Portrait

Der Erfinder von Hörlösungen
Geoffrey Ball, der gehörlos aufwuchs und seine eigene Hörlösung erfand

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juni 2021
In der Sammlung Gesundheit
Lesedauer: 5 Minuten

Geoffrey Ball war einer der ersten Menschen, die sich ein Mittelohrimplantat einsetzen ließen. Er hat es selbst erfunden. Seine Geschichte trägt wohl mehrere Titel, wir erzählen Ihnen hier: „Wie ein Kalifornier Gehörlose wieder hörend gemacht hat“.

Vom Silicon Valley nach Innsbruck

Geoffrey Ball greift mit beiden Händen in eine Kiste. Zieht behutsam einen schwarzen Metallkasten aus dem dicken Schaumstoff, am Ende prangt ein riesiges Objektiv. „Funktioniert das noch?“, fragt er in den Raum. Kopfnicken von den Labortischen. Fast schon bewundernd dreht er den schuhschachtelgroßen Kasten in seinen Händen. Es ist jener Laser mit dem er zum ersten Mal ein menschliches Ohr millimetergenau vermessen hat. Das ist jetzt fast ein Vierteljahrhundert her.

Geoffrey Ball ist ein Meister seines Fachs. Auf wissenschaftlichen Konferenzen erstarren die jungen Kollegen schon mal vor lauter Ehrfurcht, wenn er sich in die erste Reihe setzt, um ihnen zuzuhören. Denn der Kalifornier hat sein ganzes Leben einer Frage gewidmet: Wie kann ich Gehörlose hörend machen? Dafür studierte er, tüftelte nächtelang in Labors, wertete Daten aus, bastelte in der Garage seiner Eltern im kalifornischen Silicon Valley. Dabei trieb ihn etwas an, das andere Forscher nur von ihren Messgeräten und Datenblättern kennen: Geoffrey Ball ist seit seiner Kindheit gehörlos.

Ein Traum wird wahr

Es ist Freitag in einem Bürogebäude am Rande von Innsbruck, Österreich. Draußen scheint die Sonne über die Alpengipfel, drinnen sitzen ein paar Techniker an Labortischen. Ihr Chef schlendert in blauem Blazer und Teddybär-Krawatte an ihnen vorbei. An den Wänden hat er einige seiner 113 angemeldeten Patente aufhängen lassen. Seit einigen Jahren arbeitet Geoffrey Ball als technischer Direktor bei MED-EL. „Woran wir im Detail arbeiten, ist geheim“, sagt Ball während er an hochsensiblen Mikrofonen und schalldichten Messkammern vorbeiführt. Hin und wieder streicht er sich über die kurzen braunen Haare hinter den Ohren. Dort, kaum sichtbar, haftet seine größte Erfindung (oder zumindest der sichtbare Teil davon): Der Audioprozessor der Vibrant Soundbridge. Ein Mittelohrimplantat, das die Gehörknöchelchen mechanisch direkt stimuliert. Im Jahr 1997 war er der fünfte Mensch, dem sie eingesetzt wurde. Es ist der Traum eines kleinen Jungen, der nach Jahren wahr geworden ist. Er wird ihn vom Silicon Valley bis nach Innsbruck führen und ihn am Ende Musik, Wellenrauschen und Vogel zwitschern hören lassen.

CI

Mittelohrimplantate

Ein Mittelohrimplantat ist eine einfache, aber sehr effektive Lösung, um wieder deutlich und natürlich hören zu können. Die Soundbridge ist ein einzigartiges aktives Mittelohrimplantat-System, das Menschen mit Hörverlust hilft, wieder zu hören.

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Die Geschichte von seiner Selbstheilung

Geoffrey Ball wächst in den 1960er Jahren im kalifornischen Sunnyvale auf. Als er fünf Jahre alt ist, verschlechtert sich sein Gehör: Schallempfindungsschwerhörigkeit. Sie entsteht durch fehlende oder beschädigte Sinneszellen (Haarzellen) in der Cochlea im Innenohr. Eine leichte bis schwere Schallempfindungsschwerhörigkeit kann häufig mit Hörgeräten oder einem Mittelohr-Implantat behandelt werden.

