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„Der Kontakt zu Gleichbetroffenen ist sehr wertvoll“ Wenn der Arzt in den Schuhen des Patienten steckt

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Jun 2019
In der Sammlung Arbeit
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Dr. Roland Zeh ist Chefarzt der Abteilung HTS: Hörstörung, Tinnitus, Schwindel und Cochlea Implantate, Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin an der MEDIAN Kaiserberg-Klinik Bad Nauheim und selbst beidseitig mit Cochlea-Implantaten versorgt.

Im Alter von sieben Jahren verlor Dr. Roland Zeh, heute auch Präsident der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft, fast sein ganzes Gehör. Das Gespräch Eins-zu-Eins war nie ein Problem, aber es war eben nur die Eins-zu-Eins-Kommunikation, die ihm vor Erhalt einer Hörhilfe nicht verwehrt geblieben ist. Mithilfe seiner CIs kann er heute wieder hören und Gleichbetroffenen helfen.

Dr. Zeh, können Sie uns bitte etwas zu Ihrem Werdegang erzählen, haben Sie sich schon immer für diesen Bereich interessiert, vielleicht auch aus persönlichen Gründen?

Ich bin im Jahre 1960 geboren, damals hörend. Im Alter von sieben Jahren hatte ich eine Hirnhautentzündung und bin wahrscheinlich aufgrund der mir damals verabreichten Antibiotika „ertaubt“. Ich war nie komplett taub, aber fast. Mithilfe von Mundabsehen und Hörgeräten konnte ich zwar Sprache verstehen, aber nicht ohne Mundbild, ich konnte also auch nicht telefonieren. Während dem Medizinstudium musste ich mir überlegen wo es später beruflich hingeht. Ich hatte während des Medizinstudiums den Betrieb Krankhaus kennengelernt, jedoch erkannte ich, dass dies nichts für mich ist. Das Krankenhaus ist zu schnelllebig, zu viel Hektik, vor allem bei Notfällen darf nichts schiefgehen, man muss alles gut verstehen, um richtig reagieren zu können. Aber auch wenn es um operative Sachen geht ist es schwierig, wenn man nicht hören kann.

Ein ganz gewaltiges Hindernis ist zum Beispiel der Mundschutz bei der Operation. Deshalb war es gar nicht vorstellbar, dass ich operativ tätig werden kann und damit kam HNO als operatives Fach nicht infrage für mich.

Dr. Roland Zeh

Zu einem späteren Zeitpunkt bekam ich das Angebot von Bad Berleburg, in eine Rehaklinik zu gehen. Die hatten 1986 im Rahmen eines Modellprojektes angefangen, spezielle Rehabilitationsmaßnahmen für gehörlose und schwerhörige Menschen anzubieten. CI-Träger gab es damals erst sehr wenige und es war hauptsächlich der Gedanke, eine eigene Abteilung für psychotherapeutische Arbeit mit Hörgeschädigten zu eröffnen, wo die Kommunikation eine ganz besondere Rolle spielt. Das war für mich DIE Chance, einen medizinischen Beruf am Patienten auszuüben.

Ich konnte mich dort sehr gut weiterentwickeln. Zum Beispiel indem ich die Audiologie mit in das Konzept genommen und Hörtests durchgeführt habe. Ich habe Hörgeräteakustiker mit eingebunden und als dann die ersten CIs kamen - und ich selbst implantiert wurde - habe ich ein spezielles Reha-Konzept für erwachsene CI-Träger aufgebaut. Im Jahre 2006 bin ich dann nach Bad Nauheim in eine andere Reha-Klinik gewechselt.

Wie fand Ihre Kommunikation statt?

Ich konnte auch sehr gut Mundabsehen die Kommunikation fand teilweise in Gebärdensprache statt, z.B. bei Telefonaten oder Besprechungen mit einer Dolmetscherin.

Ich habe zu dieser Zeit die Gebärdensprache erlernt. Wir hatten in Bad Berleburg sehr viele gehörlose Patienten, es gab eine Dolmetscherin, jedoch konnte ich damals als Stationsarzt nicht zu jedem Zeitpunkt eine Dolmetscherin bei mir haben. Sie musste natürlich auch bei anderen dolmetschen. Aus diesem Grund lernte ich die Gebärdensprache, damit ich selbstständig mit den gehörlosen Patienten kommunizieren konnte.

Ich war damals auch Mitglied der deutschen Gehörlosen-Skinationalmannschaft und dadurch hatte ich auch privat sehr viel mit Gehörlosen zu tun. Ich nutzte diese Zeit und habe dadurch die Gebärdensprach sehr gut gelernt. Ich kann die Gebärdensprach auch heute noch und sie hat mir in der Zeit vor dem CI sehr geholfen.

Benötigen Sie auch einmal Hörpausen?

