Bericht

Die Vorteile des Alterns
Warum wir das hohe Alter für die gewonnene Erfahrung und Weisheit feiern sollten

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Dezember 2019
In der Sammlung Alter
Lesedauer: 3 Minuten

Wir denken nicht gerne ans Älterwerden. Und niemand will alt sein. Denn nur Jugend heißt Kraft und Alter heißt Schwäche. Mit dem Älterwerden der Baby-Boomer gerät diese Einstellung langsam ins Wanken. Denn das Alter bringt Stärken mit sich, die wir bisher möglicherweise nicht genug beachtet haben - Erfahrung und Weisheit, zum Beispiel.

Abnutzungserscheinung oder wachsendes Finanzierungsproblem

Abhängig vom jeweiligen Standpunkt nehmen wir das Alter in der westlichen Kultur vornehmlich negativ wahr. Kein Wunder. Das medizinische Wörterbuch „Pschyrembel“ definiert Altern als „degenerativer biologischer Prozess, der mit zunehmendem Lebensalter zu psychischen und physischen Abnutzungserscheinungen führt“. Und in der öffentlichen Meinung werden alte Menschen immer mehr als finanzielles Problem gesehen – sie tragen nichts mehr zur Wirtschaftsleistung bei, sondern im Gegenteil: belasten das Gesundheitssystem und den Staatshaushalt.

Altern ist nicht das Problem. Das Problem ist unsere Jugendbesessenheit.

Bill Thomas
Hörverlust

Altersbedingter Hörverlust und die gesundheitlichen Folgen

Die Fälle von altersbedingtem Hörverlust nehmen stetig zu und im Durchschnitt dauert es 7-10 Jahre, bis die Betroffenen beginnen, sich nach Hilfe umzusehen. Dabei ist ein Hörverlust behandelbar. Bleibt er allerdings unbehandelt, kann er, wie in diesem Beitrag aufgezeigt werden soll, sogar gesundheitliche Folgen haben.

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Eine neue Kultur des Alterns

Doch es gibt auch andere Stimmen. „Altern ist nicht das Problem. Das Problem ist unsere Jugendbesessenheit“, meint der amerikanische Gerontologe Bill Thomas in einem seiner Vorträge. Der Arzt engagiert sich im Rahmen seiner „Age of Disruption Tour“ in Auftritten und Workshops für eine neue Kultur des Alterns. Daneben setzt er neue Modelle für die Altenpflege um, in denen auch die Ältesten und Gebrechlichsten echte Wertschätzung erfahren. „Eine auf Jugendlichkeit fixierte Gesellschaft schneidet sich selbst von dem Reichtum, Wunder und Wert des älteren Gehirns ab, das eine Fülle von gelebter Erfahrung enthält.“

Die Ich-Zentriertheit lässt nach

„Wir meinen, dass das junge Lebensalter nur Stärken hat. Das ist aber nicht so“, erklärt auch Altersforscherin Ursula M. Staudinger, Gründungsdirektorin des Robert N. Butler Columbia Aging Centers an der Columbia University, New York. „Im jungen Erwachsenenalter sind wir zwar biologisch auf dem Höhepunkt unserer Kraft, aber auch sehr Ich-zentriert. Wir wollen unseren Platz finden in der Gesellschaft. Das ist eine kompetitive Phase, die im menschlichen Miteinander auch mit Aggressivität verbunden ist. Im mittleren und späten Alter lässt die Ich-Zentriertheit nach. Da entsteht mehr Gelassenheit und Großzügigkeit. Diese Eigenschaften sind innerhalb von Unternehmen genauso von Nutzen wie für die Gesellschaft insgesamt.“

Das Glück in den 70ern

„Superkräfte“ nennt Bill Thomas die speziellen Fähigkeiten, die viele Menschen mit fortschreitendem Alter entwickeln. Dazu zählt er die Gabe, rasch das Wesentliche eines komplizierten Sachverhalts zu erfassen, anstatt sich lange durch Details quälen zu müssen. Aber auch emotionale Reife und die wachsende Fähigkeit glücklich zu sein: „Studien zeigen, dass die unglücklichste Lebensspanne in den Vierzigern liegt. Am glücklichsten sind die Menschen meist in ihren Siebzigern.“ Diese Fähigkeiten richtig eingesetzt, machten das Alter zum „kraftvollen kulturellen Instrument“, sagt Thomas. Innerhalb einer generationsübergreifenden gegenseitigen Abhängigkeit könne die alte Generation Familien, Gemeinschaften, Stämme und Nationen zusammenhalten.

Die alten Weisen

Bill Thomas plädiert daher dafür, das Alter neben Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter als weiteren Abschnitt im natürlichen Lebenszyklus des Menschen anzuerkennen. Dass eine große Anzahl alternder Menschen diese natürliche Entwicklung nicht machen will, nennt er eine „Entwicklungsstörung“, vergleichbar mit einem Kind, das nicht erwachsen werden will. „Wir leben in der Phantasie, dass wir für den Rest unseres Lebens Erwachsene bleiben müssen. Tatsächlich haben Menschen aber einen Teil ihres Lebenszyklus dafür reserviert, die „Stammesältesten“ zu werden.“ Und die sind bekanntermaßen erfahren und weise.

Ab wann ist man eigentlich alt?

Auf diese Frage gibt es viele Antworten – je nachdem, wen man fragt.

Junge Amerikaner tippen auf 60. Wer selbst schon 65 oder älter ist, hält sich hingegen zwar für reif, aber nicht alt. Denn für ihn beginnt Alter erst mit 74. Frauen meinen im Durchschnitt, 70 sei alt, Männer halten bereits 66 für ein hohes Alter.

Das biologisch mögliche Höchstalter des Menschen wird auf 125 Jahre geschätzt, ein Alter, das immerhin einzelne Menschen rund um die Welt auch annähernd erreichen. Angesichts dessen hätte ein 65-Jähriger, der laut WHO-Definition bereits zu den „Alten“ zählt, gerade erst die zweite Hälfte seines Lebens begonnen.

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