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Der Klang von Zuhause Wie klingen die eigenen vier Wände?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Mai 2020
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 6 Minuten

Knarzen, Klappern, Klirren: Unser Zuhause ist ein akustischer Abenteuerspielplatz, auf dem es viel zu entdecken gibt. Der Gewohnheitseffekt hat allerdings zur Folge, dass wir Geräusche in den eigenen vier Wänden oftmals nur unbewusst wahrnehmen. Gerade in Zeiten, in denen wir uns viel zu Hause aufhalten, lohnt es sich, genau hinzuhören. So können wir die verloren gegangene Wertschätzung für die Klangqualitäten des trauten Heims wiederfinden und es um neue Geräusche erweitern.

Wie Geräusche unser Zuhause bestimmen

In unserem Zuhause sind wir konstant von Geräuschen umgeben, ob es das Surren von Omas alter Lampe, das Brummen des Kühlschranks oder die Musik aus dem Jugendzimmer ist; Stille stellt sich selten ein. Leben wir in der Stadt, tragen Presslufthämmer auf Baustellen, Autos, LKWs und Motorräder zur Geräuschkulisse bei. Auf dem Land wiederum dringen Naturgeräusche in unser Haus: Frösche quaken, Bienen summen, vielleicht muht auf dem Nachbarhof eine Kuh oder ein Schaf blökt. Die Geräusche in unserer Wohnung, unserem Haus bilden einen höchst detaillierten Klangteppich, dessen Elemente viel über die Welt verraten, in der wir leben.

Normalerweise wird die Komposition ergänzt durch die Klänge der Außenwelt. Sobald wir unser Zuhause verlassen, hören wir neue Töne, unser Arbeitsplatz hat ebenfalls eine spezifische Klangqualität. All diese Geräusche zusammen bilden den Soundtrack unseres Lebens. In Ausnahmefällen jedoch geschieht es, dass wir unseren Wohnraum dauerhaft nicht verlassen wollen oder gar können: wenn wir krank sind, das Wetter besonders ungemütlich ist oder wie aktuell in Zeiten von Corona.

Die Selbstverständlichkeit von Alltagsgeräuschen

Sind wir dazu gezwungen, zu Hause zu bleiben, kommt uns schnell alles langweilig vor. Wir vermissen den Trubel im Büro, die Kakofonie des Straßenverkehrs und glauben, unser Klangteppich sei ausgewetzt und grau. Doch stimmt das wirklich? Manche Geräusche sind uns derart geläufig, dass wir sie als selbstverständlich erachten und gar nicht mehr wahrnehmen. Andere Töne erklingen unerwartet – ein Teller, der zu Bruch geht, ein Martinshorn – sodass sie hervorstechen.

Meist schenken wir dem Klang unseres Zuhauses keine Aufmerksamkeit mehr, gerade weil er uns so vertraut ist. Das ist nicht ungewöhnlich: Geräusche werden oft als banal abgetan, wenn sie nicht an andere Sinnesreize geknüpft sind. Sie bereichern zwar unsere Wahrnehmung immens – denken wir nur einmal an Filmmusik – und unsere visuelle Welt wäre ohne sie ärmer. Doch wenn mit akustischen Reizen nicht auch visuelle Reize einhergehen, vernachlässigen wir Erstere.

Dabei können wir durch sie sehr viel über unsere unmittelbare Umgebung erfahren. Wir können lernen, den Klangteppich in unseren vier Wänden wertzuschätzen, wenn wir uns bewusst auf Geräusche konzentrieren. Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig, sein Zuhause als Kraftquelle wertzuschätzen, auch auf akustischer Ebene.

Vater und Tochter beim Tanzen
© Getty Images

Wertschätzung können wir üben

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Zufriedenheit ist die Unfähigkeit zur Wertschätzung. Oft gehen wir davon aus, dass alles wirklich Wertvolle für uns unerreichbar ist. Ab und zu jedoch stolpern wir über etwas, das vielleicht die ganze Zeit genau vor unserer Nase war, wir aber jahrelang übersehen haben. Und plötzlich sehen wir darin eine ganz neue Qualität und Schönheit. Wie können wir lernen, scheinbar Selbstverständliches wieder wertzuschätzen? Es gibt mehrere Möglichkeiten, von denen sich drei besonders gut dazu eignen, den Klang unseres Zuhauses in einem neuen Licht zu sehen.

Perspektivwechsel

„Die Kirschen in Nachbars Garten schmecken immer besser.“ Dieses Sprichwort kennen wir nur zu gut. Wenn wir uns aber vergegenwärtigen, dass wir alle dasselbe denken, hätte entweder jeder die süßesten Kirschen – oder eben keiner. Denken wir daran, was die beste Freundin sagt, wenn sie in unserer Altbauwohnung zu Besuch ist. Für sie ist die knarzende Diele kein Störfaktor, sondern verleiht unserem Haus einen einmaligen Charakter, den ihre eine Neubauwohnung nicht hat. Menschen mit Hörverlust vermissen es, den Klang der Stimme ihres Partners klar und deutlich zu hören. Wir können den Perspektivwechsel auch mit uns selbst vollziehen: Erinnern wir uns nur an unsere letzte schlimme Erkältung. Wir hörten alles wie durch Watte – und waren froh, als wir wieder alles wahrnehmen konnten, sogar die scheppernde Waschmaschine.

