Portrait

„Die höchste Berufung des Menschen ist, zu Hören“ Geigenbauer, Physiker und Autor Martin Schleske im Portrait

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Dezember 2020
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 6 Minuten

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Er ist ein berühmter Geigenbauer, hat Physik studiert und ist Bestseller-Autor zweier geistlicher Bücher namens „Der Klang – Vom unerhörten Sinn des Lebens“ und „Herztöne“: Martin Schleske. Wir sprachen mit dem interdisziplinär Vielfachbegabten über das Geheimnis seines Schaffens und die Bedeutung des Hörens.

Die Lebensschule des inneren Hörens

Die bayerische Stadt Landsberg am Lech liegt malerisch zwischen München und Augsburg und zählt laut Deutschem Wetterdienst zu den sonnigsten Flecken Deutschlands. In diesem malerischen Ort mit knapp 30.000 Einwohnern und einer wunderbar erhaltenen mittelalterlichen Altstadt hat der berühmte Geigenbaumeister Martin Schleske sein Atelier für Geigenbau. Das in dezentem Topas gehaltene dreistöckige, von Schleske liebevoll restaurierte, 700 Jahre alte Gebäude mit weiß gestrichenen Tür- und Fensterrahmen, lässt schon von außen die Besonderheit der Stätte erkennen. Es strahlt, auch bei Regen.

Hier werden sie gebaut, die berühmten Schleske Geigen, auf die Musiker und Privatliebhaber aus der ganzen Welt kommend mitunter zwei Jahre warten. Eine Geige, die auch als „singende Seele“ bezeichnet wird, kostet zwischen 25.000 und 50.000 Euro, bekannte Violinisten wie Ingolf Turban und Jehi Bahk sind Kunden, etwa 30 Geigen verlassen jährlich die bayerische Kreisstadt in alle Himmelsrichtungen.

Im Erdgeschoss, am großen Empfangstisch sitzend, ist man erstmal von vielen edlen und duftenden Hölzern umgeben, die darauf warten, Super-Geigen zu werden: Fichte für die Decke, Ahorn für den Boden. Holz von Bäumen, die unter Berücksichtigung der Mondphase gefällt wurden. Einige Geigen, unter Glas gehalten, zeigen sich bereits im Schaufenster, CDs von Geigerinnen und Geigern, ausgewählte Fotografien, Buchexemplare und natürlich Martin Schleske, der in seiner stilistischen Arbeitskluft zum Gespräch erscheint: mit Lederhose, einer Mütze auf dem Kopf und einem freundlichen Lächeln samt kräftigem Händedruck.

„Eine Geige zu bauen ist eine Lebensschule des inneren Hörens, und das wichtigste beim Bau einer Geige ist die Stille“, sagt Martin Schleske, der damit sogleich nicht nur sein Schaffensgeheimnis im Geigenbau in unserem Gespräch Preis gibt, sondern ein zweites, nämlich das des guten Hörens. Aber mit der Aussage allein ist es natürlich nicht getan, diese will erklärt, verstanden werden. Und irgendwie auch verdaut. „In allen Kulturen ist Hören und damit die Hörfähigkeit ein großes geistliches Thema“, sagt der 54-Jährige, der als Beispiel Israel und das Alte Testament anführt, aber auch das Tao Te King des chinesischen Philosophen Lao Tse, Begründer des Taoismus, oder die indische Bhagavad Gita. Lao Tse heißt „Langohr“, die Bhagavid Gita bedeutet „Gesang des Erhabenen“, und das „Schma Israel“, „Höre Israel“ gehört zum jüdischen Selbstverständnis wie das Gackern von Hühnern und das Amen in der Kirche.

„Ich lege meine Ohren an den Himmel“

Martin Schleske

„Sie alle wissen, dass die Stille die Voraussetzung für alles Hören ist. Auch für mich ist diese Stille entscheidend, so brauche ich morgens eine Zeit der Stille, wo ich mich zurückziehe, in der ich einige wenige Seiten lese, zum Beispiel im Neuen Testament oder etwas von dem großen Religionsphilosophen Martin Buber, dieses aufnehme, um darüber still zu werden, um meine Ohren an den Himmel zu legen. Wir neigen heute sehr dazu, alles kaputt zu denken, auch, im Kreis zu denken, aber der Geist ist eine andere Ebene, als der denkende Verstand“, erklärt Martin Schleske.

Erst nach dieser Zeit der Stille, die fünf, zehn oder auch mehr Minuten dauern kann, geht der 54-Jährige ans Werk, in die Werkstatt, um, beispielsweise, stundenlang Fichtendecken für die nächsten Instrumente aufzuschneiden oder ins Labor zu gehen, in den zweiten Stock, im Treppenhaus, vorbei an afrikanischen Musikinstrumenten, die Schleske sammelt und die ihn vielfach inspirieren. Dort, im Labor, hängen, zwei, drei Geigen im Scheinwerferlicht von speziellen Wärmelampen tagelang zur Trocknung. Zum Teil haben diese 15 Anstriche mit besonderen Lacken erhalten. Das hier ist der Geigenhimmel auf Erden, der darauf wartet, im jeweiligen Resonanzprofil physikalisch durchgecheckt zu werden. Mit einem eigens dafür entwickelten Computerprogramm.

