Interview

„Die Gesellschaft braucht agile ältere Menschen“ Architekt Jan Gehl über die Vorzüge des Alterns

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018
In der Sammlung Alter
Lesedauer: 6 Minuten

Der 78-jährige dänische Architekt Jan Gehl ist weltweit bekannt und geschätzt für seine Stadtplanung, die sich an den Menschen orientiert statt an Autos und starren Regeln. Im Gespräch mit Madeleine Bailey erzählt er von seinen größten Inspirationen und den Vorzügen des Alterns.

Sie sind 78 Jahre alt und arbeiten noch immer – das sind bereits 13 Arbeitsjahre mehr als bei einem durchschnittlichen Dänen. Was lieben Sie so sehr an Ihrer Arbeit?

Architektur kann Menschen zu mehr Lebensqualität verhelfen. In den vergangenen 50 Jahren habe ich mich damit beschäftigt, herauszufinden, wie Gebäude und öffentliche Plätze das menschliche Verhalten beeinflussen und ihr Leben verbessern können. Menschen, die von Hochhäusern, makellosem Rasen und weiten Plätzen umgeben sind, neigen dazu, sich vermehrt im Inneren aufzuhalten und für jede Strecke, die sie zurücklegen müssen, das Auto zu nehmen. Das führt zu Verkehrsstaus, Luftverschmutzung und Isolation. Ändert man aber diese Umgebung und errichtet niedrigere Gebäude, Fahrradwege und Fußgängerzonen, dann verbringen die Menschen mehr Zeit auf öffentlichen Plätzen. Sie gehen häufiger zu Fuß und fahren mit dem Fahrrad, was sowohl für ihre Gesundheit als auch für die Umwelt von großem Nutzen ist. Darüber hinaus sind die Städte dann sicherer, weil sich überall Menschen aufhalten.

Diese Erkenntnisse sind allerdings zum größten Teil erst in den letzten zehn Jahren immer populärer geworden. Meine Bücher gibt es inzwischen in 35 verschiedenen Sprachen – neuerdings auch in Mongolisch und Malaysisch. Es erfüllt mich mit Stolz und Freude, zu sehen, dass meine Arbeit nun weltweit anerkannt wird. Das vermittelt mir das Gefühl, etwas Wertvolles zu tun.

Also haben Sie nicht vor, in naher Zukunft aufzuhören?

Es kommt natürlich darauf an, wie es mir geht, aber generell möchte ich arbeiten, so lange es möglich ist. Ich habe aber schon ein paar Gänge zurückgeschaltet. Es muss sich schon um einen besonders guten Tag handeln, wenn man mich vor 10.30 Uhr im Büro antrifft, und manchmal arbeite ich auch von Zuhause aus. Heute mache ich allerdings nur noch das, was mir wirklich am Herzen liegt.

Denken Sie, dass es aufgrund der zunehmenden Alterung der westlichen Gesellschaft zur Norm werden wird, mit über 70 Jahren noch zu arbeiten?

Dank der höheren Lebenserwartung, besseren Gesundheit und größeren Bandbreite an Möglichkeiten bringen sich ältere Menschen schon jetzt wesentlich mehr ein, als es in früheren Generationen der Fall war. Im Laufe meines Lebens hat sich die Haltung gegenüber älteren Menschen enorm verändert und das wird sich noch fortsetzen. Die Gesellschaft braucht agile ältere Arbeitnehmer, die den Mangel an jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt ausgleichen können.

Es wird für ältere Menschen in Zukunft leichter sein, halbtags zu arbeiten, und ich gehe davon aus, dass das Rentenalter flexibler wird. Dabei muss man auch nicht zwangsläufig im gleichen Beruf weiterarbeiten, sondern kann sich auch etwas Anderes, Passenderes, suchen.

Es ist gut für das Selbstwertgefühl, wenn man merkt, dass man einen wertvollen Beitrag liefert und noch gebraucht wird und überdies hält es den Geist jung und gibt dem Leben Sinn.

© Ashley Bristowe

Sind Sie der Meinung, dass das Alter generell unterbewertet wird?

Was die Eigen- und Fremdwahrnehmung von Menschen mittleren und höheren Alters angeht, hat sich in den letzten Jahren viel zum Positiven gewandelt. Wenn ich mir alte Fotos aus den 1910er Jahren von meinem Großvater und anderen Verwandten ansehe, fällt auf, dass die Leute damals alt aussahen, alt angezogen waren und schon Gehstöcke brauchten, obwohl sie erst in ihren 50ern oder 60ern waren. Die Gesundheit hat sich verbessert und heute sind ältere Menschen generell meist agiler. Auch die Art sich zu kleiden und die Freizeitgestaltung haben eine Reformation erfahren.

Bemühen Sie sich bewusst darum, fit zu bleiben?

