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Der Klang unserer Städte Wie Lärm unsere Städte kontaminiert und unsere Gesundheit gefährdet

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: November 2020
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Lesedauer: 7 Minuten

Die Städte der Welt sind von unterschiedlichen Geräuschen geprägt. Jede hat ihren charakteristischen Sound, der jedoch nicht immer angenehm ist. Ballungszentren kämpfen vermehrt mit Lärmkontamination; diese wiederum hat erwiesenermaßen erhebliche negative Konsequenzen auf die Gesundheit, Sicherheit und allgemeine Lebensqualität. Deshalb und nicht zuletzt, weil sich die Welt immer weiter urbanisiert, sind smarte Lösungen im Kampf gegen den Lärm erforderlich.

Jede Stadt hat ihren Soundtrack

Von Ost nach West und Nord nach Süd: Der Soundtrack einer jeden Stadt auf der Welt ist so individuell wie ihre Bewohner. Während in Lissabon die Straßenbahnen an Sehenswürdigkeiten vorbeirattern, braust in London die Tube unterirdisch durch die Stadt. New Jersey ist stärker von Verkehrsgeräuschen geprägt als New York, wo vor allem menschliche Stimmen zum urbanen Sound beitragen. Besuchen wir alte Städte wie Rom oder Madrid, werden die Stimmen von Musik begleitet.

Vor einigen Jahren hat eine Gruppe von Forschern eine Soundkartografie für 12 Städte in den USA und Europa erstellt, um aufzuzeigen, welche Geräusche den Klang der Städte ausmachen und welche Emotionen sie jeweils hervorrufen. Chatty Maps erlaubt einen akustischen Spaziergang beispielsweise durch London, Washington oder Barcelona. Jede Straße ist einzeln anklickbar und mit Daten versehen: Auf der Rambla etwa machen Verkehrsgeräusche und Geräusche aus Gebäuden nur etwa 20 Prozent aus; über 30 Prozent sind menschliche Stimmen, knapp 27 Prozent Naturgeräusche und rund 23 Prozent Musik – Geräusche, die Vertrauen, Freude und gespannte Erwartung hervorrufen. Auf dem Canal Bank Drive in Chicago hingegen herrschen Angst, Wut und Trauer vor, ausgelöst durch Verkehrsgeräusche in der Höhe von 99 Prozent.

Die lautesten und leisesten Städte der Welt

Städte unterscheiden sich jedoch nicht nur durch ihre jeweils typischen Geräusche. Auch ihre Lärmpegel variieren stark, wie eine weltweite Studie anlässlich des World Hearing Days 2017 mit über 200.000 Teilnehmern belegt. Die Ergebnisse wurden im Worldwide Hearing Index zusammengetragen: So verzeichnet die Schweizer Hauptstadt Zürich die geringste Lärmkontamination, Guangzhou in China hingegen die höchste.

Stadtlärm schädigt das Gehör

Laut der WHO stellt Lärmkontamination ein ernstzunehmendes Risiko für Gesundheit und Wohlbefinden dar und beeinträchtigt zunehmend den Alltag in der Schule, am Arbeitsplatz und zu Hause.

Was ist Lärmkontamination?

Lärm ist in Städten allgegenwärtig. Sind wir ihm regelmäßig und über längere Zeit ausgesetzt, zieht das negative gesundheitliche Konsequenzen nach sich. Bis zu 70 Dezibel sind zwar auch über längere Zeiträume unbedenklich, doch ab 85 Dezibel über etwa acht Stunden pro Tag wird es gefährlich. In einer Stadt ist es oftmals kaum möglich, sich abzugrenzen: Leben oder arbeiten wir beispielsweise in der Nähe einer viel befahrenen Straße, sind wir einen Großteil des Tages Lärm von 85 Dezibel ausgesetzt.

Zur Lärmkontamination tragen typischerweise bei:

  • Verkehrsgeräusche von Bus, Bahn, Rettungswagen, aber auch Fußgängern
  • Flughafenbetrieb
  • Bahnhofsbetrieb
  • Industrielärm
  • Baustellenlärm
  • Laute Musik bei Konzerten und in der näheren Umgebung von Veranstaltungsorten
  • Weitere Geräusche bei Veranstaltungen, wie etwa Feuerwerke
  • Geräusche an Arbeitsplätzen, so z. B. in Großraumbüros
  • Nachbarschaftslärm: TV-Geräusche, Radio, Waschmaschinen, Staubsauger, Klimaanlagen, Rasenmäher, etc.

