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Der Klang der Stille Der Effekt von Stille auf unsere Gesundheit

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: März 2020
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 7 Minuten

Täglich sind wir von den unterschiedlichsten Tönen und Geräuschen umgeben. Ein Klang jedoch ist selten zu hören, obwohl er besonders wohltuend ist: der Klang der Stille. Die Abwesenheit von Geräuschen und Lärm wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit, unsere Kognition und unser Wohlbefinden aus – auf Dauer kann allerdings auch Stille schädlich sein.

Die Bedeutung von Stille für unser Gehirn

Blutdruck, Hormonausschüttung, Schlaf und Kreativität: Stille transformiert Körper, Geist und Seele. Viele Studien befassen sich mit dem Effekt von Stille auf die physische und psychische Gesundheit. Je besser wir informiert sind, desto aktiver können wir von Stille profitieren.

Der Körper entspannt sich

Stille hat zahlreiche positive Auswirkungen auf unseren Körper: Beispielsweise nimmt Stress deutlich ab, was anhand der niedrigeren Cortisol- und Adrenalinpegel im Blut zu messen ist. Eine Studie aus dem Jahr 2006 belegt, dass nur zwei Minuten Stille die Anspannung in Körper und Gehirn verringern und sogar noch entspannender als Musik wirken.

Die Blutzirkulation im Gehirn reguliert Stille ebenso wie den allgemeinen Blutdruck; sie hilft, Herzinfarkte zu vermeiden und das Immunsystem zu stärken. Sie beeinflusst nicht nur wie bereits erwähnt die Hormonausschüttung, sondern unterstützt die Zusammenarbeit derjenigen Systeme, die von Hormonen gesteuert werden – so etwa den Stoff- und Energiewechsel, den Blutzuckerspiegel, den Menstruationszyklus und den Sexualtrieb.

Darüber hinaus beeinflusst das aktive Erleben von Stille laut einer Studie aus dem Jahr 2015 das Schlafverhalten vor allem älterer Erwachsener positiv. Im Wachzustand wiederum bekommen wir Zugang zum Default Mode Network (DMN). Dabei handelt es sich um diejenigen Hirnregionen, die beim Nichtstun aktiv sind und reizunabhängiges Denken, wie etwa beim Tagträumen, ermöglichen.

Stille ist einem Beitrag im Journal Brain Structure and Function aus dem Jahr 2013 zufolge nicht zuletzt Doping fürs Gehirn. Im Rahmen einer Studie untersuchte das Team um die Wissenschaftlerin Imke Kirste eine Gruppe von Mäusen und gelangte zu erstaunlichen Ergebnissen: Zwei Stunden Stille erzeugen neue Zellen im Hippocampus, also dem Teil des Gehirns, in dem Lernprozesse, Erinnerungen und Emotionen angesiedelt sind. Die neuen Zellen wären per se unnütz – doch sie haben sich zu funktionierenden Neuronen entwickelt, die Impulse und Informationen weiterleiten. Stille lässt das Gehirn also tatsächlich wachsen!

Geist und Seele blühen auf

Nicht nur unser Körper, auch unser Geist und unsere Seele laben sich an Stille. Haben wir die Möglichkeit und erlauben es uns, in Ruhe zu verharren, entwickeln wir ein tieferes Bewusstsein für unsere Umwelt und uns selbst. Denn Stille fördert nicht nur die reine Innenschau, sondern eine kritische und nachhaltige Reflexion. Wir erkennen Zusammenhänge und finden die Kraft, unser Leben zu gestalten – egal ob auf privater, beruflicher oder gar gesellschaftlicher Ebene.

Stille ist außerdem ein regelrechter Kreativitäts-Booster, wenn man bedenkt, dass sie das bereits erwähnte DMN aktiviert. Beim Nichtstun lassen wir unseren Gedanken freien Lauf und finden so Inspiration für Neues. Alte Probleme können wir jetzt aus einer anderen Perspektive betrachten und finden so innovative Lösungen. Darüber hinaus wagen wir in Gedanken, was wir uns sonst nie trauen würden – und wenn ein Gedanke einmal gefasst ist, kann er Wirklichkeit werden.

