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Das Wesentliche ist für die Ohren (un)hörbar Eine Ode an den Hörsinn

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: August 2020
In der Sammlung Hören
Lesedauer: 7 Minuten

Es gibt eine Stelle im Buch „Der Kleine Prinz“, die immer wieder zitiert wird: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ - Das sagt übrigens der Fuchs zu seinem Freund, dem kleinen Prinzen, nicht umgekehrt. - Und dieses Geheimnis, nämlich dass das Wesentliche unsichtbar und nur mit dem Herzen zu erfahren ist, begeistert seit jeher große und kleine Fans dieses literarischen Weltbestsellers von Antoine de Saint-Exupéry.

Geheimnisvolle Ohren

Ob und inwieweit der Franzose sich von der Barockschriftstellerin Madeleine de Scudéry hat inspirieren lassen, ist nicht bekannt. Interessant ist aber, dass die berühmteste französische Literatin des 17. Jahrhunderts mit einem Zitat noch immer in aller Munde ist: „Das Ohr ist der Weg zum Herzen.“ Diese zauberhafte Alltagsweisheit stellt damit das Ohr, nicht das Auge in den Vordergrund, um zum Mittelpunkt des Menschen zu gelangen: Das Herz. Nun könnte man das als unterschiedliche literarische Standpunkte auffassen, oder als Spielerei der Worte – auch davon lebt die Literatur. Doch handelt es sich hier weder um eine Spielerei, noch um unterschiedliche Aspekte. Ob wir das Ohr oder das Auge im Fokus haben ist Ausdruck einer kulturellen, philosophischen als auch spirituellen Prägung, die uns heute nicht sonderlich bewusst ist. Und die unterschiedlicher nicht sein kann. Mit ernsten Folgen für unsere Gesellschaft. Und ernsten Folgen für unser Hörverständnis.

Unerhört! Der Hörverlust in der Philosophie

Theodor W. Adorno ist einer der wenigen Philosophen, der das Hören in der Philosophie zum Thema macht. Kein Wunder, ließe sich sagen, der berühmte Philosoph und Soziologe Adorno war nämlich zusätzlich Musiktheoretiker und ein guter Komponist. Eine ungewöhnliche Kombination. Die Musik – und damit das Hören - hatte bereits in seinem Elternhaus eine große Rolle gespielt. Aufs Ganze lässt sich allerdings sagen, dass es ein eher singuläres Ereignis ist, das Hören in den Mittelpunkt zu stellen: In der Philosophie geht es bei der ästhetischen Wahrnehmung vornehmlich ums Sehen, das Ohr verschwindet gegenüber dem Auge. Warum? Ganz einfach: Die griechische Antike stellt für unsere humanistische Kultur ein Vermächtnis dar, das noch immer wirkt. Dazu gehört auch der Vorrang des Sehens vor dem Hören.

Überraschende Fähigkeit: Das absolute Gehör

Das Randthema Hören wird gesellschaftlich dann zu einem Sujet, wenn es um Schwerhörigkeit geht – oder um das Geheimnis des absoluten Gehörs. Sozusagen das andere Extrem auf der Richterskala des Hörens. Mozart, Bach, Jimi Hendrix, die Geigerin Anne-Sophie Mutter – ihnen allen wird die Fähigkeit von Wunderkindern nachgesagt, jeden Ton richtig in ein Tonsystem einordnen zu können. Und das, ohne dass sie einen Referenzton benötigen. Mittlerweile gibt es viele internationale Untersuchungen, die dem Geheimnis des absoluten Gehörs auf die Schliche kommen wollen. Laut der Musikpsychologin Diana Deutsch von der Universität San Diego in Kalifornien kann jeder Mensch ein absolutes Gehör haben. Man müsse nur früh genug eine Tonsprache wie Mandarin, Thai oder eine westafrikanische Sprache wie Ibibio oder Haussa lernen. Andere Forscher wiederum meinen, dass das absolute Gehör, ähnlich wie die Körpergröße, erblich bedingt sei. Die vielen interessanten Untersuchungen lassen dabei eines außer Acht, nämlich die Bedeutung des Hörens in der Religion.

Was sagt die Religion?

Ist die Mutter aller Wissenschaften, die Philosophie, weitgehend eine optische Veranstaltung, kommt dem Ohr in der Offenbarungsreligion eine Schlüsselrolle zu. Im Hören liegt der Schlüssel, mit dem Gottes Stimme zu den Menschen spricht. Die beliebte Schätzfrage, wie oft in der Bibel vom Hören die Rede ist, lässt sich – je nach Bibelausgabe – folgend beantworten: 1042 mal bei Luther, 1171 mal in der Übersetzung „Hoffnung für alle“ und 1222 mal in der Einheitsübersetzung. – Es ist somit ein ganz wichtiges Ding, dieses Hören, Zuhören, Anhören aber auch gehört zu werden und Gehorsam zu sein. Im meistverkauften Buch der Welt – Schätzungen gehen von zwei bis drei Milliarden aus – werden nicht nur Sonne, Mond und Sterne, sondern alles, was auf der Erde ist – der Mensch als „Krone der Schöpfung“ eingeschlossen – in Existenz gerufen. Gott malte demnach nicht, er verfasste auch keinen HipHop-Song oder spielte mit Würfeln, wie Albert Einstein in seinem berühmten Zitat „Gott würfelt nicht“ wusste, sondern Gott sprach. Und sprechen und Hören ge-hört im wahrsten Sinne des Wortpaares zusammen.