Es sind die Jahre von guter Lebensqualität, die zählen – nicht die reine Anzahl an Lebensjahren. Niemand möchte lange leben, wenn er wenig Lebensqualität hat. Somit kann ich sagen: Ja, ich versuche so fit und aktiv wie möglich zu bleiben.

Welchen körperlichen Aktivitäten gehen Sie nach?

Die Stadt Kopenhagen wurde so geplant, dass sie einen gesunden Lebensstil fördert und ist somit eher von Menschen geprägt, die gehen oder mit dem Fahrrad fahren, anstatt im Straßenverkehr festzusitzen und Abgase einzuatmen. Ich gehe so viel ich kann. Ich fahre Fahrrad, allerdings nur in der näheren Umgebung, denn ich meide die überfüllten Fahrradwege im Zentrum von Kopenhagen. Fahrradfahren ist heute so populär, dass wir hier eher das Problem haben, mit Fahrrädern in Staus zu stehen als mit Autos. Außerdem spiele ich Tennis-Freundschaftsspiele in meinem lokalen Verein.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten oder Sport treiben?

Ich spiele Posaune und bin in einer Jazzband. Wir treten auch auf, aber nur zum Spaß. Wir spielen traditionellen, altmodischen Jazz, wie Louis Armstrong, Chris Barber – so in diese Richtung. Außerdem habe ich hier viele Freunde. Meine Frau Ingrid und ich wohnen seit 50 Jahren hier und unsere drei Kinder und sieben Enkelkinder und auch noch andere Verwandte von uns leben ganz in der Nähe.

Wir sind in einem festen Dinner-Club, zusammen mit fünf oder sechs in der Region lebenden Familien, in dem abwechselnd für alle gekocht wird. Es ist gut, ein enges soziales Netzwerk zu haben, wenn man älter wird.

Öffentlicher Platz
Mehr Raum für Menschen. Jan Gehl hat sich zeit seines Lebens mit diesem Thema befasst.
© Gehl Architects

Wie sehr entspricht das tatsächliche Älterwerden Ihren Vorstellungen, die Sie früher davon hatten?

Ich glaube, ich habe mir in jungen Jahren nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht. Eigentlich läuft alles im Großen und Ganzen wie immer und man fühlt sich mit 65 nicht viel anders als beispielsweise mit 35. Man lebt sein Leben und sitzt dem Irrtum auf, dass alles immer so weitergehen wird wie immer, und erst, wenn etwas passiert, wird einem bewusst, dass nichts im Leben von Dauer ist.

In unserem Fall war es so, dass bei Ingrid vor drei Jahren ein Blutgerinnsel im Gehirn festgestellt wurde, was bedeutete, dass wir unsere Lebensweise etwas umstellen mussten. Doch so lange es einem gut geht, denkt man immer, das Alter ist weit entfernt, auch wenn man schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat.

Was ist das Positivste in Bezug auf das Älterwerden?

Das ist für mich das hohe Maß an Erfahrung, das man gewinnt. In einem gewissen Alter hat man das Meiste schon einmal gesehen und gehört, weiß, wie man schwierige Situationen bewältigen kann und kann dann auch jüngeren Menschen dabei behilflich sein. Wir sind die Wissensträger der Geschichte. Wir können uns an das Leben von acht Jahrzehnten erinnern, einschließlich an solche Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg. Dadurch haben wir heute natürlich eine weitaus umfassendere Sicht auf die Dinge als jüngere Menschen.

Jan Gehl
© Ashley Bristowe

Wenn Sie zurückblicken, gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie heute anders machen würden?

Manchmal denke ich, ich habe zu viel Zeit in der akademischen Welt verbracht. Ich habe 40 Jahre lang Forschung betrieben und meine eigene Firma erst mit 63 Jahren gegründet. Ich würde mir durchaus wünschen, ich hätte schon früher damit begonnen. Trotzdem macht mir die Forschung nach wie vor viel Spaß und ich ziehe viel Bestätigung aus dieser Arbeit.

Wer oder was war Ihre größte Inspiration?

Meine Mutter hatte einen unstillbaren Wissensdurst. Sie hatte keine höhere Bildung genossen, interessierte sich aber für alles und jeden. Sie kannte die Namen sämtlicher Sterne, Blumen und Vögel und wusste auch viel über unsere Geschichte. Eine meiner Töchter arbeitet als Ärztin in der Krebsforschung. Sie ist der Meinung, dass der Grund für die Arbeit, die sie und ich machen, der Wissensdurst meiner Mutter ist.

Und was würden Sie sagen war Ihre bedeutendste Leistung?

Kinder zu haben. Es ist ein großes Privileg, sie aufwachsen zu sehen und auch in so vielerlei Hinsicht von ihnen unterstützt zu werden. Auch die Partnerschaft mit meiner Frau ist für mich etwas sehr Wertvolles. Das Wichtigste im Leben sind Familie, Freundschaften und Menschen im Allgemeinen.

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