Bericht

Die Stadt, ein riesiger Spielplatz
Stellen Sie sich vor: Eine Stadt, von Kindern entworfen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 03.04.2018
In der Sammlung Kinder
Lesedauer: 6 Minuten

Sind unsere Städte kinderfit? Und wie würde eine Stadt aussehen, wenn die Kleinsten der Gesellschaft sie bauen dürften? Es wäre eine Stadt, in der Kinder überall spielen könnten – und wunderbare Dinge geschähen. Immer mehr Beispiele zeigen, dass es möglich ist, eine solche Stadt zu bauen.

„Meine Traumstadt wäre ein Dorf in der Karibik mit Villen, jede mit einem riesigen Garten und Pool. Jeder hätte einen Hund, zwei Katzen und einen Delphin, auf dem er reiten kann“, sagt die zehnjährige Amelie. Außerdem gäbe es dort „keine Kriminellen, keinen Bürgermeister, keine Haie im Wasser, keine Bohrinsel vor der Küste und keine vom Aussterben bedrohten Tiere.“ Tiere wären auch dem siebenjährigen Elia ein großes Anliegen, wenn er entscheiden könnte, in welcher Stadt er leben würde: „Meine Traumstadt wäre voller Tiere, die frei herumlaufen und mir helfen. Zum Beispiel würde ich mich in den Beutel von einem Känguru setzen und das würde mich mitnehmen, wohin ich will. Außerdem gäbe es Pferde, auf denen man reiten darf.“

Wenn Kinder die Stadt ihrer Träume beschreiben, wird Erwachsenen bewusst, wie stark die Realität vom Wunschbild abweicht und wie sehr ihre eigene Phantasie verkümmert ist. Zugegeben: Berittene Delphine und Känguru-Taxis sind nicht leicht in die Tat umzusetzen. Aber hinter diesen Bildern stecken Sehnsüchte. Auf einen Nenner gebracht wünschen sich Amelie und Elia mehr Natur in der Stadt. Dasselbe erträumt sich der fünfjährige Noah – und seine Ideen wären leichter zu verwirklichen: Er wünscht sich „viel mehr Bäume in meiner Stadt. Die möchte ich selbst einpflanzen. Es sollten Bäume sein, die viele Früchte haben. Außerdem müssten sie Äste haben, auf denen man gut klettern kann.“

Verbotene Dinge tun

Klettern, turnen, graben, sich verstecken, mit Matsch spielen, Äste und Blätter sammeln, nass werden – all das und mehr wünschen sich Kinder, um sich zu entfalten, die Welt zu entdecken und ihren Spieltrieb auszuleben. „Kinder hätten gerne ein bisschen wilde Natur, wo sie eine Menge verbotener Dinge tun können“, sagt der dänische Architekt Jan Gehl. Er setzt sich für Städte ein, die den Menschen in den Fokus rücken. Lebenswerte Städte zeichnen sich Gehl zufolge dadurch aus, dass besonders die schwächsten Gesellschaftsgruppen wie Kinder, ältere und behinderte Menschen sich frei und sicher bewegen können – und das auch tun.

Stadt der Kinder
© Federica Del Proposto

Eine kinderfreundliche Stadt ist für Gehl Freiburg in Deutschland, wo die kleinen „Bächle“, also Wasserrinnen, durch die Gassen fließen. Sie ziehen Kinder magisch an. Wasser in einer Stadt sei ohnehin das Geheimnis: „Nasse Kinder sind glückliche Kinder.“ Außerdem müsse der Individualverkehr minimiert und Fußgängern und Radfahrern mehr Platz eingeräumt werden. Das würde auch anderen städtischen Problemen wie der Unfallgefahr, der Abgasbelastung und dem Lärm entgegenwirken. Gehl steht hinter der Verwandlung Kopenhagens von einer Auto- in eine Fahrrad- und Fußgänger-Stadt und hat mit seinem Büro „Gehl Architects“ zahlreiche ähnliche Projekte in Städten wie Moskau, Schanghai, Singapur und New York realisiert, wenngleich die Veränderungen nirgendwo so weit reichten wie in der dänischen Hauptstadt. In Kopenhagen gehen jetzt viel mehr Menschen mit Kindern vor die Tür – so viele, dass Gehl von einer Besucherin schon einmal auf einen Babyboom angesprochen wurde, den es gar nicht gibt.

Mehr Abenteuerplätze

Für Peter Apel, Inhaber des in Dortmund ansässigen Planungsbüros „Stadtkinder“, bedeutet kindgerechte Stadtplanung vor allem eines: „Kinder brauchen: Bewegung, Bewegung, Bewegung.“ Sie können sich ausreichend bewegen, wenn sie die Stadt sicher durchstreifen können und nach den versteckten Zwischenräumen suchen, die in den Augen der Erwachsenen wahlweise hässliche Brachflächen oder potentielles Bauland darstellen. Und weil Erwachsene solche Lücken gern mit großen Wohn- oder Bürobauten zubetonieren möchten, gibt es immer weniger dieser Abenteuerplätze für Kinder in den Städten.