Risiken für die Gesundheit

Lärm gefährdet unsere Gesundheit erwiesenermaßen auf vielfältige Art und Weise. Zu den Problemen, die durch Lärmkontamination verursacht oder begünstigt werden, gehören unter anderem:

  • Bluthochdruck
  • Herz-Kreislauf-Störungen
  • Schlafstörungen
  • Geräuschüberempfindlichkeit
  • Entwicklungsstörungen bei Kindern
  • Psychische Erkrankungen, z. B. Depression
  • Demenz

Lärm und Hörverlust sind miteinander verbunden

Die bereits erwähnte Studie aus dem Jahr 2017 lässt außerdem auf einen direkten Zusammenhang zwischen Lärmkontamination in Städten und Hörverlust schließen – die Korrelation liegt bei 64 Prozent. Menschen in Ballungszentren können davon ausgehen, dass ihr Hörvermögen nicht ihrem tatsächlichen Alter entspricht. So haben beispielsweise Londoner Frauen das Gehör einer um 15,5 Jahre älteren Person, bei Londoner Männern sind es 14 Jahre Unterschied. Während sich Wiener und Wienerinnen eines vergleichsweise guten Gehörs erfreuen, sind besonders viele Bewohner und Bewohnerinnen von Neu-Delhi von Hörverlust betroffen.

Laut Angaben der UN wird unsere Welt immer weiter urbanisiert und es ist zu erwarten, dass bis zum Jahr 2050 knapp über 65 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden; aktuell sind es bereits 55 Prozent. Je mehr Menschen aber in Städte ziehen und je weiter auch ländliche Gebiete verstädtert werden, desto dringender wird die Frage: Wie können wir unsere urbanen Zentren angenehmer, gesünder und sicherer machen?

Hörverlust in der Stadt – ein Sicherheitsrisiko

Hörvermögen und persönliche Sicherheit gehen Hand in Hand – vor allem aber in Großstädten. Eine Gefahr macht sich oft erst akustisch bemerkbar, bevor wir sie sehen. Dazu gehören nicht nur Autos und Motorräder, sondern auch Fahrräder oder etwa eine Person, die sich uns nähert und uns möglicherweise Schaden zufügen will. Hören allein reicht jedoch noch lange nicht, wir brauchen schon ein gutes Gehör, um alle Geräusche aus einer städtischen Lärmkulisse herausfiltern zu können. Ein ausgewogenes Gehör erlaubt es uns zum einen, die Richtung auszumachen, aus der ein bedrohliches Geräusch kommt. Zum anderen können wir schätzen, wie weit entfernt die Geräuschquelle ist. Menschen, die nur auf einem Ohr (gut) hören, haben diesen Vorteil nicht und sehen sich einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Die persönliche Sicherheit ist die eine Seite, die andere jedoch ist die akustische Vielfalt, auf die Menschen mit Hörverlust Tag für Tag verzichten müssen. Durch das Grundrauschen des Lärms hindurch können sie beispielsweise nicht mehr die ohnehin spärlichen Naturgeräusche wie Vogelgezwitscher oder Wind in den Baumkronen wahrnehmen – erwiesenermaßen Geräusche, die förderlich für die Gesundheit sind. Auch Gespräche anderer Menschen, die einen Bummel durch die Stadt manchmal erst richtig interessant gestalten, verpassen sie.

Lärmreduktion ist unerlässlich

Der WHO zufolge sind heute schon über 430 Millionen Menschen von Hörverlust betroffen. Bewahrheiten sich die Prognosen, werden es in 30 Jahren doppelt so viele sein, unter anderem aufgrund der Lärmkontamination in Städten. Wenn wir das verhindern – und für mehr Sicherheit und allgemeine Gesundheit der Bevölkerung sorgen wollen, müssen wir in den Städten hieb- und stichfeste Konzepte zur Lärmreduktion entwickeln.

Leider ist es um den städtischen Lärmschutz global gesehen, etwa in den USA und in Großbritannien, eher schlecht bestellt. Die EU verfolgt immerhin Strategien entsprechend der sogenannten Umgebungslärmrichtlinie, anhand derer Lärm identifiziert und bekämpft werden soll. Neben Fluglärm bis hin zu Nachbarschaftslärm soll auch Straßen- und Schienenverkehrslärm reduziert werden. Zu den entsprechenden Maßnahmen gehören unter anderem die Verkehrsberuhigung durch Geschwindigkeitsbeschränkungen, das Ausweisen von Fußgängerzonen und Spielstraßen oder bauliche Maßnahmen wie etwa Teilaufpflasterungen und Bremsschwellen. Auch Lärmschutzwände an stark befahrenen Hauptverkehrsstraßen und auf Bahnstrecken werden verstärkt eingesetzt.

