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Der Liebessound Worte, Töne und Gebärden

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: August 2019
In der Sammlung Kommunikation
Lesedauer: 10 Minuten

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"Jeder Ton erschließt jedem Menschen den eigenen Himmel. Denn: Töne sind nicht nur vielfältig, sie sind übersinnlich", endete der letzte Artikel zum Thema Sound, der auch gleich unser Einstieg in das weiterführende Thema "Sound und Kommunikation" ist. Wie übersinnlich der menschliche Ton ist, lässt sich an einer Tatsache erkennen: Wenn der Mensch in die Welt kommt, piepst er nicht, er schreit.

Die Geschichte unserer Stimme

Das Neugeborene macht sich mit seiner Stimme bemerkbar. Und diese Stimme ist von Anfang an bemerkenswert, denn „sie ist das schönste Instrument, das dem Menschen gegeben wurde, ein Instrument, das es möglich macht, innere Schwingungen nach außen zu bringen, Kontakt mit unserem Ich und der Welt aufzunehmen, Worte zu formulieren, einen eigenen, ganz persönlichen Klang zu schaffen“, schreibt die Musiktherapeutin Dr. Annette Cramer in ihrem interdisziplinären Buch „Das Buch von der Stimme. - Ihre formende und heilende Kraft verstehen lernen“.

Stimme und Person

Stimme und Persönlichkeit gehören zusammen wie Topf und Deckel, sie ist maßgeblich in der verbalen Kommunikation. Denn „beim Sprechen kommen die gesamten seelischen Vorgänge – der Mensch als Ganzes – ins Spiel“, schreibt die in München ansässige Stimmexpertin. Damit ein einfacher Satz zustande kommt, müssen alle menschlichen Anlagen und Kräfte zusammenkommen, nämlich „Stimmung und Verfassung, Geste, Gebärde und Körperhaltung, Muskelbewegungen und Körpertonus und natürlich unser Gehirn“.

Dabei ist das Sprechen lernen ein langer Prozess über viele Etappen, zu denen ein Kind jeweils herangereift und bereit sein muss. Wichtige biologische Voraussetzungen wie ein Sprachzentrum im Gehirn bringt schon das Neugeborene mit, ein voll funktionsfähiges Gehör leider nicht immer. Im Laufe der kindlichen Entwicklung – vorausgesetzt es liegt keine Hörbeeinträchtigung vor - werden Stimme und Sprache Teil dessen, was unserem Leben Gestalt gibt, Teil unseres Selbst und unserer Persönlichkeit.

Laut Cramer stammt das Wort Persönlichkeit vom lateinischen Wort Persona, also Person ab, das sie in Ihrer Arbeit mit „durch den Ton“ (per-son) übersetzt. Das mag zwar auf den ersten Blick stimmig sein, aber ganz so einfach ist es nicht. Die Persönlichkeit an sich ist einer der wichtigsten Begriffe in der Psychologie, und es gibt eine ellenlange Liste an psychologischen Persönlichkeitstheorien. Die Bildung der Persönlichkeit steht auch im Zentrum der Bildungstheorien von Friedrich Schiller und Wilhelm von Humboldt, man könnte sagen, dass hier noch immer das humanistische deutsche Bildungsideal fleißig weiterlebt, wenn auch heutzutage mehr im Untergrund.

Sound

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Obgleich der Begriff Person in fast allen kulturellen und wissenschaftlichen Kontexten existiert, wird er zum Teil vollkommen unterschiedlich verstanden, definiert und benutzt. Wenn man mal dahinterkommt, wird einem zumindest im ganz normalen Alltagsleben wieder bewusst, wo dieses Wort im Hochdeutschen steckt, beispielsweise in Personalausweis, Personengesellschaft oder auch in Personenkult.

Laut Wikipedia ist die Herkunft des Wortes nicht eindeutig geklärt. – Übrigens, das Buch von Dr. Annette Crämer ist 1998 erschienen, da gab es noch kein Wikipedia und keine Social Networks, wo man mal schnell nachschauen oder in einem WhatsApp Gruppenchat nachfragen konnte. - Es gibt hier unterschiedliche Theorien. Eine lautet, dass das Lehnwort Person „aus dem altgriechischen Wort für „das was man sehen kann“ also Gesicht, Antlitz oder sichtbare Gestalt des Menschen (…)“ abstammt, heißt es auf Wiki.

Interessant. Das ist eine vollkommen andere Interpretation als „durch den Ton“. Das soll uns aber nicht weiter irritieren, sondern ein Lächeln auf unser Gesicht zaubern, denn auf uns Menschen bezogen stimmt höchstwahrscheinlich beides in punkto Person. Wir Menschen sind halt nicht so eindimensional, wie wir manchmal im täglichen Einerlei fälschlicher Weise annehmen. Wir sind hochkomplex, jede für sich und alle miteinander, das überall. Und eines unserer komplexesten Merkmale ist die Stimme, und damit die Fähigkeit zur Kommunikation.

