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Ein (nicht) isoliertes Leben Die besten Tipps und Techniken zum Beziehungsaufbau

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: April 2020
Lesedauer: 6 Minuten

Isolation, das Gefühl, von anderen Menschen getrennt zu sein, kann sich aus verschiedenen Gründen einstellen. Eine physische oder psychische Krankheit zum Beispiel kann die Interaktion mit anderen erschweren. Auch der Verlust eines geliebten Menschen, des Jobs, der Mobilität, das Ende einer Beziehung, aber auch der Fähigkeit, zu hören oder zu kommunizieren, kann in die Isolation führen.

Was bedeutet Isolation?

Bei Isolation denken wir meistens an ein Einzelschicksal. Jemand gerät an den Rand der Gesellschaft und verschwindet allmählich – oder auch ganz plötzlich - von der Bildfläche. Doch wenn es nur eine Person betrifft, fällt das kaum auf.

Derzeit müssen sich ganze Länder in Selbstisolation begeben, die Bewohner zu Hause bleiben. Und wir alle versuchen, diese neue Erfahrung zu überstehen, ohne durchzudrehen.

In seinem Buch “Der Welt nicht mehr verbunden“ illustriert Johann Hari in Gesprächen mit dem Wissenschaftler und Forscher Dr. John Cacioppo die Ursache, weshalb wir überhaupt soziale Wesen sind.

Am Beginn der Evolution lebten die Menschen in kleinen Stämmen von Jägern und Sammlern, die aus einigen hundert Personen bestanden. Sie überlebten nur, weil sie zusammenarbeiteten, aufeinander schauten. Wenn ein Einzelner von seinem Stamm getrennt wurde, lief er Gefahr, von wilden Tieren oder anderen Stämmen attackiert zu werden. Umgekehrt fehlte diese Person mit ihren Fähigkeiten ihrem Stamm.

So entwickelten wir einen Instinkt für Beziehungen, Zusammenarbeit und Zugehörigkeit.

Auch heute bedeutet Isolation immer noch Gefahr– sowohl physisch (nach Abstürzen, Krankheit, Unfall) als auch emotional. Einsamkeit kann zu Angstzuständen und Depressionen führen, zu einem Gefühl von Unsicherheit. Sie macht uns misstrauisch und überängstlich. Und ohne soziale Interaktionen über einen ausgedehnten Zeitraum hinweg leiden mitunter auch unsere kognitiven Leistungen sowie unsere Kommunikationsfähigkeit.

Die derzeitige Selbstisolation, das „social distancing“ bedeutet, räumlich-physischen Abstand zu halten, aber nicht unbedingt sozial. Wir verzichten zwar auf die physische Anwesenheit anderer Menschen, aber nicht auf Kontakt mit der Außenwelt. Wir passen einfach unsere Interaktionen an.

Die Frage ist also: wie gestalten wir ein nicht-isoliertes Leben, während wir gleichzeitig andere Menschen auf Distanz halten?

Chris Hadfield, ein Astronaut, der auf einer internationalen Raumstation lebte, weiß genau, wie das Leben abseits der Normalität abläuft. In einer Videobotschaft auf seinem YouTube Kanal erklärt er, dass es nie einen besseren Zeitpunkt für die Selbstisolation gab als jetzt.

Dank des technologischen Fortschritts können wir uns mit unseren verschiedenen Geräten, einer Internetverbindung oder dem Telefonnetz mit der Welt draußen in Verbindung setzen. Medizintechnische Geräte wie Hörimplantate ermöglichen das sogar jenen Menschen, die ihr Gehör verloren haben.

Wir haben Zugang zu literarischen Werken aus allen Epochen, zu Kunst und Musik, zu Film und Fernsehen, zu Theater und Tanz. Zu Gesprächen mit Experten, Vordenkern und Stars.

Heutzutage sind wir besser vernetzt denn je und können das Maximum aus den uns verfügbaren Ressourcen herausholen, die uns in der Krise nicht nur überleben, sondern sogar gedeihen lassen.

Videotelefonate helfen uns mit unseren Liebsten in Kontakt zu bleiben.
© MED-EL

Tipps & Tricks

Im Folgenden finden Sie einige Tipps und Techniken, wie Sie die Zeit zuhause am besten nutzen können, um mit sich selbst, ihrer lokalen Gemeinde und der Natur verbunden zu bleiben.