Weitere Möglichkeiten bieten moderne Baumaterialien: Flüsterasphalt, auch bekannt als offenporiger Asphalt, hat einen geräuschmindernden Effekt. Bei der Herstellung wird grobkörniger Schotter mit einem im Vergleich zu normalem Asphalt geringerem Anteil an modifiziertem Bitumen vermischt, wobei Hohlräume entstehen. Diese leiten die Luft zwischen Autoreifen und der Fahrbahn zum Teil ab und minimieren so Geräusche. Flüsterschienen für Straßenbahnen wiederum haben eine Gummiummantelung und somit eine dämmende Wirkung. In Dezibel kann der Unterschied zu normalen Schienen zwar nicht gemessen werden, doch da zumindest die Erschütterungen abgemildert werden, ist durchaus ein positiver Effekt für Anwohner zu verzeichnen.

Neben den bereits genannten Maßnahmen wird der Umstieg auf Elektromobilität sicherlich zur Minimierung von Verkehrslärm beitragen. Mehr Bäume zu pflanzen und Grünflächen anzulegen ist ebenfalls wichtig. Sie können Umgebungslärm um fünf bis zehn Dezibel verringern und bieten Vögeln und anderen Tieren ein Zuhause, die wiederum mit ihren Geräuschen für positive Emotionen sorgen. Eine weitere Möglichkeit ist es, Geräusche zu überblenden. Mit Brunnen beispielsweise: Das Plätschern des Wassers kaschiert den Lärm von der Straße und wir empfinden das Ambiente als viel ruhiger, als es eigentlich ist.

Der Sound der Stadt neu gedacht: Innovative Maßnahmen

Lärm zu reduzieren ist eine wichtige Aufgabe – es gibt jedoch so viel mehr zu tun. Lärmempfinden ist individuell und eine gewisse Portion Lärm gehört auch zum Stadtleben dazu. Im Zuge der weltweiten Pandemie berichten zum Beispiel manche New Yorker, dass sie das Hupen von Autos vermissen. Während sich also Städte mit der Bekämpfung von Lärm beschäftigen, sollten sie die positiven Effekte von Geräuschen nicht außer Acht lassen. Diesen Ansatz vertritt nicht erst das Forscherteam von Chatty Maps; R. Murray Schafer, Klangforscher und Pate der akustischen Ökologie, setzt sich schon seit 1977 für nachhaltige akustische Gestaltung in urbanen Räumen ein.

Wie Künstler urbane Klanglandschaften aufwerten können

Sounddesign lautet also das Gebot der Stunde: Wie kann man Lärm in Städten minimieren und eine insgesamt angenehmere Geräuschkulisse kreieren? Nach dem Dafürhalten von Marcel Cobussen, Professor für Auditive Kultur an der Universität Leiden, sollten Städte und Stadtplaner auf die Expertise von Klangkünstlern zurückgreifen, um Städte akustisch aufzuwerten. In einem ersten Schritt müssten Künstler ihre akustische Umgebung studieren, zum Beispiel durch Sound Walks, Installationen oder Field Recordings. Anhand ihrer Erkenntnisse könnten sie im zweiten Schritt Alternativen entwickeln, indem sie bislang überlagerte Geräusche in den Vordergrund rücken, unerwünschte Geräusche ausblenden und neue hinzufügen. So würden sie eine ausgewogene urbane Klanglandschaft kreieren, die förderlich für Gesundheit und Wohlbefinden lärmgeplagter Großstädter wäre.

Es liegt auch an uns!

Die Städte sind ohne Zweifel in die Pflicht genommen, wenn es um Lärmreduktion zugunsten gesteigerter Lebensqualität geht. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass wir auf individueller Ebene zur Geräuschkulisse in unserer Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und bei Freizeitaktivitäten beitragen. Muss es wirklich der Laubbläser sein oder könnten wir das Laub im Garten auch harken? Müssen wir wirklich jedes einzelne Memo ausdrucken? Müssen wir jeden Tag das Auto nehmen oder wäre das Fahrrad nicht doch die bessere Wahl? Überprüfen wir unser Verhalten und nehmen neue Gewohnheiten an, sorgen wir nicht nur für ein angenehmes akustisches Ambiente. Viele laute Tätigkeiten schaden auch dem Klima. Indem wir uns also im Kampf gegen den Lärm engagieren, schonen wir gleichzeitig unsere Umwelt – und unser Gehör.

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