Warum sein Gehör damals nachgelassen hat, weiß er bis heute nicht, es wird wohl hohes Fieber gewesen sein. Die Ärzte testen ihn aus, vergeblich. Der junge Geoffrey lernt Lippen lesen, bekommt Hörgeräte. Sie sind in diesen Jahren die einzige technische Lösung und eher simpel. Geoffrey würde sie lieber nicht tragen. Sie krachen, sind groß und unangenehm. Er fühlt, wie ihn die anderen anstarren. Ein CI kommt für ihn nicht in Frage, denn sein Hörverlust ist laut damaligen Kriterien nicht schwer genug. Er beschließt, etwas Besseres zu erfinden. Er will sich selbst heilen.

Es dauert bis in die Achtzigerjahre, Ball forscht an der Eliteuniversität Stanford. Über Jahre hinweg baut er in Kalifornien ein Gerät, das alles ändert. Er nennt es den Floating Mass Transducer. Statt die Schallwellen nur zu verstärken und von außen ins Ohr zu pumpen, bringt das neue Implantat den Ton direkt ins Mittelohr. „Als ich aufgewachsen bin, gab es solche Technologien nicht“, sagt Ball. „Heute haben wir für viele Hörbeeinträchtigungen mehrere Lösungen. Wir haben die Gehörlosigkeit geheilt.“ 1996 erhält der erste Patient Balls Mittelohrimplantat. Es läuft noch heute.

„Wir haben die Gehörlosigkeit geheilt.“

Geoffrey Ball
Geoffrey Ball
Geoffrey Ball mit seiner Autobiografie „…und ich höre doch!“
© Birgit Köll

Während das Produkt funktioniert, bleibt der unternehmerische Erfolg aus. Denn als Ball nach langen klinischen Studien um die Jahrtausendwende endlich bereit ist, mit seiner Firma Symphonix durchzustarten, krachen zwei Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center. Die Börsen kollabieren, die Aktien von Symphonix fallen. Als es schon fast zu spät ist, greift Ball zum Telefon.

Der Erfinder versucht verzweifelt, sein Lebenswerk zu retten. Die vielen Jahre Forschung und Entwicklung, die vielen Patente sollen nicht in einem Konkurs verschwinden. Die Frau, deren Nummer er deswegen wählt, heißt Ingeborg Hochmair. Die gebürtige Wienerin entwickelt und produziert seit Jahren Hörimplantate und hat mit ihrem Mann Erwin das Innsbrucker Unternehmen MED-EL gegründet. Ein paar Stunden nach dem Telefonat sitzt sie im Flieger nach Kalifornien. „Ich weiß bis heute nicht, wie sie so schnell da war“, sagt Ball. Es war Rettung in letzter Sekunde. MED-EL bietet ihm an, die gesamte Forschung und Produktion nach Innsbruck zu bringen. Geoffrey Ball sagt Ja.

Es ist nun über 15 Jahre her, dass der Kalifornier mit seiner Frau Sabina in die Alpen gezogen ist. „Ich werde sicher hier bleiben“, sagt Ball. „Alle meine drei Kinder sind hier geboren, sie gehen hier zur Schule, sind mit Deutsch aufgewachsen.“ Der findige Erfinder aus dem Silicon Valley hat sich in Innsbruck eingelebt. Zusammen mit seinen neuen Kollegen hat er ein weiteres Implantat erfunden, die Bonebridge. Sie verwandelt Schallwellen in mechanische Schwingungen, die über die Schädelknochen direkt ans Innenohr geleitet werden. Eine weitere kleine Revolution. Seine kleinen Ticks hat sich der Kalifornier über all die Jahre erhalten: die Wände seines Büros sind schwarz gestrichen, die Klimaanlage bläst frostige Luft in den Raum. „Ich konnte immer schon in dunklen, kühlen Bibliotheken am konzentriertesten Arbeiten“, sagt Geoffrey Ball und lacht.

Dabei schafft er es gar nicht mehr so oft in Bibliotheken oder Labors wie früher. Als Chef muss er heute Kongresse besuchen, Papierkram organisieren und seine zwei Dutzend Mitarbeiter führen. Sie sind es, die sein Werk perfektionieren, in den Labors tüfteln. Sie suchen nach neuen Ideen, wie alle Menschen besser hören können. Die Audioprozessoren verbessern sich Jahr um Jahr, vor allem Kinder sollen mit den Geräten schwimmen und spielen können, der Klang könne immer noch besser werden. „Es gibt ständig neue Herausforderungen“, sagt Geoffrey Ball. „Wenn man einen Berggipfel erklommen hat, sieht man meistens, dass dahinter noch viele andere warten.“

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