damals 17-jährige Australier James Neethling ein Cochlea-Implantat. Er wurde einseitig taub geboren, im anderen Ohr, dem rechten, war er damals zudem hochgradig hörgeschädigt. Mit drei Jahren wäre James als CI-Kandidat in Frage gekommen, wurde jedoch aufgrund seines Restgehörs im rechten Ohr als nicht geeignet eingestuft.

Die Kriterien haben sich seitdem jedoch in den meisten Ländern stark geändert: Auch Menschen mit einseitigem Hörverlust werden von nationalen Gesundheitssystemen mit einem CI unterstütz. Der Grund dafür ist, dass binaurales Hören, also das Hören mit beiden Ohren, ein besseres Sprachverständnis in lauten Umgebungen ermöglicht und man so auch bestimmen kann, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Letztendlich hilft es auch den Lernfortschritt zu beschleunigen.

Kinder, die jung implantiert wurden, können wie auf natürlichem Wege hören und sprechen lernen. Da James sein Implantat in seinen späten Teenager-Jahren bekam, muss er nun einem strengen Rehabilitationsplan folgen, der auch regelmäßiges Üben zu Hause vorsieht.

Das ideale Alter für ein CI

Erst mit 17 Jahren ein CI zu bekommen, ist nicht üblich. Ideal ist es ebenso wenig. Doch was ist das ideale Alter für ein Implantat? „Je früher, desto besser“, sagt Joanna Brachmaier, Leiterin der Rehabilitationsabteilung für den Hörimplantate-Hersteller MED-EL: „Der Hörsinn wird als erster Sinn entwickelt. Schon ab der 24. Schwangerschaftswoche können Babys Laute wahrnehmen.“ Sie brauchen das Hören, um später einmal selbst sprechen zu können. Fehlt den Kindern diese Erfahrung, weil sie taub oder schwerhörig sind, gelangt keine oder zu wenig Information ans Gehirn. Die Sprech- und Sprachentwicklung kann sich verzögern. Je später ein hörbeeinträchtigtes Kind mit Hörgerät oder Implantat versorgt wird, umso mühevoller lernt es hören und sprechen.

Es wäre also besser, ein CI in jungen Jahren zu bekommen, idealerweise bis zum Alter von zwei Jahren. Bis dahin weist der auditive Kortex bei hörenden und nicht hörenden Kindern dieselben Funktionen auf. Bei nicht hörenden Kindern verringert sich die Kapazität danach bis zum siebenten Lebensjahr um die Hälfte und nimmt dann weiter ab. James Neethling lernt erst jetzt, was früh Implantierte schon können. Doch er hat im Lauf seiner Kindheit Strategien gefunden, um mit der Beeinträchtigung zu leben: In der Klasse sucht er einen Platz in der Nähe des Lehrers, beim Rugby spielt er an einer Außenposition, damit er möglichst alles im Blick hat, was am Spielfeld vor sich geht. Denn darauf, dass er die Rufe der Spieler hört, kann er sich noch nicht verlassen.

Familie Neethling
Die Familie Neethling
© Archiv

Spaß als Schlüssel zum Hörerfolg

Ein wichtiger Schlüssel bei der Förderung von Kindern mit CI ist das Spielen, sowohl mit einem Therapeuten als auch in der Familie. Babys mit CI können noch kein eindeutiges Feedback geben, ob sie etwas verstanden haben. Daher arbeiten Logopäden zunächst viel mit Musik. Helen Peebles, Principle Speech & Language Therapist am „Listening for Life Centre“ in Bradford, Großbritannien, sagt: „Die meisten Kinder lieben es zu singen und Musik zu hören.“ Sobald sie es können, spielen viele der CI-Patienten ein Instrument.

Gerade bei ganz kleinen Kindern unterscheidet sich das „Training“ nicht unbedingt davon, wie Eltern mit hörenden Kindern umgehen. So zeigt der Vater etwa auf das Bild einer Kuh und sagt „Muh“. Oder die Mutter deutet auf ein vorbeifahrendes Feuerwehrauto und ahmt die Sirene nach. Joanna Brachmaier: „Die Eltern sollten ihr Kind auf natürlichem Weg fördern. Spielen Sie mit Ihrem Kind, wie Sie mit jedem anderen Kind spielen würden.“ Rituale wie Lesen oder Vorlesen, Singen, Geschichten erzählen, das Kind beim Spazierengehen auf Geräusche aufmerksam machen und benennen, altersgerechte Spiele spielen und andere Kinder treffen – all das fördert die Entwicklung von Hören und Sprechen.

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Doch Brachmaier warnt: Eltern müssen eine Balance finden und ihre Kinder fördern, ohne sie zu überfordern. Konkret heißt das etwa, das Kind aussprechen zu lassen oder ihm Zeit zu geben, das Gehörte zu verarbeiten und auf eine Antwort auch einmal etwas länger zu warten. Die Übereifrigkeit mancher Eltern äußert sich mitunter im Vergleichen ihrer eigenen mit anderen Kindern, die schneller vorankommen und der darauf folgenden Frustration oder auch darin, dass möglichst viel tönendes Spielzeug gekauft wird. Von beidem rät die Sprachtherapeutin ab.

„Die Eltern sollten ihr Kind auf natürlichem Weg fördern.“

Joanna Brachmaier, MED-EL

Ungeduld und Frust – das kennt wohl jeder, der etwas Neues lernt. Hören und Sprechen sind zwei scheinbar selbstverständliche Dinge – wer es nicht gut kann, fühlt sich manchmal wie ein Außenseiter. Je älter ein Kind wird, umso größer wird die sprachliche Ausdrucksfähigkeit seiner Peergroup und umso anstrengender wird es für hörbehinderte Menschen, Gesprächen zu folgen – das merkt James Neethling immer wieder.

„Ich denke, James hat gehofft, dass er schneller Fortschritte macht“, sagt seine Mutter. „Uns wurde gesagt, dass der Lernprozess bis zu zwei Jahre dauern kann. Er ist jetzt bei der Hälfte – und wie bei einem Rennen darf man nicht bei der Hälfte aufhören, sondern muss bis zum Ziel laufen.“

James hat Glück. Seine Eltern, sein Bruder und seine Freunde ermutigen ihn, dranzubleiben. Auch in der Schule wird er von seinen Lehrern und Mitschülern unterstützt. Kerry Neethling hält es für entscheidend, dass ihr Sohn nicht das Gefühl hat, er müsse hart arbeiten: „Er soll Spaß haben beim Üben.” Und wenn ihm die Plateau-Phasen wieder zu schaffen machen, in denen jedes Üben zwecklos scheint, hält ihn das Belohnungssystem, das seine Eltern eingeführt haben, bei der Stange: Auf einer Tafel haken sie jede Übungseinheit ab, und wenn ein Monat voll ist, bekommt James ein kleines Geschenk, das er sich zuvor ausgesucht hat. So lassen sich selbst die Entwicklungspausen, die das Gehirn zum Kraft tanken braucht, ganz gut überbrücken.

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