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Die heilende Kraft der Klänge Was wir hören, ist weit mehr als das, was wir hören

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juni 2020
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Lesedauer: 6 Minuten

Wenn wir hören, fühlen wir. Und wir fühlen auch, wenn wir nicht gut hören. Viele Menschen reagieren emotional auf bestimmte Klänge. Ein Lied kann Gänsehaut erzeugen oder den plötzlichen Impuls hervorrufen, zu tanzen oder lauthals mitzusingen. Auch wenn der Reaktion keine ‚Handlung‘ folgt, der Körper antwortet auf das, was die Ohren wahrnehmen: mit einem Kribbeln, einem Impuls, mit Anspannung oder Entspannung. Etwas in uns reagiert sogar auf unbekannte Musik oder Liedtexte.

Die Macht der Musik

Julia Roberts führte in Pretty Woman vor Augen, dass man Operntexte nicht verstehen muss, um von den leidenschaftlichen Arien zu Tränen gerührt zu werden. Neben Hollywood beweist uns die Wissenschaft eindrucksvoll, dass Musik tatsächlich die Universalsprache schlechthin ist. Selbst wenn Zuhörer Lieder aus verschiedenen (und manchmal unbekannten) Kulturen hören, reagieren sie angemessen auf das, was sie wahrnehmen. Sie können zwischen Musik unterscheiden, die Romantik vermitteln will, die beruhigt oder die melancholisch macht. Die Stimme des Lieblingssängers löst Emotionen aus, unabhängig von persönlichen, sentimentalen Erinnerungen.

Doch es gibt auch andere Geräusche. Solche nämlich, die fast immer negative Emotionen, Stress, Angst oder Unbehagen auslösen: wütende Stimmen, das Läuten eines Telefons oder hupende Autos im Stau. Geräusche in der Natur bewirken genau das Gegenteil. Naturgeräusche beruhigen, schaffen ein Gefühl von innerer Ruhe und Frieden: die Wellen, die sanft den Strand umspülen, das Rauschen der Bäume im zarten Herbstwind oder der liebliche Gesang der Vögel an einem Sommertag.

Lärm

Geräusche, die man (nie) vergisst

Es gibt Klänge und Geräusche, die sich tief in unser Gedächtnis eingeprägt haben. Manche von ihnen scheinen wir vergessen zu haben, aber wenn wir sie hören, erinnern wir uns sofort an sie und an die Emotionen, die mit ihnen aufkommen.

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Alles im Fluss

Warum können Klänge unsere Stimmung und Gefühle so stark beeinflussen?

Ein Grund dafür ist Wasser, ein perfektes Leitmedium für jene Wellen, die einen Klang bilden. Der Körper besteht zu rund 60% aus Wasser; das Gehirn und das Herz, jene Organe also, die mit der Verarbeitung von Gefühlen assoziiert werden, sogar zu 73%.

Ein weiterer Grund für den Stimmungsmacher Klang liegt in der Energie. Alles im Universum ist Energie, so auch der Mensch. Wissenschaftler glauben, dass jedes Atom, die Bausteine von Materie, aus Energiestrudeln besteht, die unaufhörlich in Bewegung sind und ihr individuelles Muster weitergeben. Da auch Schall nichts anderes als Energiewellen ist, überrascht seine intensive Wirkung auf den menschlichen Körper wenig.

Eine Anekdote besagt, dass Christiaan Huygens, der im 17. Jahrhundert die ersten Pendeluhren baute, einen Raum voll mit seinen neuen Zeitmessern verließ, deren Pendel alle in ihrem eigenen Rhythmus schwangen. Als der Physiker am nächsten Tag wieder zurückkehrte, schlugen angeblich alle Uhren einhellig im gleichen Takt. Dieses Phänomen, bei dem sich eigenständige Einheiten (egal ob Pendeluhr, Metronom oder der Mensch) mit einem externen Rhythmus synchronisieren – wird als Entrainment bezeichnet und ist die Grundlage für viele Klangtherapien, die diese energetische Verbindung auf therapeutischem Wege nutzen wollen.

