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Frohes Schaffen! Macht uns die Arbeit wirklich glücklich?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Mai 2019
In der Sammlung Arbeit
Lesedauer: 5 Minuten

Müssen wir arbeiten, oder dürfen wir? – Arbeit zu haben bedeutet viel mehr als nur Einkommen zu generieren. Und trotzdem gehen wir oft nur ungern zur Arbeit. Warum eigentlich?

Unser inneres Selbst möchte arbeiten

„Arbeit ist Selbstzweck und bringt in sich Freude“, meint der US-amerikanische Tiefenpsychologe James Hillman. Und der deutsche Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer schreibt in seinem Buch „Arbeit“: „Indem wir arbeiten, begegnen wir der Welt.“ Er meint damit zum einen die äußere Welt, die wir durch unsere Arbeit ständig verändern. Zum anderen aber die Begegnung mit unserer inneren Welt: „Hier erleben wir (...) unseren Körper, unsere Sinne, unsere Potenziale, aber auch unsere Grenzen.“

Warum ist dann der Montag so unbeliebt, und warum träumen so viele Leute vom Tag ihrer Pensionierung? – Weil wir uns die Arbeit selbst zum Problem machen, davon ist zumindest Hillman überzeugt. Denn eigentlich wohne dem Menschen ein Arbeitsinstinkt inne: „Die Hände selbst wollen etwas tun, der Geist möchte eingesetzt werden.“

Arbeit gibt Sinn und stillt Bedürfnisse

Sollte der Mensch tatsächlich einen solchen Arbeitsinstinkt besitzen, dann müsste er doch Arbeit sogar brauchen, um zufrieden zu sein. – Ist das so? Fritz Böhle, Leiter der Forschungseinheit für Sozioökonomie der Arbeits- und Berufswelt an der Universität Augsburg, antwortet darauf mit einem klaren Ja: „Das Ziel der Arbeit ist, etwas zu schaffen. Das braucht der Mensch. Arbeit ist zwar nicht die einzige, aber eine wichtige Grundlage für den Menschen, um sein Leben als sinnhaft wahrzunehmen." Arbeit ist längst zu einem bestimmenden Teil unseres Soziallebens geworden, der neben der Selbstverwirklichung auch einige andere Bedürfnisse stillt.

„Arbeitsgesellschaft“ nennen das die Soziologen und meinen damit eine Gesellschaft, in der die Erwerbsarbeit die zentrale Rolle im Leben eingenommen hat: Unsere Identität, unser Selbstwert und unsere soziale Stellung hängen immer mehr von unserer Stellung im Erwerbsleben ab. Über die Arbeit findet ein Großteil unserer Sozialkontakte statt, sie gibt unserem Leben eine zeitliche Struktur und den Anstoß zum Aktivsein. Wer Arbeit hat, hat automatisch das Gefühl, nützlich für andere zu sein. Und Erwerbstätigkeit verschafft dem Einzelnen gesellschaftliche Anerkennung, die ein Arbeitsloser nicht bekommt.

Warum wollen wir nicht arbeiten?

Und trotzdem sind viele Menschen nicht glücklich mit ihrer Arbeit. „Wir wollen nicht arbeiten“, schreibt Hillman. „Das ist wie nicht essen oder nicht Sex haben zu wollen. Das ist die Lähmung eines Instinkts.“ Wie es zu dieser Lähmung kommt, erklärt Fritz Böhle so: „Die tatsächliche Arbeitswelt entspricht in vielen Bereichen nicht unseren Wünschen. In Befragungen stellen wir fest, dass Menschen so schnell wie möglich aufhören wollen mit ihrer derzeitigen Arbeit. Doch grundsätzlich weiterarbeiten wollen sie sehr wohl.“ Und Joachim Bauer schreibt: „Die wirklichen Feinde der Arbeit sind dort zu suchen, wo Menschen in der Arbeit entwürdigt, mit sinnentleerten Arbeitsschritten beschäftigt, unter unmenschlichen Druck gesetzt, schlecht bezahlt oder zu seelenlosen Maschinen gemacht werden.“ Doch auch wenn ein Arbeitsplatz unsere Bedürfnisse nicht stillt, arbeiten wir meist weiter. Aber nur noch, weil wir damit Geld verdienen. Dass Arbeit eigentlich zur persönlichen Entwicklung des Menschen beitragen könnte und dadurch auch unabhängig vom Verdienst wichtig wäre – diese Seite der Arbeit kommt dann oft zu kurz. „Diese beiden Aspekte auszubalancieren ist eine große Herausforderung“, meint Fritz Böhle. „In der kapitalistischen Gesellschaft ist Arbeit eben primär ein Mittel zum Zweck.“

