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Der Soundtrack des Lebens Die Welt hörend erfahren

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: November 2019
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 9 Minuten

Unsere akustische Reise beginnt noch vor unserer Geburt und endet mit unserem letzten Atemzug. Sobald wir hören können, erreichen uns Töne und beeinflussen, wie wir denken, uns fühlen und verhalten. Manche Geräusche nehmen wir bewusst wahr, andere unbewusst, manche wirken stärker auf uns und andere weniger stark; doch alle zusammen ergeben den Soundtrack unseres Lebens.

Die ersten Geräusche des Lebens

Zu Beginn herrscht Stille. Eines Tages jedoch dringt ein sanftes Murmeln zu uns durch und bringt Liebe mit sich. Studienergebnisse legen nahe, dass ungeborene Kinder die Stimme ihrer Mutter schon in der 16. Schwangerschaftswoche wahrnehmen. Einen Monat später ist die Cochlea, die sogenannte Hörschnecke, voll ausgebildet und in der 25. Woche das komplette Gehörsystem. Hört ein Baby im Bauch Musik, erhöht sich seine Herzfrequenz und es bewegt sich sogar im Rhythmus des Liedes.

Wir können nicht nicht zuhören

Das Hören ist dem Menschen also in die Wiege gelegt – doch was bedeutet es eigentlich, zu hören, und welchen Einfluss hat das Gehörte auf uns? Der Hörprozess ist schnell erklärt: Über die Luft gelangen Schallwellen zum Trommelfell und ins Mittelohr, von dort aus weiter ins Innenohr, zur Hörschnecke, der sogenannten Cochlea, wo sie in elektrische Impulse umgewandelt werden. Diese werden an das Hörzentrum im Gehirn weitergeleitet und dort zu Informationen verarbeitet.

Das Hören ist ebenso wie das Atmen ein automatischer Vorgang. Wenn Sie sich also nicht absichtlich die Ohren zuhalten oder an Hörverlust leiden, verarbeiten Sie rund um die Uhr akustische Eindrücke. Da Sie aber mit der schieren Menge an Informationen überfordert wären, filtern Sie die wichtigsten Schallsignale heraus. Doch auch die unbewusst wahrgenommenen Geräusche haben eine starke Wirkung.

Welchen Effekt hat das Hören? Wie beeinflussen uns Geräusche?

Der Sound- und Kommunikationsexperte Julian Treasure benennt in einem TED-Talk vier Ebenen, auf denen Geräusche den Menschen prägen:

Physiologie

Akustische Signale beeinflussen die menschliche Hormonausschüttung, Atmung, Herzfrequenz und Hirnströme. Wenn wir plötzlich eine Polizeisirene hinter uns hören, sind wir sofort in Alarmbereitschaft. Das Rauschen des Meeres hat einen gegenteiligen Effekt. Seine Frequenz von 12 Schwingungen pro Minute entspricht der des Atems eines schlafenden Menschen und sorgt für Ruhe und Entspannung.

Psychologie

Die stärkste psychologische Wirkung haben Musik, auf die wir später ausführlicher zu sprechen kommen, und Naturgeräusche. Vogelgesang beispielsweise empfinden viele Menschen als äußert positiv, denn er signalisiert ihnen, dass sie in Sicherheit sind. Wie groß der Einfluss von Geräuschen auf die menschliche Psyche tatsächlich ist, belegt auch eine Studie der Universität Lund aus dem Jahr 2008. Die Forscher des universitätseigenen Sound Environment Centers haben sechs psychologische Mechanismen und verschiedene Emotionen identifiziert, die im Gehirn beim Musikhören ausgelöst werden.

Kognition

Auch die Kognition leidet oder blüht unter dem Einfluss von Geräuschen auf: Arbeiten Sie in einem Großraumbüro, beeinflusst der herrschende Lärm Ihre kognitiven Leistungen erwiesenermaßen negativ. Zum einen sinkt Ihre Konzentration und zum anderen Ihre Produktivität. In diesem Fall schaffen angenehme Naturgeräusche oder sanfte Musik aus Kopfhörern Abhilfe.

Verhalten

Zu guter Letzt bestimmen Geräusche Ihr Verhalten, was sich vor allem die Werbung und der Einzelhandel zunutze machen. Achten Sie beim nächsten Einkauf in Ihrem Lieblingsgeschäft bewusst auf die Hintergrundmusik oder Geräuschkulisse. Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit feststellen, dass Sie sie als angenehm empfinden.