Im Alltag sollten wir öfters Pausen vom Lärm einlegen
Besonders dann, wenn wir täglich mit Stadtlärm konfrontiert werden, tut es gut, "Lärmpausen" einzulegen.
© Getty Images

Stille – im Alltag schwer zu finden

Zuhause läuft das Radio, die Waschmaschine schleudert und der Kühlschrank surrt. Draußen hupen Autos, überstimmt werden sie nur vom Presslufthammer von der Baustelle, bis schließlich auch noch ein Martinshorn ertönt. Wenn wir endlich am Arbeitsplatz angekommen sind, telefoniert der Kollege bereits lauthals und klappert parallel dazu auf seiner Tastatur. Die Geräuschkulisse vor allem in Städten scheint keine Pause zu dulden und es ist nahezu unmöglich, im Alltag Stille zu erleben. Dabei wäre sie mehr als notwendig, um gesund und produktiv zu sein.

Arbeitsplatz Großraumbüro

Der Zusammenhang zwischen Stille und Gesundheit/Leistungsfähigkeit wird vor allem in Großraumbüros deutlich. Diese erfreuen sich immer größerer Beliebtheit – leider zu Unrecht und auf Kosten der Angestellten, wie etwa die Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage in den USA, Finnland, Kanada und Australien nahelegen. Wissenschaftler der University of Sydney untersuchten unter anderem Faktoren wie Luftqualität, Privatsphäre, Lichtverhältnisse und Geräusche in Großraumbüros. Sie fanden heraus, dass die Mitarbeiter vergleichsweise gestresst und häufiger krank sind und dass neben dem Mangel an Privatsphäre vor allem der Lärmpegel für große Unzufriedenheit sorgt. Das bestätigt auch ein Forschungsergebnis des Psychologen Matthew Davis: Im Vergleich zu Angestellten, die in kleinen oder gar Einzelbüros arbeiten, sind Mitarbeiter in Großraumbüros häufiger gestresst, deutlich weniger konzentriert und motiviert. Es ist also kein Wunder, dass ihre Produktivität darunter leidet.

Lärmkontamination – eine moderne Plage?

2011 identifizierte die World Health Organization Lärmkontamination als „moderne Plage“ und folgerte, dass es „überwältigende Beweise dafür gibt, dass die Belastung durch Umweltlärm negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hat.“
Doch wann wird eigentlich aus Schall und Geräuschen Lärm? Geschädigt wird das Gehör ab 80 Dezibel, ab 85 Dezibel am Arbeitsplatz ist ein Gehörschutz verpflichtend. Doch betrachtet man den maximal zulässigen Dauerschallpegel, der von Baustellen ausgehen darf – 55 Dezibel –, wird schnell klar: Lärm muss nicht immer ohrenbetäubend laut sein. Noch bevor das Gehör geschädigt wird, leiden wir unter Schallemissionen. Unser Körper schüttet Stresshormone aus, der Blutdruck steigt. Wir werden unkonzentriert, ja aggressiv, was das menschliche Miteinander deutlich erschwert. Weitere Folgen sind ein erhöhtes Infarktrisiko, Schlaganfälle und Tinnitus. Die Konzentration und Leistungsfähigkeit leidet – insbesondere bei Kindern, wie ein Beitrag in Psychological Science aus dem Jahr 2002 nachweist.

Kinder leiden besonders unter Lärm

Ein Team aus Wissenschaftlern untersuchte damals den Effekt, den die Verlegung des Münchner Flughafens auf die Gesundheit und kognitive Leistung von Kindern hatte. Sechs Monate vor der Verlegung und je 12 und 18 Monate danach führte das Team Tests in den Bereichen Lesen, Erinnerung, Aufmerksamkeit und Hören bei Dritt- und Viertklässlern durch, die in der Nähe der beiden Flughafenstandorte wohnten und dort auch zur Schule gingen.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Leseverständnis und Langzeitgedächtnis der in der Nähe zum alten Flugplatz wohnenden Kinder sich verbessert haben, nachdem der Flughafen umgezogen war. Die Leistung derjenigen Kinder in der Nähe des neuen Flugplatzes hingegen sank. Außerdem konnten die Forscher nachweisen, dass Kinder, die langfristig Lärm ausgesetzt sind, eine Stressreaktion entwickeln: Sie ignorieren zwar den Lärm, ebenso aber wichtige Stimuli wie Sprache. Obwohl ihr Gehör nicht geschädigt ist, blieb ihre Aufnahmefähigkeit für Sprache bestehen, nachdem die Lärmquelle verstummt war.