Und dann geschieht es, vorher, zumeist an der Werkbank, beim mechanischen Arbeiten, dem Handwerk: „Etwas poppt auf, ein Gedanke, ein Satz, ein Wort, das ich sofort niederschreiben muss“, erzählt Schleske, der an seinem Gürtel eine kleine lederne Tasche trägt, in der ein Notizbuch und ein Stift stecken. Mehr als dreitausend Texte hat er bislang über die vielen Jahre in seinen Notizbüchern vollgeschrieben, knapp sieben Jahre hat er an seinem ersten Buch, sein Opus Magnum „Der Klang“ gearbeitet, nur sechs Monate waren es beim Nachfolger „Herztöne“, das eine Zusammenfassung des ersten Buches ist, dabei nicht minder anspruchsvoll und lesenswert, mit zusätzlichen Fotos aus dem Arbeitsleben samt Linolschnitten des auch künstlerisch mehrfachbegabten zweifachen Familienvaters, der in seiner Freizeit E-Gitarre spielt und Gary Moore hört. „All das, was ich bislang geschrieben habe, habe ich nicht gedacht, sondern gehört“, bekräftigt Schleske, für den das Schreiben eine zweite Leidenschaft neben dem Geigenbau geworden ist.

Geigenbauer
© MED-EL

Heilendes Zuhören

Musik, das wissen wir, ist eine grundlegende menschliche Ausdrucksform, die bereits bei den ersten Sprechversuchen von Babys und Kleinkindern mit ihren Lalala-Tönen zum Ausdruck kommt. Sie ist dazu aber ebenso eine frühe Lebensschule des Hörens, in ein Hineinhören in den Klang, und das vollkommen unabhängig davon, ob man jetzt ein Instrument perfekt spielen, einzigartig Singen oder nur krächzen kann. „Das, was die Musik trägt, ist der Klang, die Klangqualität, die Klangfarbe. Es gibt somit eine Klangwelt und eine Klangfarbe, die so vollkommen und heilsam ist, dass, wenn uns diese innerlich fesselt, hineinzieht, wir aufhören zu Denken. Unsere Seele wird durch Musik, die Stimme der Seele, so tief berührt, dass wir Heilung erfahren, und zwar in Schichten, die uns schwer zugänglich sind“, so Martin Schleske.

Seiner Erfahrung nach sollte man deswegen das Publikum eines Klassikkonzerts vorher dazu auffordern, vor dem Konzert die Augen zu schließen, still zu werden und aus dem eigenen Kopf „zwei riesige Elefantenohren wachsen zu lassen“, so, dass der Kopf nur noch aus zwei Ohren besteht. Doch leider passiert das nicht oder sehr selten. Die meisten Konzertbesucher lassen sich berieseln und verpassen die Gelegenheit der Verwandlung. Wenn nämlich das Zuhören zu einem heilsamen Hören wird und das heilsame Hören zum Zuhören. Wenn alles zur Gegenwart wird. Im Gegensatz zum Bild, dass sich immer wieder betrachten lässt, „verlangt das Hören eigentlich im Jetzt, im Hier und Heute, in der Gegenwart zu sein, so wie es Jahrtausende lang der Fall war, bevor es die Möglichkeit der Tonaufnahme gab, die uns eine Gegenwart vorgaukelt, die bereits vergangen ist“, offenbart Martin Schleske ein weiteres Mysterium rund um die Kraft des Hörens, die eine Kraft des Lebens ist.

Luxusohren

Im offenen Dachatelier, dritter Stock des Gebäudes, befindet sich der Klangraum des Meisterateliers inklusive Schreibstudio und kleinem, abgetrenntem Stille-Raum. Wenn ein Instrument, Violine oder Cello, alle 150 Arbeitsschritte durchlaufen hat, wird es hier erstmals zum Klingen gebracht – nicht durch die weiteren Angestellten von Martin Schleske, sondern vom Meister selbst.

Hierzu kann man sich eines vorstellen: Bevor ein Instrument, und sei es eine einfache 50 Euro Westerngitarre, gespielt wird, muss diese gestimmt werden. Auf unser Leben, unser Hören bezogen hieße dies, dass wir erstmal unser inneres Ohr stimmen müssen, um mit unserem „Instrument“ Ohr zu spielen, sprich, in die Fülle des Hörens zu kommen. Nicht nur Menschen, die sich für ein Hörgerät entscheiden, müssen das Hören lernen, sich auf Neufrequenzen einstellen, sich umstellen, einstellen, üben, ausprobieren. Genau genommen muss das jeder Mensch, dafür ist Musik da, die Klangfarbe.

„Unser auditiver Cortex hat 100 Millionen Nervenzellen im Gehirn, die sind einzig dafür reserviert, dass wir hören. Das ist ein übermäßiger Luxus, wenn es nur darum ginge, Information aufzunehmen. Unser Ohr ist zu mehr geboren!“, betont Martin Schleske, der im Stadium des Klangraums durch eine Art Geburtswehe geht, bringt er doch hier, an diesem Ort, im dritten Stock, das Instrument zum Klingen, bevor es in die prüfend-suchenden Hände des Auftraggebers kommt. Dabei geht es um so viel mehr, nämlich „den Klang eines Menschen zu spüren, soll die Stimme der Geige doch zum Klang der Seele“ werden. Jeder Mensch hat seinen eigenen Klang, nicht nur die Musiker, die ein Instrument bestellt haben.

Auch Sie, liebe Explore Life Leserinnen und Leser, haben einen einzigartigen Klang, der bis zum Himmel reicht. Auch Sie sind mit einzigartigen Luxusohren ausgestattet. Denn auch Ihre Berufung ist: Zuhören.

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