Der Klang unserer Welt von Nord nach Süd und Ost nach West

Aus welchen Tönen, Klängen, Geräuschen und Musiken Ihr individueller Soundtrack besteht, hängt unter anderem davon ab, wo Sie geboren wurden und die ersten Lebensjahre verbracht haben. Bestimmend ist zuallererst der geografische Standort: Während an einem Ende der Welt Kirchenglocken läuten, bittet am anderen Ende der Welt ein Muezzin zum Gebet. Im ländlichen Österreich muhen Kühe und gackern Hennen, wohingegen Brüllaffen, Jaguare und Papageien die Geräuschkulisse im brasilianischen Amazonasgebiet prägen. Die deutsche Sprache fällt durch knallende Plosive auf und im Hochchinesischen macht der Ton im wahrsten Sinne des Wortes die Musik, indem er die Bedeutung bestimmt.

Die Geräusche an einem naturnahen Ort sind angenehmer als die in einem Großstadtmoloch; die meisten Menschen hörten lieber Bienensummen als heulende Motoren. Doch jede Stadt hat ihren eigenen Sound und hinterlässt ihre Spuren in Körper, Geist und Seele desjenigen Menschen, der sie seine Heimat nennt. Das Martinshorn in New York weist beispielsweise eine andere Frequenz auf als jenes in Berlin; zu Hamburg gehören die Nebelhörner der Frachter wie zu Augsburg das Glockenspiel des Perlachturms.

Wie klingt Zuhause?

Nicht nur das Land oder die Stadt, in denen jemand aufwächst, auch der Wohnraum weist akustische Besonderheiten auf. Handelt es sich um ein Holzhaus oder eine Wohnung im Plattenbau? Knarzende Dielen sorgten unter Umständen und vor allem nachts für Ärger, doch später erinnert man dieses Geräusch als gemütlich: Das Haus hatte eben ein Eigenleben – vielleicht war die kaputte Diele aber auch eine zuverlässige Alarmanlage und warnte vor der elterlichen Stippvisite im Kinderzimmer.

Die Anzahl der Personen, mit denen wir den Wohnraum teilen, spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle für unser akustisches Erinnerungsalbum. Menschen, die mit Eltern, Geschwistern und Großeltern aufgewachsen sind, berichten oft, dass sie sich wohler fühlen und besser schlafen, wenn es nicht allzu still um sie herum ist. Nicht nur besondere Geräusche wie das Knacken von Nüssen in der Vorweihnachtszeit, das Klicken von Stricknadeln in Omas Stube, das Kratzen des Zeichenstiftes auf dickem Papier in Papas Hobby-Atelier wirken angenehm. Auch scheinbar belanglose akustische Signale des Alltags – nach dem abendlichen Bad stürmt der Fön, die alte Waschmaschine brummt bedrohlich – nehmen wir in unseren Soundtrack auf.

Auch Menschen klingen – und tragen zum Soundtrack des Lebens bei

Ein wichtiges Element unserer akustischen Welt stellen die Stimmen unserer Mitmenschen dar – im Positiven wie im Negativen. Denn Stimmen können durchaus als störend empfunden werden. Der Stoiker Seneca beispielsweise meinte, Stimmen und Musik seien deshalb so unerträglich, weil sie nicht allein auf das Ohr, sondern direkt auf die Seele einwirken. Verursacht eine gewisse Stimme jedoch eine zarte Regung des Gemüts, wird sie uns unser Leben lang erheben, sobald wir sie hören oder uns ihren Klang ins Bewusstsein rufen. Es kann tröstlich sein, sich an den satten Bass des Großvaters und den perlenden Sopran der Mutter zu erinnern, oder aber an das herzhafte Lachen der besten Freundin aus Kindertagen.

Frau liegt im Gras
© Getty Images

Kein Soundtrack ohne Musik

Der Soundtrack des Lebens setzt sich also aus vielen einzelnen Geräuschpuzzleteilen zusammen. Doch was wäre eine Playlist ohne Musik?

Sie nimmt eine Sonderrolle ein – von Philosophen des antiken Griechenlands bis zu zeitgenössischen Neurowissenschaftlern haben sich zahlreiche Forscher an ihrem Mysterium abgearbeitet. Arthur Schopenhauer ging davon aus, dass die Musik das Abbild des Willens selbst sei und somit verständlicher zu uns rede als die Sprache; Friedrich Nietzsche wiederum war sich sicher: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Was passiert beim Musikhören?