Akustische Pausen schaffen Abhilfe

Die gute Nachricht lautet: Wir haben die Möglichkeit, negativen Auswirkungen von Lärm auf unsere kognitive Leistung, unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden entgegenzuwirken. Wir müssen lediglich aktiv Abstand und Stille suchen – beispielsweise in der Natur, deren Geräusche eine heilsame Wirkung haben. Doch selbst wenn wir in einer Stadt leben und selten Gelegenheit für Ausflüge haben, können wir unsere Ohren schonen, indem wir akustische Pausen einlegen. Zu Hause können wir beispielsweise das Radio oder den Fernseher abstellen und Stille genießen – für einen längeren Zeitraum. Zehn Stunden Ruhe sind empfohlen. Das klingt nach viel, ist jedoch angemessen, um Hörschäden zu vermeiden – zumal wir zwischen sechs und acht Stunden schlafen!

Wie wir lernen, Stille wertzuschätzen

Haben wir es verlernt, Stille wertzuschätzen? Man könnte es meinen, betrachtet man die Ergebnisse eines Experiments, dessen Resultate 2014 im Magazin Science veröffentlicht worden sind: Freiwillige Studienteilnehmer wurden darum gebeten, sich zwischen sechs und 15 Minuten lang jeweils alleine in einem Raum aufzuhalten. Zur Verfügung gestellt wurde ihnen lediglich ein Knopf – drückten sie diesen, verpassten sie sich selbst einen leichten elektrischen Schock. 12 von 18 Männern und sechs von 24 Frauen zogen es vor, sich einen Schock zu verpassen, statt allein mit ihren Gedanken zu sein. Viele verpassten sich mehr als einmal einen Schock.

Timothy Wilson zufolge, einem der Wissenschaftler hinter dem Experiment, ist dieses Verhalten durchaus normal. Das menschliche Gehirn sei dazu konstruiert, sich mit der Außenwelt zu verbinden. Selbst wenn sich ganz auf sich selbst konzentrieren will, ist die Aufmerksamkeit doch zu einem großen Teil nach Außen gerichtet. Es gibt jedoch Techniken, mit denen man die Gedanken kontrollieren kann – mit Mediation zum Beispiel. Einige Menschen scheuen sich davor, zu meditieren, weil sie glauben, dass sie ihre Gedanken komplett abstellen müssten. Das stimmt jedoch nicht so ganz: Gedanken dürfen durchaus kommen, man sollte sie aber auch wieder loslassen können.

Fällt Ihnen das noch zu schwer, fangen Sie mit einfacheren Übungen an:

  • Beginnen Sie beispielsweise Ihren Tag mit Stille. Stellen Sie Ihren Wecker zehn Minuten früher und verbringen Sie die gewonnene Zeit allein mit sich selbst.
  • Eine weitere Möglichkeit ist ein Spaziergang in der Natur. Ohne dabei Musik über Ihre Kopfhörer zu hören.
  • Atemübungen sind ebenfalls eine gute Idee und können zur Vorbereitung intensiverer Mediation dienen.

Dauerhafte Stille schadet dem Gehirn

Alle beschriebenen positiven Effekte werden hinfällig und Stille verwandelt sich in einen schädlichen Faktor, wenn wir ihr zu lange ausgesetzt sind. Dies gilt hauptsächlich für Menschen, die von Hörverlust betroffen sind. Wie Professor der Neurophysiologie, Andrew King uns erklärt: Wenn Haarzellen im Innenohr absterben, geben sie keine Impulse mehr an den Hörnerv ab. Die Nervenzellen im so genannten Hörkern im Stammhirn bilden sich also zurück. Daher ist es wichtig, dass die Dauer der Stille, also die Zeit zwischen dem Hörverlust und der Behandung mit Hörlösungen, wie etwa mit Cochlea-Implantat, möglichst kurz sein sollte.

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