Die Beziehung zum eigenen Ich

  • Überlegen Sie und schreiben Sie auf, wie Ihr Leben idealerweise aussehen sollte, für welche Werte Sie stehen und was Ihnen im Leben wirklich wichtig ist.
  • Bauen Sie Dinge in Ihren Alltag ein, die Sie gern machen: betreiben Sie Sport, meditieren Sie, hören Sie Ihre Lieblingsmusik oder probieren Sie neue Kochrezepte aus.
  • Teilen Sie sich Ihre Kräfte ein. Gönnen Sie sich regelmäßige Pausen, in denen Sie einfach nur bei einer Tasse Kaffee aus dem Fenster schauen.
  • Auch Spaß muss sein! Der Spruch “Lachen ist die beste Medizin“ gilt besonders in Krisenzeiten. Mit Filmen, Serien, Kabaretts oder Radiosendungen, die Sie zum Lachen bringen, kommt schnell (wieder) gute Laune auf.
  • Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt für alte und neue Hobbys: Bücher oder Zeitschriften lesen, ein Instrument erlernen, vielleicht sogar eine neue Sprache, handarbeiten und heimwerken oder die ersten schriftstellerischen Gehversuche wagen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
  • Geben Sie Ihren Gefühlen Raum. Es ist ganz normal, wenn Sie Wut, Angst, Traurigkeit oder Unsicherheit verspüren. Atmen Sie tief durch, nehmen Sie diese Emotionen bewusst wahr und lassen Sie sie danach los.
  • Achten Sie ganz bewusst auf Ihre Gesundheit – in allen Bereichen. Gibt es gesundheitliche Fragen, die Sie schon länger aufschieben, etwa einen Hörtest zu machen? Das kann man sogar online erledigen.
  • Vorsicht vor exzessivem Medienkonsum. Limitieren Sie für sich selbst die Zeit, die Sie mit Nachrichten oder sozialen Medien verbringen, und achten Sie darauf, nur Informationen aus seriösen und glaubwürdigen Quellen zu teilen. Verifizieren Sie Informationen auf Internetseiten wie https://correctiv.org/faktencheck/ oder https://www.mimikama.at/

Die Beziehung zur Gemeinschaft

  • Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrer Familie und Ihren Freunden und kontaktieren Sie auch Leute, von denen Sie schon seit Jahren nichts mehr gehört haben. Apps wie FaceTime, Skype, Zoom und WhatsApp eignen sich hervorragend für Audio- und Videoanrufe.
  • Meine Schwiegermutter und ihre Freundin schicken sich jeden Morgen ein SMS mit einem „Daumen hoch“, wenn es ihnen gut geht. Eine Frau schrieb auf Twitter, dass sie jeden Tag mit ihrem betagten Vater telefoniert und er ihr eine Geschichte aus seinem Leben erzählt. Nutzen Sie die einmalige Gelegenheit, Beziehungen zu vertiefen.
  • Nachbarschaftshilfe leicht gemacht: in eine WhatsApp Gruppe können die Mitglieder Einkaufslisten einstellen. Die weniger Technikaffinen hängen Zettel ans schwarze Brett im Stiegenhaus oder rufen die Nachbarn einfach an.
  • Gerade jetzt ist es wichtig, menschliche Stimmen zu hören. Hörbücher, Podcasts oder das Radio unterbrechen die Stille.
  • Das gesellschaftliche Leben kann auch mit Abstand weitergehen. In vielen Pflegeheimen stehen die Bewohnerinnen und Bewohner am Zimmereingang und unterhalten sich über den Gang hinweg miteinander. Andere Findige verzichten ebenfalls nicht auf ihre wöchentlichen Zusammenkünfte. Sie stehen am Balkon oder im Garten und philosophieren bei einem Gläschen Wein über das Leben.
  • Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich ehrenamtlich für Menschen zu engagieren, die sehr einsam sind. Sie freuen sich über eine freundliche Stimme am anderen Ende der Telefonleitung.

Die Beziehung zur Natur

  • Schnappen Sie täglich frische Luft und tanken Sie Sonne, gerade jetzt, wenn die Natur erwacht und die Temperaturen steigen
  • Gehen Sie spazieren oder laufen und lächeln Sie dabei den Menschen zu, die Sie treffen. Schon fühlt man sich weniger einsam!
  • Die Zeit für Gartenarbeit ist gekommen! Bereiten Sie Ihren Garten für die warme Jahreszeit vor und pflanzen Sie Blumen und eigenes Gemüse an.
  • Beobachten Sie ganz bewusst die Vögel, die Sie in Ihrem Garten sehen und hören. Wie verhalten sie sich, wohin fliegen sie und welche Rolle spielen sie im Ökosystem?
  • Holen Sie Papier und Stifte hervor und zeichnen Sie die Flora und Fauna Ihrer Umgebung. Beim Zeichnen entdeckt man viele kleine, faszinierende Details, die man beim bloßen Hinsehen oft übersieht.

Die Bedeutung von physischen Interaktionen

Und auch wenn wir dankbar sein können, dass uns das Internet und all die smarten Geräte über die Selbstisolation hinweghelfen, sollten wir darüber nicht auf unsere realen physischen Interaktionen vergessen.

Johann Hari berichtet von einem Gespräch, das er in „Der Welt nicht mehr verbunden“ mit der Psychotherapeutin Dr. Hilarie Cash führte: „Die Beziehung, die wir brauchen, ist die hier“ – sie wedelt mit der Hand zwischen sich und mir hin und her – „also zu einem realen Gegenüber, eine, bei der wir einander sehen, berühren, riechen und hören können… Wir sind soziale Wesen. Wir sollten auf angstfreie, fürsorgliche Weise miteinander verbunden sein, und wenn diese Verbindung über einen Bildschirm stattfindet, ist das überhaupt nicht gegeben.“

Freuen wir uns schon jetzt, während wir neu definieren, wie ein sinnstiftendes Leben aussehen könnte, auf den Zeitpunkt, an dem wir wieder unsere Türen öffnen und das Leben ganz bewusst mit persönlichen Kontakten bereichern können.

Familie

Die Bedeutung von menschlicher Interaktion

Kommunikation und Interaktion sind wichtig für unsere psychische Gesundheit und dadurch lässt sich Stress abbauen.

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