Um solche Flächen vor der Bebauung zu schützen, gibt es in Deutschland das Instrument der Spielleitplanung. Sie soll einerseits eine nachhaltige und umweltgerechte Entwicklung für Kommunen sicherstellen und andererseits zur Erhaltung und Verbesserung des Lebens- und Wohnumfeldes von Kindern und Jugendlichen beitragen. Peter Apel wendet die Spielleitplanung regelmäßig an. Konkret lässt er sich dabei von Kindern an der Hand nehmen und bittet sie, ihm ihre Lieblingsorte zu zeigen: „Sie führen uns zuerst immer auf Spielplätze. Dann fragen wir sie nach ihren Geheimverstecken. Und dann geht es über Stock und Stein an Orte, die für Erwachsene nichts als Wildnis und unordentliche Flächen mit Gestrüpp sind.“ Was auf solchen Streifzügen ebenfalls erkundet wird, ist die Verkehrssituation. So wird etwa plötzlich klar, wo die Grünphasen der Ampeln zu kurz oder Kreuzungen für Kinder nicht einsehbar sind.

Stadt der Kinder
© Federica Del Proposto

Die Stadt ist der Spielplatz

Wenn es um kindgerechte Städte geht, geht es immer um Freiräume – und in den Augen von Stadtplaner Apel sollten diese prinzipiell der Ausgangspunkt der Planungen sein. Durch und durch designte Kinderspielplätze sind damit nicht gemeint. Der dänische Architekt Jan Gehl sieht Spielplätze sogar kritisch, denn es sind Plätze, die nur eine einzige Funktion haben. Doch eine Stadt sollte als Ganzes zum Spielen einladen. Ein positives Beispiel ist aus seiner Sicht Venedig: „Kinder können dort überall spielen. Sie brauchen keine Spielplätze, weil die Stadt ein Spielplatz ist.“

Die Stadt, ein einziger Spielplatz – das wäre auch der Traum von Nicola Hengst-Gohlke, die mit ihrer Familie im Speckgürtel Düsseldorfs in der 40.000 Einwohner-Gemeinde Mettmann lebt. Die Mutter eines achtjährigen Sohnes hat eine Vision: „Ich bin mir ganz sicher, dass Spielen die Welt retten kann. Wir wären einen großen Schritt weiter, wenn wir mehr Spielräume für alles schaffen würden.“ Hengst-Gohlke begann sich für die Interessen von Kindern einzusetzen, weil sie nach dem Umzug von München nach Mettmann auf vernachlässigte Spielplätze stieß: Bevor ihr damals zweijähriger Sohn spielen konnte, musste sie erst einmal sauber machen. Sie recherchierte, wer für die Spielplätze zuständig ist und entdeckte, dass es ehrenamtliche Spielplatzpaten gibt, „Kümmerer“, die regelmäßig nach dem Rechten sehen, die Spielgeräte kontrollieren, den Müll wegräumen und Gelder für Verbesserungen sammeln. Hengst-Gohlke gründete das Netzwerk „Spielplatzpaten für Mettmann“ und erreichte unter anderem, dass das Budget für Spielplätze aufgestockt wurde und mittlerweile 40 von 90 Spielplätzen in Mettmann einen Paten haben, darunter auch Kinder.

Stadt der Kinder
© Federica Del Proposto

Außerdem setzt sie sich in Projekten und durch Lobby-Arbeit dafür ein, dass Gemeinden Kindern mehr bieten. Kinder, so ist Hengst-Gohlke überzeugt, werden stark, indem sie Widerstände überwinden – und das können sie am besten an Orten, wo sie „kalkulierbare Risiken“ eingehen können. Die Tatsache, dass viele Kommunen Spiel- und Freiflächen, wo das möglich ist, aus Spargründen an Investoren verkaufen, hält Hengst-Gohlke für problematisch.

Dass sich die Beteiligung von Kindern an der Gestaltung ihrer Stadt lohnen und neue Impulse für Städteplaner bieten würde, hat kürzlich ein weltweites Projekt gezeigt: Beim ersten Design-a-Thon für Kinder im vergangenen November in Amsterdam, Berlin, Dublin, Nairobi und Rio de Janeiro suchten Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren nach Lösungen für die Stadt der Zukunft. Unter anderem entstanden dabei folgende Ideen: Autos, die sich per Magnetschwebemechanismus bewegen; ein mechanischer Baum, der den Schmutz aus der Luft sammelt und per 3D-Druck in Früchte verwandelt; ein Gewächshaus-System für zuhause; und ein Helikopter, der Plastik aus Müllhalden und dem Meer fischt und per solarbetriebenem Flammenwerfer schmilzt und in Betten für Obdachlose verwandelt. Gisèle Legionnet-Klees, die den Design-a-Thon in Berlin leitete, war begeistert: „Die Ergebnisse haben all meine Hoffnungen übertroffen.“ Und sie habe realisiert, „wie viel Energie wir als Erwachsene damit verbringen, Ideen zu verteidigen, anstatt die Freiheit zu genießen, mit allem zu experimentieren, was wir mit unserem Kopf und unserem Herzen sehen.“

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