Bericht

Ein Recht auf Hören

Seit 1989 hat sich praktisch die ganze Welt auf einen Katalog von Kinderrechten geeinigt. Das Recht auf Hören ist nicht ausdrücklich dabei. Ob ein Kind hört oder nicht, wirkt sich jedoch auf derart viele Lebensbereiche aus, dass man es beinahe als „indirektes Kinderrecht“ bezeichnen kann.

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 03.04.2018

Seit 1989 hat sich praktisch die ganze Welt auf einen Katalog von Kinderrechten geeinigt. Das Recht auf Hören ist nicht ausdrücklich dabei. Ob ein Kind hört oder nicht, wirkt sich jedoch auf derart viele Lebensbereiche aus, dass man es beinahe als „indirektes Kinderrecht“ bezeichnen kann.

Sigrun Saunderson von Sigrun Saunderson
In der Sammlung Kinder
Lesedauer: 3 Minuten

Die heile Kinderwelt

gibt es wohl nur an wenigen Orten der Erde, und auch dort nur phasenweise. Und kein Gesetz der Welt wird sie durchsetzen können. Die UN-Kinderrechtskonvention versucht es trotzdem. In 54 Artikeln legt sie fest, welche Rechte Kinder rund um die Welt haben sollten. Vom Recht auf Leben bis zum Schutz vor Diskriminierung und zur Bewahrung ihrer Würde. Doch obwohl sich 195 Staaten zu diesen Standards bekennen, werden die Rechte von Kindern täglich verletzt.

Nicht nur in Kriegsgebieten, wo Kinder als Soldaten eingesetzt werden (laut UN-Bericht sind es weltweit mehrere Hunderttausend), oder auf Tabakplantagen in den USA, wo Zwölfjährige völlig legal zwischen Nikotinstaub und Pestiziden schuften: Kinderrechte werden auch dann übergangen, wenn Kindern zum Beispiel zwischen Schule, Hausaufgaben und Ballettunterricht keine Zeit mehr bleibt für freies Spielen (das Recht auf Ruhe, Freizeit und Spiel ist im Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben). Oder wenn einem Flüchtlingskind in Deutschland eine zahnärztliche Versorgung versagt wird: „Flüchtlingskinder erhalten in Deutschland nur eine medizinische Grundversorgung, die Kariesversorgung gehört da nicht dazu“, sagt Holger Hofmann vom Deutschen Kinderhilfswerk. „Wir machen sie zu Kindern zweiter Klasse.“

Entwicklung ist Leben

Die Kinderrechtskonvention soll Kinder nicht nur vor offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen schützen, sondern ihnen auch ein Umfeld sichern, in dem sie sich entfalten können. Dieser Anspruch lässt sich nicht immer so einfach umsetzen. Zum Beispiel in armutsgefährdeten Familien, die ihren Kindern den Theaterbesuch mit der Schulklasse nicht finanzieren können. Oder wenn gesundheitliche Beeinträchtigungen die Entwicklung eines Kindes hemmen. Auch eine Hörbeeinträchtigung kann ein solches Hindernis sein. Denn sie erschwert den Kontakt zur Außenwelt und schließt damit viele Möglichkeiten der Entwicklung aus.

Insgesamt sind geschätzte 32 Millionen Kinder von schwerer bis hochgradiger Schallempfindungsschwerhörigkeit betroffen. Sie haben es schwer, alle ihre körperlichen und geistigen Potenziale zu entfalten. Sind sie gehörlos geboren, können sie Sprache nur eingeschränkt erlernen. Denn die wichtigste Voraussetzung zum Sprechen ist das Hören. Und auch wenn die Hörbeeinträchtigung erst später eintritt, hat das deutliche Auswirkungen auf Ausbildung und späteres Berufsleben. Auch soziale Kontakte sind schwierig aufrechtzuerhalten. – Allesamt wesentliche Bestandteile der Entwicklung eines Kindes.

Mädchen mit zwei Cochlea-Implantaten
Kinder sollen sicher aufwachsen. Geschützt vor Menschenrechtsverletzungen - und mehr noch: Sie sollen in einer Welt leben, in der sie sich voll entfalten können.
© MED-EL

Die UN-Kinderrechts-konvention auf einen Blick

Vier Grundprinzipien

  1. Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung
  2. Das Kindeswohl geht bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, vor
  3. Recht auf bestmögliche Entwicklungschancen
  4. Berücksichtigung des Kindeswillens

Hörimplantate öffnen Türen

Jährlich werden rund 130.000 Kinder mit hochgradiger Schwerhörigkeit geboren, die von einem Cochleaimplantat (CI) profitieren können. Je früher sie implantiert werden, desto eher können sie ihr Leben so gestalten, wie es ihren Bedürfnissen und Begabungen entspricht. Doch längst nicht alle Kinder haben Zugang dazu. In vielen europäischen Ländern erhalten bereits um die 90 Prozent der Kinder, die von einem Implantat profitieren würden, auch eines, schreibt Donna L. Sorkin, Direktorin der „American Cochlear Implant Alliance” in einem Beitrag für das Magazin „Cochlear Implants International”. In den USA dagegen sind es nur 50 Prozent und in Japan sogar noch weniger.

Einen großen Schritt zugunsten schwerhöriger Kinder hat Großbritannien im Jahr 2009 gemacht. Hing es bis dahin vom Wohnort ab, ob und wann ein gehörlos geborenes Kind implantiert wurde, gilt nun für das gesamte Land eine einheit- liche Vorgangsweise. Gehörlose Kinder er- halten ab einem Alter von neun Monaten beidseitig ein Implantat. Heute werden in Großbritannien jährlich rund 500 Kinder beidseitig implantiert. In Österreich werden Babys in der Regel mit sechs bis acht Monaten auf beiden Ohren versorgt.

Sie und ihre Familien gewinnen dadurch nicht nur an Lebensqualität: Laut dem Netzwerk „HEARRING” schaffen 75 Prozent der Kinder mit Cochleaimplantat den Weg in die Regelschule. Die Möglichkeiten, ein beruflich und sozial ausgefülltes Leben zu führen – einfach am Leben teilzuhaben –, haben sich vervielfacht.

Und so liefert das Hören mehrere Kinderrechte sozusagen frei Haus mit: Die Rechte auf Bildung, Partizipation, auf besondere Unterstützung bei Behinderung oder das Recht auf Informations- und Meinungsfreiheit. Alles zusammen macht die Welt von Kindern schon um einiges heiler.

Schließen

Mehr aus der Sammlung Kinder

Artikel

Externer Inhalt

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.