Kammerton A

Bereits vor zehn Jahren haben japanische Wissenschaftler entdeckt, dass jedes Baby mit dem absoluten Gehör auf die Welt kommen soll. Ihre Erklärung: Das Ohr wird vor dem Auge ausgebildet und das Kind hört im Mutterleib das Herz der Mutter schlagen, es nimmt bereits im Werden Kontakt mit Mutter und Außenwelt auf – über das Ohr, über das Hören. Wie auch der Sehsinn benötigt der Hörsinn in seiner Entwicklung Reize, die von außen kommen, um sich entwickeln zu können. Bereits ab der 20. Schwangerschaftswoche kann das Ungeborene akustische Signale wahrnehmen, ein Grund, warum dem Neugeborenen die Stimme seiner Mutter von Anfang an vertraut ist. Gleichzeitig reagiert es ab Mitte der Schwangerschaft auch körperlich auf Hörreize, so zuckt es z.B. bei lauten Geräuschen zusammen. Kommt es auf die Welt, so piepsen Babys nicht, sie schreien: Im Kammerton A. – Das ist der Referenzton, um Musikinstrumente zu stimmen.

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Erfolg trotz Schwerhörigkeit

Dass ein intaktes Gehör die Voraussetzung für eine normale Sprachentwicklung ist, bedarf keiner weiteren Erklärung. Auch das wird gesellschaftlich als selbstverständlich vorausgesetzt. Vielleicht ist das der Grund, warum das Hören, im Gegensatz zum Sehen, nicht bei ärztlichen Routinekontrollen getestet wird. Noch nicht einmal bei einer schweren Erkältung oder Infektion. Ein bekanntes Beispiel ist das der Engländerin Evelyn Glennie (Jahrgang 1965), die als berühmteste Schlagzeugerin der Welt gilt und gar von der Queen zur Dame geadelt wurde. Vor ihrem Übertritt in die höhere Schule stellte ein Amtsarzt zufällig fest, dass Evelyn hochgradig schwerhörig war. Die Folge einer schleichenden Schädigung des Hörnervs, vermutlich ausgelöst durch eine verschleppte Entzündung.

Die musikalisch hochbegabte Evelyn Glennie hat trotz ihres Handicaps ihren Weg gefunden. Und ist ein Beispiel für das, was Menschen mit Hörschädigung leisten können. Sie hat sich dabei auf etwas konzentriert, das für sie wesentlich ist, nämlich die Musik. Und die Musik ist, wie wir alle wissen, einer von mehreren Wegen, der zum Herzen führt. Nun ist nicht jeder Mensch hochmusikalisch und nicht jeder muss ein Instrument beherrschen können oder extrem sprachbegabt sein, um diesen Weg zu gehen.

Evelyn Glennie
Evelyn Glennie
© Philipp Rathmer

Die Begegnung mit den Herzensohren

Um noch einmal Madame Scudéry’s „Das Ohr ist der Weg zum Herzen“ aufzugreifen: Das Wesentliche hat mit dem inneren Ohr zu tun, der inneren Stimme, der Intuition, den sogenannten Herzensohren, die es innerlich zu entdecken gilt und die geöffnet sein wollen, möchte man zum Wesentlichen seines Lebens kommen. Dass das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist, steht dem übrigens nicht entgegen. Denn auch die Herzensaugen wollen geöffnet sein, um die Welt mit den Augen der Liebe wahrzunehmen. Saint-Exupéry und Scudéry haben somit zwei Seiten einer Medaille beschrieben.

Ohne Lärm keine Ruhe

Dennoch bleibt abzuwarten, wie eine Gesellschaft, die auf das äußerliche Auge fixiert ist, mit dem Geheimnis des Hörens auf Dauer umgehen wird. Die explosionsartige Ausbreitung von Yoga- und Meditationskursen ist sicherlich ein Zeichen, dass der auch von äußeren Reizen und Lärm überflutete Mensch eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe hat, eine Ruhe, die eine Form von innerer Zentriertheit, Gelassenheit und Seelenfrieden ist.

Das 'O' im "Ohr" steht (für) "offen"

Im Gegensatz zu den Augen können wir unsere Ohren nicht verschließen. Die Ohren sind immer offen, sie sind unser Bild für „das Offensein, das Geöffnet sein“ des Menschen. Unser Ohr ist immer offen, auch im Schlaf. Der Gehörsinn ist der einzige der fünf Sinne, der rundherum alles aufnehmen kann. Die anderen Sinne, beispielsweise die Augen, können hinten nichts sehen, sondern nur das, was in ihr Blickfeld kommt. Die Ohren können uns über das benachrichtigen, was nicht im Blickfeld ist, was hinter uns geschieht, in einem Nebenraum, auf der Straße, im Verkehr. Oder auch beim Morgengrauen, wenn wir die Vögel zwitschern hören. Oder die Nachbarn, die sich lautstark ein Stockwerk drunter streiten, oder ein fröhliches Lachen, und manchmal auch Weinen. All das können wir nicht riechen, wir können es nicht ertasten oder sehen, aber wir können es hören.

Das Ohr ist demnach der umfassende Sinn. Und unser Ohr ermuntert uns dazu offen zu sein, für andere, für die Welt, für sich selbst, und umfassend zu sein – nicht eingeengt. Das Ohr, nicht das Auge, ist das Tor zur Welt. Es ist die Straße der Sehnsucht, zur Welt der Innerlichkeit und zur äußeren Welt. Wir tun gut daran, unseren Ohren, unserem Gehör wieder den Stellenwert zuzuschreiben, den es ursprünglich hatte: Es ist der Weg zum Herzen. Es ist der Weg, der das Wesentliche wieder hörbar macht und weiß das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

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