Die Töne des Menschen

Als Kostprobe seien wichtige Töne genannt, die wir Menschen von uns geben: Der Geburtsschrei erklingt in Kammerton a1 = 440 Hertz. Mit der Rufterz, auch Liebesterz genannt, rufen wir Menschen beim Namen. In der Regel kling die Rufterz bei Frauen auf f1 – d1, bei den Männern eine Oktave tiefer. Anfeuerungsrufe wie „Los jetzt!“ oder „Hauruck“ erklingen auf den Tönen cis und gis, das sind Töne, die laut Musiktherapie Energie zur Verfügung stellen.

Verbale, Non-Verbale und Paraverbale Kommunikation

Also, klar ist: Wir kommunizieren jederzeit und das seit dem ersten Augenblick unseres beginnenden Lebens. Es ist einer jeden Person ein existenzielles Bedürfnis, gehört (!), gesehen (!) und verstanden, schlichtweg angenommen zu werden. Dafür ist die Sprache das differenzierteste Instrument zur zwischenmenschlichen Verständigung – aber nicht das einzige.

Viele Verhaltensweisen eines Menschen dienen nämlich ebenfalls der Bedeutungsvermittlung, so Gestik, Mimik, Schweigen, Tonfall, Augenkontakt, Kleidung, Frisur, vegetative Symptome wie Erröten oder Schwitzen etc. Sie werden unter dem Begriff Non-Verbale (nicht-verbale) Kommunikation oder „Körpersprache“ zusammengefasst. Den größten Teil unserer nonverbalen Signale senden wir unbewusst aus und sie können von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich sein (z.B. Körperkontakt bei der Begrüßung). Mit der Körpersprache gib der Sender dem Empfänger somit zu verstehen, wie er zu ihm steht und wie er seine Botschaft verstanden wissen will.

Übrigens: Wie wichtig es ist zu wissen, was genau mit verbaler Kommunikation gemeint ist, sehen wir an einem Missverständnis, das häufig im Deutschen stattfindet. Im Englischen heißt Gebärdensprache „sign language“, das oftmals fälschlicher Weise mit „Zeichensprache“ übersetzt wird. Gebärdensprache sind jedoch ebenbürtige Sprachen, und das auch in allen linguistischen Aspekten. Die Gebärdensprache ermöglicht dabei Gehörlosen eine komplette Kommunikaton ohne den verbalen Aspekt. Körpersprache wird aber oft bei Gebärdensprache verwendet, um Kontext zu bieten .

Videotelefonie
© Archiv

Von der Gebärdensprache ist dennoch das abzugrenzen, was unter dem Begriff der sogenannten „manuell-visuellen Kodierungssysteme“ verstanden wird. Das ist z.B. das Fingeralphabet als Zeichensprache. Die Fingersprache unterstützt Gehörlöse und Schwerhörige in der Gebärdensprache. Mit Hilfe des Fingeralphabets werden Worte und Namen buchstabiert, für die es in der (jeweiligen) Gebärdensprache noch kein Wort gibt. Oder das buchstabierte Wort dient zur Verstärkung des Gesprochenen.

Neben diesen Formen der Kommunikation gibt es noch die sogenannte paraverbale Kommunikation. Dieser Begriff umfasst ein ganzes Spektrum der Stimme, und damit unseren eigenen Sound, mit der wir eine Botschaft aussprechen. Die paraverbale Kommunikation beinhaltet die Stimmlage wie hoch/tief, tragend/zitternd, die Lautstärke (angenehm/unangenehm laut/unangenehm leise) und die Betonung einzelner Wörter oder Satzteile sowie das schnelle oder langsame Sprechtempo und die Sprachmelodie. So haben Österreicher eine andere Sprachmelodie als Deutsche, das Schwyzerdütsch hat ebenso eine eigene Sprachmelodie. Für viele Menschen gilt Italienisch als eine der schönsten Sprache der Welt. Der Grund? Die Melodie.

Laut Studien übermitteln wir in der direkten Kommunikation weit über ein Drittel der empfangenen Botschaft via Stimme. Zusammen mit der nonverbalen Kommunikation macht dies über 90 Prozent der gesamten Botschaft aus. Für die alleinige verbale Kommunikation bleibt auf den ersten Blick nicht mehr soviel übrig. - Auch davon darf man sich nicht irritieren lassen, denn kognitive Fähigkeiten, und dazu gehört der Spracherwerb samt Hören, werden wir auch in Zukunft nicht via geschriebenen WhatsApp Nachrichten o.ä. lernen.

Die paraverbale Kommunikation spielt bei Hörspielen, Podcasts, Auftritten im Radio oder am Telefon eine besonders starke Rolle, da nur die Stimme wahrgenommen wird. Sie spielt aber auch für den Fötus eine Rolle. Wenn die werdende Mutter zu ihrem Kind im Werden spricht.

