Interview

"Der Mensch hat ein irrwitziges Potenzial" Die Geschichte von Manfred, der seine Behinderung als Herausforderung sieht, nicht als Barriere

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Apr 2019
Lesedauer: 5 Minuten

Manfred Wichmann ist berufsunfähig. Behindert. Am guten Leben hindert ihn das nicht. Wir sprechen mit einem, der immer weiter geht. Ob Afrika oder Deutschland, Savanne oder Wald ist dabei scheint’s einerlei. Hauptsache das Leben kommt herein.

Herr Wichmann, Behinderung ist sichtlich kein Hindernis für Sie.

Ich hatte das Glück, dass ich mein Leben trotz Hörschwäche und Berufsunfähigkeit immer sehr selbstbestimmt geführt habe. Ja, offiziell bin ich behindert – aber es gibt viele Menschen, die augenscheinlich nicht behindert sind, aber Ängste haben, oder mangelnden Antrieb. Im Gegensatz dazu mache ich etwas. Ich bin ja nicht komplett angstfrei, aber ich sage: Versuch's doch einmal.

Ich habe das Gefühl, viele Leute sind in einer Zwangsjacke. Das ist zwar keine offizielle Behinderung, aber die Selbstbeschränkung finde ich viel gravierender als eine Hörschwäche. Der Mensch hat ein irrwitziges Potenzial. Man kann ja so viel tun, kann Behinderung zum Beispiel auch als Chance sehen. Wer behindert ist, muss nach Lösungen suchen. Das fordert einen – und gefordert werden bringt einen weiter.

Hatten Sie jemals Zweifel?

Natürlich gab es Zweifel. Wenn man sein Leben lang keine Zweifel hatte, dann hat man was nicht richtig gemacht. Man trifft halt auch mal falsche Entscheidungen. Ich finde, Zweifel gehören zu einem Menschen, der ein selbstbestimmtes Leben führt. Das heißt ja nicht verzweifeln.

Kann man mit CI schwimmen? Ja!

WaterWear ermöglicht das Hören unter Wasser

Lange Zeit war Schwimmen für Menschen mit Hörimplantat nur ohne Audioprozessor möglich.

Damit Implantatträger auch unter Wasser hören können, hat MED-EL, weltweit führend in der Entwicklung innovativer Lösungen für Hörverlust, eine Schutzhülle für seine Audioprozessoren entwickelt: Die wiederverwendbare WaterWear ist sowohl für den Einsatz in chlorhaltigem Wasser als auch in Süß- und Salzwasser geeignet.

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Wie kam es denn zu dem Leben, das Sie heute führen?

Eine meiner wichtigsten Entscheidungen war sicher, dass ich nach dem Abitur eine Zimmermannlehre begonnen habe, anstatt zu studieren. Danach habe ich mit meiner Frau einen Betrieb als Zimmermann aufgemacht. Irgendwann entstand in uns der Wunsch nach Veränderung, und so waren wir von 2004 bis 2012 in Afrika, wo meine Frau als Entwicklungshelferin gearbeitet hat. Zuerst vier Jahre in Ruanda, dann in Sambia.

Als wir in Afrika angekommen sind, war ich bereits sehr schwerhörig. 2007 bin ich auf meinem rechten Ohr komplett ertaubt. Es war schnell klar, dass ich ein Cochlea-Implantat brauche. Die Operation wurde in Deutschland gemacht und verlief extrem erfolgreich, ich konnte sofort wieder hören. Dann bin ich relativ rasch wieder nach Afrika geflogen und war am Tag danach auf Safari. Das Hören mit Implantat war für mich so gut, dass ich 2009 auch am linken Ohr implantiert wurde.

Woher kommt Ihr Hörverlust?

Das weiß ich nicht. Man sagt, es ist genetisch. Mein Vater hat auch auf dem rechten Ohr schlecht gehört.

Sie tragen zwei Cochlea-Implantate (CI). Wenn Sie jemand nach Rat in Bezug auf die Implantation fragen würde: Was würden Sie ihm raten?

