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Der Orkan im Gehörgang Ab wann ist es zu laut für die Ohren?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 03.01.2018
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 4 Minuten

85 Dezibel.

Das ist der offizielle Richtwert, ab dem das Gehör bei länger andauerndem Lärm Schaden nehmen kann. Das ist ungefähr so laut wie ein Rasenmäher oder eine stark befahrene Straße. Wer in solch einer lauten Umgebung arbeitet – viele Bauarbeiter zum Beispiel – muss dem Gesetz nach mit Gehörschutz ausgestattet sein und bekommt arbeitsmedizinische Betreuung. 110 bis 130 Dezibel hat es üblicherweise neben der Tanzfläche in einer Diskothek. Die Kopfhörer eines MP3-Players lassen sich immerhin auf 100 Dezibel hinaufdrehen.

Dabei sollte man über die logarithmische Berechnung des Schallpegels Bescheid wissen: Erhöht sich der Schallpegel um nur 10 Dezibel, so bedeutet das eine Verdoppelung der wahrgenommenen Lautstärke. 95 Dezibel sind also doppelt so laut wie 85 Dezibel.

Rund 25.000 winzige Härchen im Innenohr sind ständig damit beschäftigt, Schallinformationen an den Hörnerv abzugeben. Sie sind es, die unter Dauerbeschallung besonders leiden und auch Schaden nehmen können. Das geschieht meist nicht durch ein einziges Rockkonzert. Eine Stunde Höllenlärm kann über die Härchen zwar wie ein Orkan drüberfahren und sie wie Grashalme umknicken. Wenn sie danach jedoch lange genug Ruhe haben, richten sich die Sinneszellen wieder auf und das normale Gehör kehrt zurück. Ein Großteil zumindest.

Orkan
Wird es zu laut, verschiebt sich die Hörschwelle um bis zu 40 Dezibel nach oben. Vorübergehende Taubheit setzt ein.
© Getty Images

Die Lärmdauer bringt den Schaden

Problematisch wird es, wenn solche akustischen Orkane lange dauern oder oft vorkommen, ohne dass sich das Gehör in Ruhepausen regenerieren könnte. Dabei sterben die Härchen im Innenohr ab, was zur so genannten Schallempfindungsschwerhörigkeit führt. Wie schwerwiegend die Störung ist, hängt davon ab, wie viele Haarzellen beschädigt sind. Das Problem dabei: Die Schallempfindungsschwerhörigkeit kommt meist schleichend. Aber nicht ohne Vorwarnung.

Druck in den Ohren und Ohrgeräusche wie Pfeifen, Rauschen oder Summen können auf eine Überlastung des Gehörs durch Lärm hinweisen. Bis zu einem gewissen Grad können sich die Ohren auch selbst schützen. Wird es zu laut, verschiebt sich die Hörschwelle einfach um bis zu 40 Dezibel nach oben. Vorübergehende Taubheit setzt ein. Sie betrifft vor allem die hohen Töne, wie zum Beispiel das Ticken einer Uhr oder das Zirpen der Grillen, und ist ein deutliches Warnsignal: Jetzt ist Ruhe angesagt.

Eine harmlose Schwellenverschiebung dauert bis zu 16 Stunden, danach ist das normale Gehör wiederhergestellt. Klingt nach dieser Zeit immer noch alles wie durch Watte gedämpft, hat man sich bereits eine pathologische Schwellenverschiebung eingehandelt. Und ist diese Hörermüdung nach drei Monaten Ruhe noch immer nicht behoben, kann man davon ausgehen, dass sich Haarzellen im Innenohr aufgelöst haben. Die Schädigung ist irreversibel.

Von häufigem Musikgenuss ab einem Pegel von 85 Dezibel wird daher jeder Arzt abraten. Doch landläufige Prophezeiungen, dass wir durch Diskothek und MP3-Player ein Volk von Schwerhörigen werden, seien überzogen, meint Birger Kollmeier, Professor für Medizinische Physik und Leiter des Exzellenzclusters Hearing4all an der Universität Oldenburg. „Natürlich kann laute Musik schädlich sein und jeder sollte vorsichtig mit seinen Ohren umgehen. Die Auswirkungen von Lärm sind aber individuell sehr unterschiedlich.”

