Interview

Die Drei

1990 – Ein Jahr, in dem große Geschichte geschrieben wird: In Südafrika bröckelt die Apartheid, in Berlin die letzten Reste der Mauer. Das Hubble-Weltraumteleskop ist im All, und auf der Erde machen sich drei Menschen auf in unbekannte Galaxien: die Elektroniker Wolfgang Fitz und Alexander Mayr und der Marketingfachmann Sebastian Foidl.

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018

1990 – Ein Jahr, in dem große Geschichte geschrieben wird: In Südafrika bröckelt die Apartheid, in Berlin die letzten Reste der Mauer. Das Hubble-Weltraumteleskop ist im All, und auf der Erde machen sich drei Menschen auf in unbekannte Galaxien: die Elektroniker Wolfgang Fitz und Alexander Mayr und der Marketingfachmann Sebastian Foidl.

Bettina Benesch von Bettina Benesch
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 4 Minuten

Die Elektrotechnikerin Ingeborg Hochmair und ihr Mann, der Elektroingenieur Erwin Hochmair, begannen bereits 1975 an der Technischen Universität Wien, Cochlea-Implantate zu entwickeln.

15 Jahre später entstand aus dem Uni-Spin-off eine Firma, die heute von Innsbruck aus weltweit mehr als 1.500 Mitarbeiter beschäftigt. Wolfgang Fitz, Alexander Mayr und Sebastian Foidl waren die ersten drei Angestellten. Sie sind nach wie vor im Unternehmen. Wir haben sie getroffen und mit ihnen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen.

Alexander Mayr, Nachrichtentechniker und Elektroniker. Er leitet die Implantatfertigung mit 200 Mitarbeitern.
© BIRGIT KÖLL

Wie hat alles begonnen?

Wolfgang Fitz: Norbert Nessler von der Uni Innsbruck suchte für ein Projekt von Erwin Hochmair zwei Techniker. Alexander Mayr und ich wurden engagiert.

Alexander Mayr: Wir haben Mitte Oktober 1985 am Institut für Allgemeine Elektrotechnik in der Gußhausstraße in Wien begonnen und sind am Faschingsdienstag 1986 an die Uni nach Innsbruck übersiedelt. Wolfgang und ich arbeiteten damals fast nur am Projekt Cochlea-Implantate. Als sich Ingeborg und Erwin entschlossen, MED-EL zu gründen, waren wir sofort dabei.

Sebastian Foidl: Ingeborg Hochmair ging damals das erste Mal auf Personalsuche außerhalb der Uni und beauftragte einen Personalberater. Sie hat eine Art Mann für alles gesucht. Ich habe Marketing und Verkauf übernommen. Die Firma war damals noch auf Ingeborgs Privatadresse eingetragen; wir hatten ein Uni-Kabinett mit einem Schreibtisch und einem Telefon. Meine ersten Kontakte waren Uni-Kontakte; sozusagen die Ursuppe aller weltweit tätigen Implantat-Entwickler. Zehn Unis waren damals an der Sache dran. Ich habe versucht, sie zu überzeugen, mit uns zu arbeiten. Das waren dann unsere ersten Kunden.

Fitz: Wir haben bei uns zu Hause im Wohnzimmer gearbeitet, das Lager für einen Teil der Implantat-Komponenten war in Ingeborgs Keller untergebracht. Unser erster Dienstvertrag gilt immer noch. Darin steht sinngemäß: „Alles, was zu tun ist, dafür sind wir da“.

Wie war die Stimmung damals?

Foidl: Es war eine Uni-Firma mit Uni-Stimmung. Am Anfang kannte niemand in den Kliniken dieses Produkt. Es gab keine Kostenrückerstattung und die Indikation damals lautete: Beidseitige vollständige Taubheit. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich im Sinne der Patienten verbessert. Am Anfang wurde die Finanzierung in den Spitälern aus den wissenschaftlichen Budgets gedeckt, und auch über private Zahler. Jetzt zahlt zumindest in den westlichen Staaten die öffentliche Hand.

Fitz: Es gab nichts; wir mussten alles selbst ausprobieren. Und wenn es nicht funktioniert hat, haben wir halt eine oder zwei Nächte drangehängt. Es gab keine geregelten Arbeitszeiten, wir haben gearbeitet bis wir fertig waren. So waren wir mit den Produkten schnell auf dem Markt. Viele Teile aus den USA und Japan haben wir nicht durch den Zoll bekommen, also haben wir die Sachen nach Deutschland schicken lassen und sie im Auto über die Grenze gebracht.