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Kommunikation im Alltag

Die Kommunikation hat sich definitiv geändert, und das rasant. Permanent online, permanent verbunden ist das neue Normal. Auch das verändert unser Lebensgefühl, unseren sozialen Umgang miteinander – und unsere Persönlichkeit.

Denn: Niemals zuvor in der Geschichte des Menschen hat eine Technik so schnell vom Alltag Besitz ergriffen, und das weltweit. Ob in New York, Rio, Tokio, in Lagos, Johannesburg, Vancouver, Berlin, London, Amsterdam, Tel Aviv, Mumbai, Peking, Bangkok, Stockholm … Egal, ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft: das Smartphone ist unsere treueste Dauerbegleitung.

WhatsApp, Emojis, Chats & Co

Apropos WhatsApp & Co.: Da sowohl das Smartphone wie auch das Tablet zu sozialen Universalwerkzeugen geworden sind, fragen sich die ein oder anderen sicherlich, ob das Telefonieren ausstirbt. Vom Festnetz wird man zumeist nur noch von der Oma angerufen, und die Cousine, die gerade ein Work & Travel in Australien macht, schreibt und telefoniert nur via WhatsApp. Und wenn Omi kein Smarthone hat … Pech gehabt.

Eine Studie der Bitkom Research GmbH und Bitkom e.V. hat im letzten Jahr für Deutschland untersucht, wofür wir Kurznachrichtendienste wie WhatsApp einsetzen. Unterschiede im Nutzungsverhalten gibt es vor allem zwischen den verschiedenen Altersgruppen. - Dafür wurden 1.212 Internetnutzer ab 14 Jahre befragt. Neben dem Verfassen von Nachrichten ist die Telefon-Funktion der Apps bei den Messenger-Nutzern besonders beliebt. Noch wichtiger als Telefonieren sind jedoch die Chat-Funktionen. 70 Prozent der befragten Teilnehmer versenden dabei keinen Text, sondern die Kommunikation besteht aus Bildern, Videos, GIFs oder Links.

Das wiederum zeigt, dass wir uns ganz viel mit und durch Zeichen ausdrücken. Hier kommt nicht allein die visuelle Kommunikation ins Spiel, sondern auch Fragestellungen der Sprachphilosophie, Sprachsoziologie und vor allem der Semiotik, das ist die Wissenschaft, die sich mit Zeichen aller Art beschäftig, und nichts auslässt: Bilderschrift, Gestik, Formeln, Sprache und gar Verkehrszeichen gehören zu ihrem Forschungsgegenstand. - Nun auch Emojis, Smileys & Co. - Der berühmteste und bekannteste zeitgenössische Semiotiker war der 2016 verstorbene italienische Schriftsteller und Medienwissenschaftler Umberto Eco, der mit dem Buch „Der Name der Rose“ weltberühmt wurde.

In jeder Lebenslage kommunizieren wir

Es gibt, das haben wir gesehen, viele Möglichkeiten, unsere Welt zu begreifen. Die verbale Sprache ist für uns, auch wenn diese nur ein Drittel ausmacht, die Wichtigste. Aber die Non-Verbale Kommunikation steht dieser in nichts nach. Beim Sport, zum Beispiel dem Beachvolleyball, Feldhockey oder Fußball kommen wir gar nicht ohne Non-Verbale Kommunikation aus. Jeder Sport, allen voran der Mannschaftssport hat eigene Non-Verbale kommunikative Regeln, mit der sich Spielerinnen und Spieler untereinander verständigen. Und dann sind da auch noch die Trainerinnen und Trainer am Rande der Bande. Diese schreien nicht nur, geben Töne von sich, sie machen vor allem eines: Zeichen! Gebärden.

Der französische Philosoph Charles Batteaux (1713 – 1780) schrieb bereits im 18. Jahrhundert, dass die Menschen ihre Gedanken und Empfindungen auf dreierlei Weise ausdrücken: Durch Worte, Töne und Gebärden. „Ich habe die Worte zuerst genannt, weil sie in dem Besitz der Oberstelle sind und die Menschen auf sie am meisten achthaben. Indessen haben die Töne und die Gebärden viele Vorzüge (…). Die Worte überzeugen uns, sie sind die Organe der Vernunft; aber Töne und Gebärden sind die Organe des Herzens. Sie rühren, sie gewinnen, sie überreden uns.“

Der Ton f-Dur gilt als Ton unseres Herzens. Weil dieser, so Annette Cramer in ihrem Buch, die stärksten Anstöße gibt zu verwandeln, nämlich Licht in Liebe oder in Materie. Nicht nur Menschen, auch Pflanzen reagieren auf den Liebeston. Dieser ist uns mit allen weiteren Tönen von Anfang an ins Herz geschrieben. Aber: Es ist die Liebe, um die es geht. Ob als Ton, im Wort oder in der Körpersprache: „All you need is love.“

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