Interview

Ein Leben lang auf Zeitreise Physiker Ronald Mallett über das Thema Zeitreisen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018
In der Sammlung Zeit
Lesedauer: 4 Minuten

Als Ronald Mallett zehn Jahre alt war, starb sein Vater an einem Herzinfarkt. Das weckte in dem Jungen den Wunsch, in die Vergangenheit zu reisen, um ihn zu warnen. Heute befasst sich der Physiker wissenschaftlich mit dem Thema Zeitreisen und ist sich sicher: Die Zeit ist reif für Reisen durch die Zeit.

Sie haben Ihre gesamte Karriere dem Thema Zeitreisen gewidmet. Was ist Ihr Resümee? Hat sich die Mühe gelohnt?

Ich denke schon. Einstein legte in zahlreichen Experimenten den Effekt von Geschwindigkeit auf die Zeit dar. Subatomare Teilchen etwa leben nahe der Lichtgeschwindigkeit zehn- bis zwanzig- mal länger. Zunächst werden vor allem solche Teilchen in die Zukunft reisen. Aber wenn wir eines Tages Raumschiffe haben, die annähernd Lichtgeschwindigkeit erreichen, auch Menschen.

Welche physikalischen Grundsätze liegen den Zeitreiseforschungen zugrunde?

Vor allem Einsteins allgemeine Relativitätstheorie ist entscheidend. Nach ihr wird Zeit von der Gravitation beeinflusst. Daraus lässt sich die Möglichkeit von Zeitreisen sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit ableiten. Die Gravitation ist keine Kraft, die allein dem Raum zugehörig ist.

Was bedeutet das?

Stellen Sie sich ein aufgespanntes Gummituch vor, wie auf einem kleinen Trampolin. Das ist der leere Raum. Legen Sie eine Bowlingkugel auf das Gummituch, wird es an der Stelle durchhängen. Werfen Sie nun eine Murmel auf das Tuch, wird sie zur Bowlingkugel hinrollen. Angenommen, das Gummituch wäre transparent, sähe es so aus, als ob die Bowlingkugel die Murmel anzieht. Gibt man der Murmel den entsprechenden Schwung mit, umkreist sie die Bowlingkugel. Laut Einsteins Theorie ist der Raum wie das durchsichtige Gummituch, die Sonne die Bowlingkugel und die Erde die Murmel. Die Erde umkreist die Sonne, weil diese den leeren Raum verzerrt. Laut Einsteins Relativitätstheorie sind Raum und Zeit miteinander verknüpft, darum spricht man von Raumzeit. Mit dem Raum wird auch die Zeit verzerrt. Das macht sich darin bemerkbar, dass sich Uhren in einem Gravitationsfeld verlangsamen. Anders ausgedrückt: In Erdnähe ticken die Uhren langsamer als in größerer Höhe – ein Effekt, der etwa bei Satelliten gemessen werden kann. Nach Einstein kann Licht ebenso gut wie Materie Gravitation erzeugen. Die Erkenntnis, die ich gewonnen habe: Wenn Gravitation Einfluss auf die Zeit hat und Licht Gravitation erzeugen kann, dann kann auch Licht die Zeit beeinflussen. Ich konnte beweisen, dass ein zirkulierender Laserstrahl den Raum teilen kann.

Würden Sie das bitte mit einem Beispiel erklären?

Stellen Sie sich eine Tasse Kaffee vor, wobei der Kaffee in der Tasse für den leeren Raum steht und der Löffel für einen zirkulierenden Laserstrahl. Der Löffel bringt den gesamten Raum in Bewegung. Anders als beim Kaffee kann man das beim leeren Raum nicht sehen. Wenn ich nun eine Kaffeebohne in die Tasse werfe, während ich den Kaffee umrühre, wirbelt der Kaffee die Bohne mit herum. Das gleiche würde passieren, wenn ich ein subatomares Teilchen, etwa ein Neutron, in den leeren Raum werfe, den ich durch den Laserstrahl in Bewegung gesetzt habe – der Raum reißt das Teilchen mit sich. Man sieht den Einfluss der Drehbewegung auf das Teilchen, obwohl man das Drehen selbst nicht sehen kann. Weil Raum und Zeit zusammenhängen, könnte die Bewegung des Raums zu einer Bewegung der Zeit führen. Wenn wir uns die Zeit als Linie vorstellen, die von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft führt, dann könnten wir von der Vergangenheit in die Gegenwart und die Zukunft und zurück in die Vergangenheit gehen, indem wir die Zeitlinie zu einer Schleife formen. Ich konnte beweisen, dass Zeitschleifen durch einen zirkulierenden Laserstrahl erzeugt werden könnten, was Zeitreisen in die Vergangenheit ermöglichen könnte. Dadurch konnte ich den mathematischen Beweis meines lebenslangen Ziels erbringen: die Möglichkeit einer laserbetriebenen Zeitmaschine.

Welchen praktischen Nutzen könnte sie erfüllen?

Ich glaube, dass sie eines Tages als Frühwarnsystem gebraucht werden könnte, um uns vor Katastrophen zu bewahren wie Hurrikans, Tsunamis oder Erdbeben. Tausende Leben könnten so gerettet werden.

Zeitreisen von Neutronen sind das eine – aber wann und wie könnten Menschen auf Zeitreise gehen? Werden sie das überhaupt jemals können?

Ernsthafte Forschung ist recht teuer und für die experimentelle Phase braucht es viel Geld. Damit beschäftigt sich gerade ein großer Projektfinanzierer. Wenn sie abgeschlossen und das Teilen des Raumes durch Licht entsprechend belegt ist, kommt Phase zwei: Die Zeit teilen, was Reisen in die Vergangenheit ermöglichen könnte. Nachrichten in die Vergangenheit zu schicken, ist dabei ein unbedingtes Ziel. Das alles wird viele Jahre dauern und Millionen Dollar benötigen.

Wären Reisen in die Vergangenheit eines Tages genauso möglich wie Reisen in die Zukunft? Was ist mit den Paradoxien, die dabei auftreten könnten?

Einsteins allgemeine Relativitätstheorie erlaubt beide Richtungen, genauso wie das von mir entwickelte Lasermodell. Paradoxien könnten nur bei Reisen in die Vergangenheit auftreten, falls der Zeitreisende etwas verändert, was zu einer völlig anderen Zeitlinie führen würde. Da setzt die Quantenphysik ein. 1957 zeigte Hugh Everett III., dass unser Universum nur eines von mehreren Paralleluniversen sein könnte. David Deutsch konkretisierte das später: Ihm zufolge würde man in der Vergangenheit in einem Paralleluniversum ankommen. Wenn man dort in die Abläufe eingreift, würde das das Universum, aus dem man kommt, in keiner Weise beeinflussen.

Der weltweit bekannte Physiker Stephen Hawking meint, dass uns längst eine Horde Zeit-Touristen überrannt hätte, wenn Zeitreisen wirklich möglich wären. Ihre Theorie widerlegt diesen Einwand.

Genauso ist es.

Sie sagen „Dieses Jahrhundert ist das Jahrhundert des Zeitreisens“ – was macht Sie da so sicher?

In diesem Jahrhundert sind täglich neue wissenschaftliche und technische Entwicklungen zu verzeichnen. Sie haben bereits jetzt Möglichkeiten eröffnet, von denen im 20. Jahrhundert niemand zu träumen gewagt hätte. Diese Entwicklungen werden, wenn der Wille dazu da ist, Zeitreisen noch in diesem Jahrhundert ermöglichen.

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