Aufmerksamkeit

Ein besonders wirksames Mittel ist es, Gewohnheiten zu brechen und besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es lohnt sich, Geräusche so wahrzunehmen, als wäre es das erste Mal. Zuhören statt nur hören lautet die Devise: Wie klingt es eigentlich, wenn der Partner morgens aufsteht und vom Schlafzimmer ins Bad geht? Schlurft er, trampelt er, stolpert er? Bemüht er sich, besonders leise zu sein, um uns nicht zu wecken, oder poltert er schlaftrunken durch den Flur und reißt das ganze Haus aus dem Schlaf? Im Fall von Alltagsgeräuschen können wir außerdem versuchen, sie wie Musik zu hören. Hier geht es um Tonlage, Tempo, Rhythmus, Melodie, Harmonie, Dynamik und vieles weitere. Nehmen wir zum Beispiel das Geräusch eines Wasserkochers und betrachten die Dynamik. Erst knackst es langsam, leise und je heißer das Wasser wird, desto lauter wird der Wasserkocher. Das Crescendo gipfelt bei manchen Modellen in einem lauten Pfeifen, sobald das Wasser kocht.

Ritual

Der Sinn und Zweck eines Rituals ist es, eine Reihe von Handlungen durchzuführen, um uns in einen bestimmten Zustand zu versetzen. Es folgt gewissen Regeln, die in gesteigerter Wertschätzung resultieren, wenn wir sie genau einhalten. Der Wasserkocher soll uns auch hier als Beispiel dienen, und zwar in Verbindung mit einer Teezeremonie. Nach getaner Arbeit wollen wir uns mit einer Tasse exquisiten Tees belohnen und entwerfen zu diesem Zweck ein Geräusch-Ritual: Achten wir darauf, wie es klingt, wenn unsere Lieblingstasse aus dem Schrank holen, die Teedose öffnen, den Tee in die Tasse geben, den Wasserkocher befüllen. Langsam erhitzt sich das Wasser und nachdem es kocht, hören wir zu, wie es langsam abkühlt, bis wir schließlich den Tee aufgießen und die Blätter bei der Berührung mit dem Wasser knistern.

So verleihen wir unserem Zuhause noch mehr Klang

Haben wir einmal gelernt, den Klangteppich unseres Zuhauses wieder wertzuschätzen, können wir uns überlegen, wie wir ihn weiterweben. Eine gute Idee ist es, mit Stimmen zu arbeiten und bei einer Unterhaltung auf den Klang der Gesprächspartner zu achten. Musikhören ist ebenfalls naheliegend – doch es gibt weitere kreative Möglichkeiten.

Singen und Musizieren

Seit der Erfindung von Schallplatten und aktuelleren Tonträgern ist sie fast in Vergessenheit geraten, doch in Vereinen und Schulen wird sie auch weiterhin praktiziert: die Hausmusik! Das Musizieren im nicht öffentlichen Raum, in unserem Fall zu Hause, ist ein hervorragendes Mittel, um die eigene Klangwelt zu bereichern. Keine Angst: Hausmusik zeichnet sich dadurch aus, dass sie einfach zu spielen ist und eine kleine Besetzung ausreicht. Inspiration liefern spezielle Editionen mit Melodien und einfacher Begleitung. Typische Instrumente sind neben Klavier, Gitarre und Blockflöte auch Eggshaker, Schellenringe und Maracas. Wir können aber auch ohne Instrumente kreativ werden: Fingerschnipsen und Klatschen sorgen für den Rhythmus und wenn sich dann noch zumindest eine Person traut, zu singen, steht unser Wohnzimmerkonzert!

Die Natur nach Hause holen

Egal, wo wir leben: Die Natur hören wir auf jeden Fall von Zeit zu Zeit, beispielsweise, wenn Regen an die Fensterscheiben klopft. Doch in der Stadt vermissen wir möglicherweise bestimmte Geräusche. Hier schaffen Apps mit Naturgeräuschen Abhilfe. Mit manchen dieser Anwendungen können Sie Ihr persönliches Naturkonzert komponieren und Grillenzirpen mit Meeresrauschen und dem Gesang exotischer Vögel kombinieren. Ebenfalls ein schönes Geräusch, vor allem im Winter, ist der Klang von Feuer. Die Kamin-DVD ist mittlerweile passé, doch viele Streamingdienste bieten diverse Videos und Playlists an, mit deren Hilfe sie im heimischen Wohnzimmer auch ohne Kamin das Prasseln des Feuers genießen können.

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