Feststeht, dass beim Musikhören mehrere Gehirnregionen gleichzeitig aktiv sind:

  • Thalamus (Übermittlung von Informationen, Schlafregulierung)
  • Kleinhirn (Motorik, Lernvorgänge, kognitive Prozesse)
  • Hippocampus (Überführung von Erinnerungen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis, Orientierung, Emotionen)
  • Amygdala (Verknüpfung von Ereignissen mit Emotionen)
  • Präfrontaler Cortex (Handlungssteuerung, emotionale Prozesse; Persönlichkeit)
  • Inselrinde (Sinneswahrnehmungen, Schmerz, Gleichgewicht, Empathie)
  • Broca-Areal (eine Hauptkomponente des Sprachzentrums)

Im Unterschied zu den durch Sprache angesprochenen Arealen handelt es sich um die primitiven Gehirnregionen, in denen neben den Basisemotionen auch die Zentren für Motivation und Belohnung angesiedelt sind. Die Aussicht auf Belohnung ist es beispielsweise, die uns tanzen lässt: Unsere Hirnwellen gleichen sich dem Rhythmus der Musik an, weshalb wir unbewusst den nächsten Taktschlag erahnen. Liegen wir mit unserer Vorhersage richtig, belohnt uns das Gehirn – und wir wollen mehr. Insgesamt ließe sich das Vergnügen, das beim Musikhören empfunden wird, damit erklären, dass verschiedene Hirnregionen harmonisch zusammenarbeiten und wir angenehm gefordert, ja angeregt sind.

Musik verbindet

Das Geheimnis der Musik ist aber ein anderes: Sie ist die „universelle Sprache der Gefühle“, jedoch nicht nur, weil sie starke Emotionen und Assoziationen hervorzurufen vermag. Sie ist es vor allem deshalb, weil sie über alle Grenzen hinweg verbindend wirkt. Menschen mit den verschiedensten kulturellen, religiösen und sozialen Hintergründen sind sich meist einig darüber, ob ein Lied traurig oder fröhlich ist. Dies belegen zahlreiche Studien; warum es sich aber so verhält, ist bis heute nicht eindeutig belegt.

Playlists für alle Lebenslagen

Von Osaka bis San Francisco hat jeder Mensch seine individuelle Playlist, in der jedes Lied eine Erinnerung und Emotion reflektiert. Auch Sie sind ihr Leben lang Ihr eigener DJ und sammeln Lieder zu verschiedenen Themen. Liebe und Liebeskummer, Heimweh und Abenteuer, Freundschaft und Einsamkeit – so reich wie Ihr Gefühlsleben ist auch Ihr Soundtrack. Das Schöne ist, dass Sie ihn mit anderen Menschen teilen können. Vielleicht hat Ihnen Ihre erste große Liebe ein Mixtape mit Ihren gemeinsamen Lieblingssongs zusammengestellt oder sie saßen stundenlang für Ihren besten Freund vor dem Radio und haben die angesagtesten Hits Ihrer Jugend aufgenommen. Heute schicken Sie Familie und Freunden wahrscheinlich Links zu neuen musikalischen Entdeckungen.

Den Soundtrack des Lebens kreieren

Im Laufe der Zeit berühren Sie manche Lieder nicht mehr so stark, dafür entdecken Sie neue, um die Sie Ihren Soundtrack erweitern. Zusammen mit Naturgeräuschen, den typischen Klängen Ihrer Heimat, den Stimmen lieber Menschen und vielen anderen Geräuschen bilden sie Melodie und Rhythmus Ihres Lebens. Die Kreation Ihres Soundtracks verläuft parallel zu Ihrer persönlichen Entwicklung. Haben Sie Kassetten oder CDs aus Ihrer Jugend aufbewahrt? Hören Sie rein, werden Sie erfahren, was Sie damals beschäftigt hat und wie Sie sich gefühlt haben. Sie können anhand Ihres Soundtracks also immer wieder überprüfen, woher Sie kommen und wohin die Reise geht – allein und mit anderen.

Hören eröffnet jeden Tag eine neue Welt

Die Wunder des Hörens zu entdecken und damit den „Soundtrack des Lebens“ ist keine Selbstverständlichkeit. MED-EL bietet nicht nur Lösungen für Hörverlust, sondern glaubt an die Schönheit des Lebens, die auch das Hören und alle Klänge um uns herum umfasst. So will MED-EL Bewusstsein für dieses Thema schaffen.

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