Mayr: Wir alle konnten viel ausprobieren und eigene Ideen verwirklichen. Es war daher in der Firma immer eine sehr motivierende Stimmung – und ist es immer noch.

Sebastian Foidl, Maschinenbau-Ingenieur und Marketingfachmann. Er ist als Area Manager für den Nahen Osten, Südeuropa und Afrika verantwortlich.
© BIRGIT KÖLL

Sie sind nun seit 25 Jahren im Unterneh- men. Was ist heute anders als damals?

Foidl: In meinem Bereich ist heute alles anders. Damals waren wir eine dieser Garagenfirmen. Wir hatten weder Handy noch E-Mail, haben mit Telex und Telefax gearbeitet und mit selbstgemachten Prospekten. Unser erster Laptop hatte 25 kg. Mit diesem „Schlepptop“ sind wir rund um die Welt gefahren und haben Patienten angepasst.

Mayr: Früher konnten wir durch sehr kurze Entscheidungswege und ein paar Sonderschichten in sehr kurzer Zeit Außergewöhnliches leisten. Wir sind inzwischen sehr groß, daher gehen die Sachen nicht mehr so schnell. Dazu kommt, dass die Auflagen und Vorschriften der Behörden im Vergleich zu früher deutlich verschärft wurden. Die größte Veränderung auf der technischen Seite brachte die Chiptechnologie und die damit zusammenhängenden technischen Möglichkeiten. Das ist ein Grund, warum unsere Implantate immer besser werden: Die Ideen unserer Forscher sind umsetzbar und finanzierbar.

Fitz: Im Grunde sind die Fertigungsabläufe die gleichen wie vor 20 Jahren. Mit dem Unterschied, dass wir damals mehr selbst gebaut haben; Zentrifugen aus Plattenspielern zum Beispiel. Jetzt kaufen wir die Maschinen ein. Auch Mitarbeiterschutz und Arbeitszeitregelungen haben sich gewaltig verändert; so etwas gab es zu Beginn ja überhaupt nicht. Dafür hatten wir die Chance, alle Bereiche der Firma kennen zu lernen. Heute haben die Mitarbeiter ihren abgesteckten Bereich und kennen viele Teile des Unternehmens gar nicht.

Wolfgang Fitz, Nachrichtentechniker, Elektroniker und Betriebswirt. Er leitet die Bereiche Beschaffung, Produktionsplanung und Empfang, Lager, Auftragsbearbeitung und Transport Logistics sowie Customs Handling.
© BIRGIT KÖLL

Schauen wir ein wenig in die Zukunft: Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie an die kommenden Jahre denken?

Mayr: Ich glaube, dass unsere Branche eine sehr gute Zukunft hat. Allerdings ist das Geld im Gesundheitswesen knapp. Ein wachsendes Problem ist der Preisdruck bei gleichzeitig steigenden Anforderungen der Behörden. So besteht die Gefahr, dass die Innovation gebremst wird und alte Produkte sehr lang am Markt bleiben. Ich hoffe doch, dass sich Innovation und gute Produkte gegen „nur“ gutes Marketing durchsetzen.

Fitz: Die Gesundheitsbranche ist in Aufruhr. Die Gelder sind weg und der Preis von Cochlea-Implantaten wird sinken. Derjenige aber, der echte Innovationen auf den Markt bringt, wird große Marktanteile gewinnen. Ein vollimplantierbares Implantat zum Beispiel könnte den ganzen Markt umbrechen, wenn es billiger ist als gute Hörgeräte. Die Zielgruppe würde explodieren.

Foidl: Ich sehe die Zukunft sehr positiv. Es gibt noch viel Potential für eine Firma, deren Produkte menschliche Sinne oder Körperfunktionen ersetzen. Die Geräte werden immer kleiner, immer leichter benutzbar, und ich bin sicher, dass vollimplantierbare Prothesen noch viel mehr Patienten als bisher anziehen werden. Es gibt also reichlich neue Märkte. Ein guter technischer Betrieb mit guten Leuten hat immer Zukunft.

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