Christiaan Huygens
Christiaan Huygens Pendeluhr aus dem 17. Jahrhundert
© Wikimedia

Die Historischen Wurzeln der Klangtherapie

Klangtherapeuten verwenden Glockenspiele, Klangschalen oder Gongs, um Echos und Schallschwingungen zu produzieren, die die Heilkräfte von Körper und Geist anregen. Lyz Cooper, Gründerin der Britischen Akademie für Klangtherapie, ist überzeugt, dass auch Personen mit eingeschränktem Hörvermögen ein Klangbad genießen können, weil sie die Schwingungen in ihrem Körper spüren.

Ihnen klingt das zu esoterisch und spirituell, zu unseriös? Ein Blick in die Vergangenheit beweist das Gegenteil: Seit Jahrtausenden werden Klänge in allen Kulturen als Ausgleich und Heilmittel für Körper und Geist eingesetzt. Die antiken Griechen, bekannt für ihre kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften, beteten Apollo als Gott der Medizin und der Musik an; ein klares Indiz dafür, dass diese beiden Wissenschaften im kollektiven Bewusstsein der Griechen eng miteinander verwoben waren.

Bei den Ureinwohnern Nordamerikas spielte die Flöte bei allen Festen eine wichtige Rolle. Die Saami in Lappland nutzten den hypnotisierenden Rhythmus von Trommeln, während die Ureinwohner Australiens auf die fesselnde Wirkung des dumpf brummenden Didgeridoos setzten. In all diesen und noch vielen anderen Kulturen wurde Klang eingesetzt, um Menschen in einen Zustand von Meditation, Entspannung und erhöhte Achtsamkeit zu versetzen und die Selbstheilungskräfte von Körper, Geist und Seele zu aktivieren. Trotz aller unterschiedlicher geographischer Gegebenheiten ist seit Urzeiten bekannt, dass sowohl Mensch als auch Klang im Grunde ihres Daseins Energie sind – und dass Instrumente, die energetische Schwingungen erzeugen, Menschen wieder in Einklang mit ihrer Umwelt bringen können.

Die Kraft der eigenen Stimme

Lyz erklärt, dass die Heilkraft von Klängen nicht nur auf der Fähigkeit zu hören beruht. Im Gegenteil: die wohltuende Wirkung von Vibrationen ist unabhängig davon auch in unserem tiefsten Inneren zugänglich. „Wir Menschen verfügen über eines der kraftvollsten Instrumente – unsere Stimme“, schwärmt sie. „Mit ihr sind wir natürliche Klangtherapeuten. Mit der Zeit haben wir es geschafft, unser Bewusstsein über Klänge zu steuern. Der Einsatz unserer Stimme trug wesentlich dazu bei.“

Es braucht übrigens nicht zwingend Sprache. Schon ein Wehklagen oder Summen reicht. Das Om Mantra etwa, das als Sanskrit Schriftzeichen 1500 – 1200 Jahre vor Christus zurückdatiert, erfüllt den Körper mit Vibrationen und erzeugt durch seinen nasalen Klang eine Schwingungsenergie, die das Gefühl von Ruhe und Energie intensiviert. “Die Stimmbänder, die inneren Organe und das Nervensystem sind miteinander verknüpft“, erklärt Lyz. „Die Stimme stimuliert diese innere Verbindung. Sie reichert unser Blut mit Sauerstoff an und belebt das Gehirn. Dadurch steigt die Konzentration. Schon 20 Minuten summen oder vokalisieren reichen aus, um das Stresshormon Cortisol zu senken und sich ruhiger und entspannter zu fühlen.“