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Die Arbeit - das Mittel zum Zweck?
© MED-EL

Bedingungslos versorgt in Utopia

Was würde passieren, wenn die Notwendigkeit Geld zu verdienen wegfiele – wenn zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt würde? Darüber hat der Psychoanalytiker Erich Fromm schon vor Jahrzehnten nachgedacht. „Würde das gesamte Gesellschaftssystem so geändert, dass die Verpflichtung zur Arbeit nicht mehr mit Zwang und Drohung verbunden wäre, würde es nur noch eine Minderheit von kranken Menschen vorziehen, nichts zu tun.“

Auch Fritz Böhle glaubt nicht, dass mit dem bedingungslosen Grundeinkommen die Menschen einfach auf der faulen Haut liegen würden. „Die Ausgliederung aus der Arbeit macht nicht glücklich, das sieht man ja. Nicht tätig zu sein ist nicht das Paradies.“

Das Nichtstun wäre also nicht das Problem. Nur was die Menschen dann tun würden, ist noch nicht geklärt. Denn die Bedürfnisse, die derzeit durch die Erwerbsarbeit gestillt werden, lassen sich auch anders befriedigen. Zum Beispiel durch Theater, Kunst und Spiel. Spiel sieht Fritz Böhle übrigens gar nicht als Gegensatz zur Arbeit: „Das Spiel hat viele Ähnlichkeiten mit Arbeit: Man ist ernsthaft, verfolgt ein Ziel, man kann sich selbst ausprobieren, sich entwickeln. Ob die Menschen also arbeiten würden oder mehr spielen, das ist noch offen.“ – Würde ein Zeitalter des Homo Ludens, des spielenden Menschen, anbrechen? Böhle: „Ich glaube, es wäre wichtig, dem Spiel zumindest eine gleichberechtigte Bedeutung zur Arbeit zu geben.“

Arbeitslos durch Hörverlust – das kann teuer werden

Wer sein Gehör verliert, hat oft sehr schlechte Chancen, seinen Beruf weiter auszuüben – oder überhaupt einen Beruf zu ergreifen.

Neben dem individuellen Verlust von Lebensqualität entstehen durch Hörverlust auch der Gesellschaft Kosten:

  • Nur rund 48 % der gehörlosen Menschen waren im Jahr 2014 arbeitstätig. National Deaf Center (2016)
  • Gehörlose Menschen hingegen, die arbeiten, geben jährliche Gehaltssummen an, die vergleichbar sind mit jenen nicht gehörloser Menschen. National Deaf Center (2016)
  • Rund einer von fünf Menschen mit Hörverlust steigt aus dem Arbeitsmarkt aus und fast 15 % fühlen sich nach ihrer Arbeit so ausgelaugt, dass sie keine Kraft mehr verspüren, Dinge in ihrer Freizeit zu tun. Hear it
  • Nicht behandelter Hörverlust kostet auf globaler Ebene 750 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Diese Zahl schließt nicht die Kosten für Hörlösungen ein, sondern Kosten im Gesundheitswesen, Unterstützung in Bildungsbelangen, Produktivitätsverlust und gesellschaftlich-soziale Kosten. WHO (2017)
  • Der jährliche Produktivitätsverlust auf der ganzen Welt aufgrund von Arbeitslosigkeit und Frühpensionierungen beträgt 105 Milliarden US-Dollar. WHO (2017)
  • Schätzungen legen nahe, dass die britische Wirtschaft durch Hörverlust 25 Milliarden Pfund pro Jahr verliert. International Longevity Centre (2015)
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