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Einmal innehalten, bitte! Wie richtig Pause machen und wirklich nichts tun innere Freiheit schaffen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: September 2019
In der Sammlung Zeit
Lesedauer: 4 Minuten

Kleine Pausen und große Auszeiten: Sie sind für uns so wichtig wie der Winterschlaf für die Natur. Wer sie zum echten Innehalten nützt, erfährt innere Freiheit und schöpft große Kraft.

Durchatmen & Nichtstun

Das Pause machen ist für den Menschen so wichtig, dass es in den meisten Industriestaaten im Arbeitsleben sogar gesetzlich verordnet wird: täglich mindestens eine halbe Stunde – abgesehen von ausreichendem Schlaf, wöchentlich mindestens einen Tag und jährlich mehrere Wochen, damit die Batterien wieder aufgeladen werden können. Trotzdem häufen sich die Burnout-Fälle, trotzdem fühlt sich eine wachsende Zahl von Menschen unter Dauerstress.

Haben wir verlernt richtig Pause zu machen?

Diese Annahme liegt nahe, wenn man sich ansieht, wie wir unsere kleinen und großen Pausen verbringen. Aus der Mittagspause wird oft ein Arbeitsessen, wir hängen am Telefon oder beantworten E-Mails. Das Wochenende ist mit Freizeitterminen ausgefüllt und im Urlaub wollen wir endlich einmal etwas Anderes sehen, und zwar möglichst viel davon und in kürzester Zeit: Der Italienurlaub wird zur anstrengenden Besichtigungstour und auch die lang erträumte Australien-Rundreise ist von Anfang bis Ende haarklein vorhergeplant. Wir ersetzen die Anforderungen des Alltags durch neue Anforderungen in der Freizeit. Wo bleibt da das Aufatmen, das Kraft schöpfen?

Auszeit oder Burnout

„Wir verrennen uns oft im Leben, weil wir ständig Anforderungen erfüllen. Immer will jemand etwas von uns: die Eltern, die Lehrer, die Arbeitgeber, der Partner, wir selbst. Dabei verlernen wir, auf uns selbst zu hören. Oft passiert dann ein einschneidendes Erlebnis, das uns zum Innehalten zwingt“, erklärt Andreas Martin Eisen, Auszeitberater in Bad Abbach, Deutschland. Auszeit – das ist eine Pause von allem, was das Leben bisher ausgemacht hat. Von Arbeit, Familie, Freunden, der gewohnten Umgebung, den gewohnten Freizeitbeschäftigungen. „In der Auszeit darf ich der sein, der ich wirklich bin. Ich darf mich neu erfinden, mich ausprobieren und schließlich wieder an das verschüttete Selbst kommen“, so Eisen. Das ist vor allem dann nötig, wenn ein Burnout droht.

Wer es nicht so weit kommen lassen will, dem rät Eisen zum regelmäßigen Innehalten. „Wenn man einmal pro Woche darüber nachdenkt, wo man selbst steht, wenn man regelmäßig bei sich bleibt, dann muss man nicht im Burnout enden.“ Doch was ist richtiges Innehalten? Und wie geht das?

Mann beim Entspannen im Park
© Shutterstock

Der Raum zwischen Gestern und Morgen

Eine, die es wissen muss, weil sie diesem Thema einen Großteil ihres Lebens widmet, ist Fleur Sakura Wöss, Japanologin und Zen-Coach in Wien und Autorin des Buches „Innehalten“. „In unserer Welt leben wir stark zukunftsorientiert, oder wir erinnern uns an Vergangenes“, erzählt sie. „Das Innehalten ist sozusagen der Zwischenraum. Ein Raum, der ungeplant und unbesetzt ist, wo ich im Moment frei entscheiden kann, was ich tue. Es ist immer eine beglückende Erfahrung, diese Art von Freiheit und Kraft zu spüren.“

Dieser Zwischenraum ist aber für viele nicht so einfach zu erreichen. Denn sogar, wenn wir in der Hängematte liegen, beschäftigen wir uns ständig mit Ereignissen der Vergangenheit oder mit Zukunftsplänen und Terminen. Wirkliche innere Ruhe stellt sich nicht so schnell ein. „Das ist wie ein inneres Schwungrad, das auch dann noch eine Weile weiterläuft, wenn wir äußerlich schon stehengeblieben sind“, erklärt Wöss. Innehalten braucht also Zeit und am besten auch Stille. Keine Termine, kein Telefon, keine Unterhaltung.

Dabei muss man übrigens nicht zwingend Meister der Zen-Meditation sein. „Auch ein Waldspaziergang kann wirken“, so Wöss. „Vorausgesetzt, man geht lange genug, bis das innere Schwungrad ausgelaufen ist. Dann öffnet sich der Blick und man kann Dinge wahrnehmen, die man bisher nicht gesehen hat. Regelmäßiges Innehalten ist immer eine Quelle der Kraft und Kreativität.“

Hier und jetzt

Leben im Hier und Jetzt

„Der Fokus auf den jetzigen Moment bringt mehr Glück ins Leben, hilft uns, unser Verhalten zu regulieren, mit Rückschlägen zurechtzukommen, schenkt uns Dankbarkeit für das, was wir haben und verbessert die Gesundheit“, sagt die Gesundheitspsychologin Fuschia Sirois.

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Auch die Natur macht Pause

Das lässt sich spätestens dann leicht nachvollziehen, wenn man die sprießenden Bäume im Frühling beobachtet. Es scheint tatsächlich, als ob sie den Winter über Kraft gesammelt hätten, um dann mit neuer Vitalität innerhalb kürzester Zeit voll zu erblühen. „Wir haben diese natürlichen Rhythmen genauso in uns“, ist Wöss überzeugt. „Allerdings leben wir nur die Kraft des Frühlings und Sommers. Herbst und Winter lassen wir aus.“ Dabei bietet sich in ihren Augen der Winter geradezu an zum Innehalten. Anstatt Skiurlaub und Verwandtenbesuche zu absolvieren, schlägt sie vor, einfach nur zu Hause zu bleiben, um mit sich selbst zu sein. „Um echtes Innehalten zu erleben, muss man auch Langeweile ertragen können.“

Der Winter war immer schon eine Zeit des Rückzugs und der Reflexion. Er steht in Verbindung mit Stille und Einkehr und wird zum Rückblick auf Vergangenes und zum Pläneschmieden für das kommende Jahr genutzt. Und wer sich Zeit zum völligen Innehalten nimmt, der landet vielleicht auch in dem Raum dazwischen. Dort wo Kraft und Kreativität für den nächsten Frühling liegen.

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