Kein Wunder, dass man uns so oft rät, unsere Gefühle „rauszulassen“, sie zu vokalisieren. Man beachte hier die bewusste Verwendung von ‚vokalisieren‘ statt ‚verbalisieren‘. Es bedarf keiner Worte oder der Fähigkeit zu sprechen, um Klänge einzusetzen und sich wohlzufühlen. Und auch keines perfekten Hörvermögens. Klang wirkt durch seine Schwingungen und Energien und weniger über das herkömmliche Hörbare. Bereits das ‚Lärm machen‘ kann guttun. Sich zurückhalten führt mitunter zu körperlichen Beschwerden, zu Schmerzen, Muskelverspannungen. Das Nervensystem reagiert mit Schweißausbrüchen, Herzrasen und Kurzatmigkeit. Schreien, grunzen, wehklagen und jammern sind ein Ausweg, wenn es uns emotional, aber auch körperlich schwerfällt, uns klar auszudrücken.

Lyz Cooper
Lyz Cooper, Gründerin der Britischen Akademie für Klangtherapie
© The British Academy of Sound Therapy

Positive Schwingungen

“Die Vibroakustik-Therapie ist ein Bereich der Klangtherapie, der sich besonders für Menschen mit Hörverlust eignet“, sagt Lyz. „Tiefe Töne, meist in Musik verpackt, werden über Kopfhörer, oder noch besser über Lautsprecher, gespielt, während der Patient in einer Liege entspannt. Die Vibroakustik-Therapie wird gern zur Tiefenentspannung, bei Schmerzen oder Angstzuständen eingesetzt und wirkt auch positiv bei neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson.“

Es gibt viele unterschiedliche Arten der Klangtherapie. Manche arbeiten mit Gongs und Klangschalen, deren Resonanz wie eine Schallwellenmassage wirkt, die der Körper spürt, auch wenn die Ohren nicht einwandfrei hören.

Oft beginnt eine Klangtherapie mit dem Schlagen eines Gongs. Die Frage, die die behandelten Personen im Anschluss beantworten sollen, lautet nicht „was haben Sie gehört?“ – sondern „wo hat Ihr Körper den Schall gespürt?“ Die Antworten sind individuell völlig verschieden.

Tibetanische Klangschalen können direkt auf einen bestimmten Körperteil gestellt werden, damit ihre Schwingungen ganz gezielt wirken und Blockaden im Bereich tiefsitzender körperlicher Traumata lösen. Gleichzeitig werden vermehrt Endorphine ausgeschüttet, die die Stimmung heben und emotionales und körperliches Unbehagen reduzieren sollen. Besonders für Menschen mit Hörverlust ist das ein idealer Weg, um die heilende Wirkung von Klang zu erleben.

Unterschiedliche Klangarten und damit Schwingungen können gebündelt und auf verschiedenste Weise genützt werden. Ein tiefer, durchdringender Schlag auf eine Trommel kann heftige körperliche Reaktion hervorrufen, während die gleiche Trommel, anders gespielt, etwa mit einem sanften Streichen und Klopfen über das Schlagfell, ein meditatives Gefühl von einlullender Wärme und Sicherheit verbreitet. Es geht in erster Linie darum, wie und wo man Klänge spürt – unter der Haut, im Blut, im Herzen. Um das zu erleben, muss man nicht hören wie ein Luchs.

Klang ist Medizin

Ein perfektes Gehör ist keine Voraussetzung, um die positive Wirkung von Klangtherapien zu spüren. Vielmehr ist es sogar möglich, Schwerhörigkeit durch solche Behandlungen zu verbessern – und zu heilen.

“Es gibt erste Erkenntnisse, dass sich die Härchen in der Cochlea regenerieren können”, weiß Lyz. „Manche meiner Patienten mit leichter Schwerhörigkeit meinten, dass sich ihr Hörvermögen durch gezielte Hörübungen verbessert habe.“

Eine Studie zeigte auch, dass Klangtherapien die Wirksamkeit von Hörhilfen steigern können. „Klang ist Medizin”, betont Lyz. Es stimmt optimistisch zu wissen, dass Klang nicht nur unabhängig vom eigenen Hörvermögen eingesetzt werden kann, sondern vielleicht auch, um das Gehör zu verbessern.

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