Ich kann nur sagen: Ein Implantat ist super. Wer stark schwerhörig ist, sollte sich das überlegen. Bei den Hörgeräten ist die Rückkopplung ein großes Problem, der Grat zwischen Hören und Schmerz ist sehr schmal. Kinder und Hundegebell waren immer ein Horror. Das erlebe ich mit CI jetzt fast gar nicht mehr.

Sind Sie durch das Implantat in irgendeiner Form eingeschränkt?

Das ist alles relativ. Gegenüber dem Hörgerät gibt es nur Verbesserungen. Gegenüber Normalhörenden gibt es natürlich Unterschiede. Ich gehe leidenschaftlich gern ins Wasser. Dann hör‘ ich halt nichts. Manchmal ist das ein Nachteil, denn es gibt bei uns vor dem Haus in Südafrika Paddelboote. Und auch Haie. Wenn ein Hai gesichtet wird, läutet die Sirene, die höre ich dann nicht. Aber es sind Hunderte von Leuten im Wasser, an ihnen kann ich mich orientieren. Beim Radfahren ist das Windgeräusch störend und ich höre deswegen nichts. Da denke ich oft, das müsste man verbessern.

Kommen wir zurück zu Afrika: Welche Beziehung haben Sie zu dem Kontinent?

Ich würde sie als innig beschreiben. Wobei: Afrika ist ja nicht gleich Afrika. Der Kontinent hat viele Facetten. Wir waren etwa vier Jahre in Ruanda und ich fühlte mich privilegiert, dort leben zu dürfen. Der Genozid war damals zehn Jahre her. Ich war berührt davon, wie die Menschen damit umgehen und es nicht verdrängt haben, wie das zum Beispiel in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war. Es ging in den vier Jahren, die wir dort waren, wirklich voran in Ruanda.

In Sambia dagegen habe ich mich nicht willkommen gefühlt. Es ist ein erstarrtes System und relativ sinnlos, dort etwas verändern zu wollen. Mit Südafrika fühle ich mich eigentlich schon immer verbunden. Ich komme mit den Menschen klar. Wir haben im Januar 2015 ein Haus in der Nähe von Kapstadt gekauft und wenn wir dort sind, immer viel Besuch.

Sie sind sehr aktiv. Wie kommen Sie zur Ruhe?

Sport ist sehr wichtig für mich, um zur Ruhe zu kommen. Ich hatte zwei Bänderrisse und konnte daher in letzter Zeit nicht laufen; 2016 möchte ich versuchen, wieder einen Triathlon zu machen. Aber fürs Erste habe ich demnächst mal drei Radrennen in Südafrika. Dazu kommen Laufen und Schwimmen; unser Haus liegt direkt am Meer. Wenn ich Besuch habe, reserviere ich mir den Vormittag für mich und meinen Sport, und danach kümmere ich mich um meine Freunde.

Hätten Sie Triathlon und Afrika ohne Hörimplantate auch gemacht?

Ja. Ich weiß mir ja zu helfen. Ich habe auch kein Problem damit, Leute um etwas zu bitten. Wenn früher mein Handy geläutet hat, habe ich jemandem auf der Straße das Telefon hingehalten und gefragt, was der Mensch am anderen Ende sagt. Die Leute sind hilfsbereiter als man denkt.

Wenn ich ein Problem habe, suche ich nach einer Lösung. Dieser Zugang bestimmt mein Leben. Das heißt auch: wenn etwas nicht klappt, bin ich selber schuld.

Arten von Hörverlust

  • Innenohrschwerhörigkeit entsteht durch fehlende oder beschädigte Sinneszellen (Haarzellen) in der Cochlea und ist in der Regel dauerhaft.
  • Schallleitungsschwerhörigkeit umfasst alle Probleme im Außen- oder Mittelohr, die dazu führen, dass der Schall das Innenohr nicht erreicht.
  • Kombinierte Schwerhörigkeit entsteht dann, wenn sowohl Innenohrschwerhörigkeit als auch Schallleitungsschwerhörigkeit vorliegen.

Weitere Informationen erhalten Sie unter medel.com/de

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