Das Audiogramm

Das Audiogramm stellt grafisch dar, wie gut eine Person hört. Die Lautstärke von Tönen wird in der Einheit Dezibel (dB) angegeben.

Null Dezibel ist ein sehr leiser Ton. Eine normale Unterhaltung hat eine Lautstärke von rund 70 dB. Wer Vogelgezwitscher wahrnehmen kann (10 – 20 dB), besitzt ein normales Hörvermögen. Schwerer Hörverlust liegt dann vor, wenn das Läuten des Telefons (90 dB) nicht mehr gehört wird.

Prof. Kollmeier nennt sie „Glasohren” – jene Ohren, die schon bei einer regelmäßigen Beschallung mit 85 Dezibel nach wenigen Jahren mit Gehörverlust reagieren. „Stahlohren” hingegen vertragen auch 110 Dezibel über 20 Jahre hinweg ohne nennenswerte Hörminderung. Ein solch unempfindliches Gehör haben allerdings nur rund 15 Prozent der Bevölkerung, zeigen Schätzungen, die im Rahmen der ISO-Norm 1999 erstellt wurden. Der Großteil der Menschen liegt zwischen den beiden Extremen.

„Diese ISO-Richtwerte wurden für Lärmbelastung am Arbeitsplatz berechnet, wo sich niemand aussuchen kann, wie viel Lärm er sich aussetzen will”, so Kollmeier. Auf den Freizeitbereich ließen sich diese Daten nicht übertragen. Denn hier würden lärmempfindliche Menschen eine zu laute Umgebung ohnehin meiden. „Das ist wahrscheinlich die Erklärung dafür, dass seriöse Studien den Musikkonsum nicht als Hauptursache von Hörschäden bei Jugendlichen nachweisen können. Trotz MP3-Player und Diskotheken.” Glasohren gehen wohl nicht zum Rockkonzert.

Anders ist die Lage bei Berufsmusikern. Und zwar nicht nur in Heavy-Metal-Bands: Die Geige beispielsweise erzeugt direkt am Ohr der Violinistin einen Schallpegel von 90 Dezibel. „Alle Musiker tragen heute Gehörschutz, auch Discjockeys” weiß Patrick Zorowka, Professor für HNO-Heilkunde und Phoniatrie an der Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen in Innsbruck. „Und trotzdem haben manche bereits nachweisbare Hörschäden. Vor allem jene Musiker, die vor Blechbläsern und Schlagzeug sitzen, leiden unter Hörverlust.”

Wer sich in seiner Freizeit hohen Lautstärken aussetzt, muss selbst die Verantwortung für sein Gehör übernehmen. Ein Konzertbesuch pro Woche mit genug Ruhepausen für die Ohren dazwischen ist wahrscheinlich kein Grund zur Sorge. Wer aber zusätzlich täglich mehrere Stunden lang Musik über Kopfhörer hört, und zwar auf voller Lautstärke, der müsste schon Stahlohren haben, um keine Schäden davonzutragen. Und wer weiß das schon im Vorhinein?

Zu laut für das Cochlea-Implantat?

In Sachen Lärmschutz haben Hörimplantate einen großen Vorteil gegenüber dem natürlichen Gehör: Sie übertragen Schall nur in einem genau definierten Lautstärken-Fenster.

Beim Anpassen des Implantats legt der Audiologe den Minimal-Stimulationswert fest, der vom Implantatträger gerade noch als leiser Ton wahrgenommen wird. Als Maximalwert wird jene Stimulationsstärke fixiert, die gerade noch erträglich ist. Ab dann erfolgt jede Stimulation innerhalb dieser beiden Extremwerte. Liegt die tatsächliche Lautstärke über der persönlichen Schmerzgrenze, wird der Schall automatisch heruntergeregelt. Er kommt zwar als laut an, aber niemals als zu laut.

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