Interview

Die Zeit und wir Brauchen wir Menschen die Zeit?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 12.03.2019
In der Sammlung Zeit
Lesedauer: 4 Minuten

Wie hängen Zeit und Leistungsdenken zusammen, und: Warum um alles in der Welt glauben wir stets, die Zeit liefe uns davon? Antworten liefert die Physikerin und Philosophin Brigitte Falkenburg.

Frau Prof. Falkenburg, was bedeutet Zeit für Sie persönlich?

Zeit haben ist ein Luxus, meistens reicht die Zeit aber nicht für alles, was zu tun wäre ...

Haben Sie viel oder wenig Zeit?

Während der Vorlesungszeit habe ich wegen der Lehrveranstaltungen und etlicher Termine wenig Zeit; in den Semesterferien habe ich viel Zeit, die ich für die Forschung nutze.

Können wir Zeit überhaupt "haben"? Gehört sie irgendjemandem?

Die Zeit ist kein Ding, das man „haben“ kann oder das irgendjemandem gehört. Die Zeit ist der Fluss der Dinge, in den wir eingespannt sind.

Brauchen wir Menschen die Zeit?

Wir leben in der Zeit, das heißt im Fluss der Dinge oder im Weltlauf. Wir werden geboren, wachsen auf, leben, lieben, arbeiten, werden älter und sterben irgendwann. Was wir brauchen, ist die Möglichkeit, immer wieder Abstand zum Geschehen um uns herum zu nehmen, damit wir spüren können, was passiert, darüber nachdenken, planen und bewusst handeln können. Das meinen wir, wenn wir sagen: „Ich brauche Zeit für mich selbst.“

Genau dafür ist heute oft kein Raum, denn viele von uns fühlen sich gestresst, getrieben oder überfordert. Wir haben das Gefühl, die Zeit läuft uns davon. Aber liegt es wirklich an der knappen Zeit oder an etwas Anderem, dass wir uns so fühlen?

Es liegt schon an den sozialen und beruflichen Anforderungen in der heutigen Gesellschaft, insbesondere an den Schwierigkeiten, Arbeit und Privatleben miteinander zu vereinbaren. Das beginnt schon mit dem Kindergarten und in der Schule. Die Arbeitswelt fordert Leistung und Effizienz; eine Familie mit kleinen Kindern oder alten, pflegebedürftigen Eltern kollidiert mit diesen Ansprüchen. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen ohne Arbeit, die ganz viel Zeit haben ...

Ist Zeit also nicht immer Geld, wie uns die alte Redewendung weismachen möchte?

Ich halte von dem Spruch nicht so viel. Zeit im obigen Sinne ist doch viel wertvoller als Geld.

Wie schaffen wir uns mehr Zeit für die wertvollen Dinge, die mit Leistung nichts zu tun haben?

Indem wir uns klar definierte Freiräume dafür schaffen. Durch feste Termine, die wir uns regelmäßig für Sport, Musik, Lesen und Entspannung oder Meditation einräumen. Und durch weniger arbeitsintensive Phasen oder Auszeiten, die wir uns immer wieder mal verschaffen, soweit möglich. Wenn wir nicht auf diese Weise für uns sorgen, werden wir irgendwann krank.

Seit wann gibt es denn eigentlich den Begriff "Zeit"?

Seitdem die Menschen denken können. Die Zeit wird durch den Kalender gemessen. Schon archaische Gesellschaften betrieben Astronomie, um einen brauchbaren Kalender zu entwickeln; und den Kalender brauchten sie, um festzulegen, wann im Jahreslauf der richtige Zeitpunkt für Saat und Ernte ist. Die Philosophen im antiken Griechenland begannen dann, systematisch über den Zeitbegriff nachzudenken.
Platon (427–347 v. Chr.) betrachtete die Zeit, verkörpert in den Kreisläufen der Himmelskörper, als Abbild des Ewigen.
Aristoteles (384–322 v. Chr.) definierte die Zeit nüchterner als Zahlmoment der Bewegung. Nach beiden Denkern existiert die Zeit nicht an sich selbst, sondern im Rahmen von Naturvorgängen, die sich zählen und messen lassen.
Augustinus (354–430 n. Chr.) schrieb in seinen „Bekenntnissen“: „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“ Das gilt eigentlich bis heute.
Auch die Physik kann die Zeit nur begrenzt erklären. Rätselhaft ist vor allem der Zeitpfeil geblieben: Warum haben die meisten Naturvorgänge eine bestimmte Zeitrichtung; was ist letztlich der Grund für den Unterschied von Vergangenheit und Zukunft?

Zeit vergeht subjektiv schneller, wenn wir sie mit langweiligen Routinearbeiten verbringen, die uns nicht erfüllen. Erleben wir die Gegenwart jedoch intensiv, mit neuen Eindrücken etwa, dehnt sich die Zeit subjektiv aus.

Marc Wittmann

Wie ist das mit dem individuellen Zeitempfinden aus Ihrer Sicht?

Die subjektive Zeit hat die psychologischen Aspekte, die Sie beschreiben. Wie wir die Zeit subjektiv erleben, hängt dabei auch von unserer Aufmerksamkeit ab. Das Zeiterleben hat aber auch biologische Grundlagen: Wenn wir älter werden, wird unser Stoffwechsel langsamer und relativ dazu kommt uns alles, was um uns herum geschieht, schnelllebiger vor. Alle diese Phänomene zeigen jedenfalls, dass die Zeit nichts Absolutes, sondern etwas Relatives ist. Dabei spielt aber auch die Erinnerung eine große Rolle; die wenig ausgefüllte Zeit kommt uns in der Erinnerung kürzer vor als eine intensiv erlebte Zeitspanne, in der viel passiert ist.

Wir leben in der Gegenwart. Manchmal scheinen wir das zu vergessen und halten uns mehr im "Damals" oder im "Dann" auf anstatt im "Jetzt". Warum ist das so?

Weil wir denkende Wesen mit Erinnerung und Zukunftshorizont sind. Das stark ausgeprägte Zeitbewusstsein unterscheidet uns Menschen von den Tieren. Doch manchmal übertreiben wir mit dem Schwelgen im "Damals" oder "Dann", anstatt im "Jetzt" zu leben. Da gilt es ein Gleichgewicht zu finden.

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