Ja, vor allem beruflich! Zum Beispiel nach einer Visite in meiner Klinik. Die Patienten sprechen in manchen Fällen nicht sehr deutlich und nach einer Visite, die den ganzen Vormittag dauert, bin ich platt. Danach brauche ich eine Pause - aber da gehe ich nicht in die Kantine, wo es laut ist, sondern ich gehe in mein Büro, mache die Tür zu und trinke einen Kaffee. In dieser Hörpause, die etwa eine halbe Stunde dauert, betritt niemand mein Büro, denn erst dann habe ich auch eine richtige Pause. Dazu lege ich manchmal auch meine Audioprozessoren ab.

Ich schalte meine CI’s öfters aus, z.B. auch beim Zugfahren oder wenn ich einen anstrengenden Tag hatte. Ich nehme meine Prozessoren ab und genieße die Ruhe, denn das bedeutet „Hörpause“. Ich bin zwar gut belastbar und kann auch den ganzen Tag durchhalten aber ich merke schon, dass ich ohne Hörpausen meinen Tag nicht optimal meistern kann.

Dr. Roland Zeh
Dr. Roland Zeh arbeitet täglich mit schwerhörigen Patienten, er selbst ist beidseitig mit Cochlea-Implantaten versorgt.
© Dr. Roland Zeh

Hörbehinderung im gesellschaftlichen Kontext – Denken Sie, dass das Thema Hören und Hörverlust ein Nischenproblem ist?

Es ist so, dass es zahlenmäßig ein sehr großes Problem darstellt. Aber das Schwierige ist, dass dieses Problem von den Betroffenen wenig thematisiert wird. Leider gibt es nur wenige Schwerhörige, die sagen „Ich bin schwerhörig, ich brauche diese und jene Unterstützung“, sondern es wird lieber nichts gesagt, weil niemand wissen soll, dass man schwerhörig ist. Das wäre ja peinlich, man könnte für dumm gehalten werden. Das Problem dabei ist, dass die Leute, die schwerhörig sind, sich einfach nicht „outen“ möchten und auch nicht bereit sind, für die Rechte und die Unterstützung, die sie brauchen, zu kämpfen. Das beginnt schon bei Hörgeräteträgern, die sich denken: „Man darf bloß das Hörgerät nicht sehen.“

Wenn es dann um andere Unterstützungsleistungen geht, traut sich zum Beispiel niemand zu sagen: „Macht bitte die Musik aus.“ oder „Können wir nicht mal das Licht anschalten?“. Die Leute, die Unterstützung brauchen, thematisieren das nicht und aus diesem Grund kann sich leider auch nichts verbessern.

Wird also im Hellen besser gehört?

Ja natürlich! Das ist das A und O. Jeder liest ein bisschen von den Lippen ab, weil dies fast immer eine Unterstützung zum Hören ist. Auch wenn jemand mit einem Cochlea-Implantat recht gut hört, bekommt man mehr Sicherheit durch das begleitende Lippenabsehen. Deshalb sage ich, wenn es hell ist, fühle ich mich sicherer.

Eine Botschafterin der Initiative Endlich Wieder Hören, die lange Zeit Hörgeräteträgerin war, hat uns erzählt, sie habe die Reha nach der CI-Operation sehr genossen. Sie hat dort Gleichbetroffene kennengelernt, denen sie nicht erklären musste, was ihr manchmal Kopfweh macht oder was die Schwierigkeiten im Alltag sind.

Man muss nicht erst ein CI bekommen, um in eine Reha zu gehen und dort Betroffene kennen zu lernen. Man kann auch bereits als Hörgeräteträgerin bzw. Hörgeräteträger in die Reha gehen, oder in eine Selbsthilfegruppe. Aber genau das ist das Thema: Wie wertvoll der Kontakt zu Gleichbetroffenen ist, das ist vielen erstmal nicht bewusst. Im Gegenteil, die Meisten sträuben sich oft erstmal dagegen, haben Berührungsängste, generell viele Ängste. Ich persönlich bin der Meinung, dass zur emotionalen Bewältigung einer Hörschädigung der Kontakt zu Gleichbetroffenen gebraucht wird. Ob Hörgerät oder CI spielt dabei überhaupt keine Rolle. Die Barrieren sind letzten Endes die Gleichen.

Endlich Wieder Hören

Endlich Wieder Hören

Wenn Hörgeräte nicht mehr helfen, kann ein Hörimplantat die passende Lösung sein. Mit Geschichten aus erster Hand hilft Endlich Wieder Hören Betroffenen eine Entscheidung zu treffen. Medizinischen ExpertInnen und HörbotschafterInnen klären auf, bauen Ängste und Vorurteile ab und geben Einblicke in das Leben mit Hörimplantat.

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Die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls ist ein wichtiger Bestandteil der Reha. Ich sage immer: „Der Schwerhörige hat nicht nur ein Problem zu verstehen, sondern auch ein Problem verstanden zu werden“. Wenn man merkt, dass man nicht die bzw. der einzige Betroffene ist, und dadurch seine eigene Situation besser nachvollziehen und reflektieren kann, dann ist schon viel geholfen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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