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Geräusche, die man (nie) vergisst Die Beziehung zwischen Hörsinn und Gedächtnis

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Januar 2020
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 7 Minuten

“Sehen heißt glauben.“ Dieses Sprichwort existiert in vielen Formen und wird oft als alte Weisheit weitergegeben. Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um eine Erkenntnis aus alter Zeit: Die moderne Forschung beweist, dass das Gehirn bestimmte Einflüsse, Eindrücke und Situationen besser als Erinnerungen abspeichert, wenn diese mit Sichtbarem verbunden sind; eher schlechter, wenn diese mit Hörbarem einhergehen.

Erinnerung abgespeichert

Obwohl es bekannt ist, dass der Hippocampus eine wichtige Rolle im Formen von Erinnerungen spielt, haben sich vergangene Studien hauptsächlich auf seinen Beitrag zur Registrierung von räumlicher Information konzentriert. Weniger Aufmerksamkeit lag dabei auf der Beziehung zu anderen Einflüssen, die dazu beitragen, eine Erinnerung zu bilden: Gerüche, Geschmäcker und nicht zuletzt Geräusche. Forscher haben jedoch herausgefunden, dass die Wege, über die unterschiedlichste Informationen – visuell, auditiv, haptisch, etc. – im Gehirn ankommen, nicht immer dieselben Voraussetzungen mit sich bringen: Manche ermöglichen effizienteren Transport von Informationen als andere.

In der Aussage „Zu einem Ohr hinein, zum anderen hinaus“, steckt nämlich tatsächlich mehr Wahrheit als gedacht. Der Transportweg, den Geräusche zurücklegen um beim Hippocampus als Gedächtnisinhalt oder Erinnerung abgespeichert zu werden, ist nicht so effizient gestaltet, wie zum Beispiel jener, der bei visuellen Eindrücken zum Einsatz kommt.

Akustische Information wird laut Experten durch Wiederholung am besten im Hirn gespeichert und bewahrt. Wir bemerken das besonders dann, wenn sich jemand bei uns vorstellt, wir nach zwei Minuten den Namen jedoch schon wieder vergessen haben – aufgrund fehlender Wiederholung. Ebenfalls merken wir das dann, wenn wir auch noch nach Jahren ein bestimmtes Lied, das einst ständig im Radio lief, auswendig mitsingen können.

Unser akustisches Gedächtnis scheint nicht auf Wiederholung verzichten zu können. Diese Abhängigkeit erklärt, warum wir Töne und Geräusche, die uns aus (wiederholten) Erfahrungen bekannt sind, sofort wiedererkennen. So zum Beispiel die Stimmen der Familienmitglieder, das Gurgeln des Wasserkochers, oder das Ticken an der Fußgängerampel, wenn diese auf Grün schält.

Die fast vergessenen Geräusche

Während sich das moderne Leben weiterentwickelt und technologische Fortschritte gemacht werden, gibt es Klänge, die dadurch nahezu ganz aus unserem Alltag verschwinden. Mobiltelefone geben keine Geräusche mehr von sich, wenn man eine Taste am Screen „drückt“ und das Tastaturen-Klicken eines Laptops ist keineswegs mehr mit dem der Schreibmaschine verwandt.

Online Streaming von Musik und Video bedeutet zudem, dass wir nicht mehr hören, wie sich das Band einer Kassette im Spieler verheddert, oder wie eine Videokassette vom VHS-Rekorder eingezogen wird. Die kommenden Generationen werden diese Geräusche wohl garnie in ihrem Leben zu hören bekommen – aber wären diese Geräusche heute überhaupt noch erkennbar für jene, die einst vertraut mit diesen waren?

Im Kontext hört sich vieles anders an

Wenn es um unser Langzeitgedächtnis geht, scheint es, als ginge es mehr um die Aufbewahrung, als um die Wiederholung: Der Kontext spielt dabei eine tragende Rolle. Ohne die Finger zu sehen, die die Tasten der Schreibmaschine anschlagen und ohne den optischen Hinweis auf die VHS-Kassette, wäre es äußerst schwierig die damit verbundenen Geräusche richtig zu interpretieren – auch trotz der Vertrautheit aus der Vergangenheit. Getrennt vom weiteren Kontext sind Geräusche wenig erkenn- und zuordenbar.

Emotionen geben ein weiteres Stück Kontext in unserer Fähigkeit Geräusche wiederzuerkennen. Manche Klänge können wir daher unmöglich vergessen. Des Öfteren wurde demonstriert, dass zum Beispiel von Demenz betroffene Patienten, oder Komapatienten, auf die Stimmen von Familienangehörigen – wenn auch nur leicht – reagieren, auf die der behandelnden Ärzte jedoch nicht. Denn anders als beim Klicken einer Tastatur oder dem Blubbern des Wasserkochers sind manche Geräusche mit emotionaler Bedeutung beladen – hierbei spielen demnach nicht nur die Wiederholung und die Vertrautheit tragende Rollen. Weil der Kontext dabei tief in unserer Psyche verwurzelt ist, ist das Aufrufen einer Emotion durch wiedererkannte Geräusche nicht von anderen externen Stimuli, wie dem Sichtbaren oder einem vollständigeren Bild der Situation, abhängig.

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Einzigartige Geräusche

Wussten Sie, dass sogar der Planet Erde selbst Geräusche erzeugt? Und dass es Geräusche gibt, die viel zu hoch für das menschliche Gehör sind?

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Wenn wir etwas mit speziellem Klang erleben, wird dieses Etwas in unserem Emotionskatalog im Gehirn gespeichert. Die sensorischen und emotionalen Informationen werden zusammengepackt und gemeinsam im Hörzentrum gespeichert. So wie ein bestimmter Geruch uns Jahre zurück auf Großmutters Sofa zum Nachmittagskaffe versetzt, wird auch ein Geräusch von emotionalem Wert durchtränkt. Eine Forschergruppe aus der Schweiz hat herausgefunden, dass Emotionen und Gefühle eine Schlüsselrolle in der Bildung von Erinnerungen spielen. Eine starke emotionale Reaktion auf ein spezielles Geräusch verstärkt die Erinnerung, die rund um dieses bestimmte Geräusch-Erlebnis entsteht.

Die Fähigkeit unseres Gehirns, Geräusche zu kontextualisieren, erklärt auch weshalb wir nicht auf die Rettungssirene reagieren, wenn wir in unserem Wohnzimmer sitzen, sehr wohl jedoch, wenn wir gerade mit dem Auto auf der Straße unterwegs sind. Das Gehirn durchforstet unseren Geräuschkatalog, um herauszufinden, was wir gerade hören und ob eine bestimmte physische Reaktion angebracht ist.

Geräusche triggern Emotionen

Vergangene Erlebnisse und Erfahrungen verändern unsere Reaktionen auf bestimmte Stimuli. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass laute oder plötzliche Geräusche eine Angstreaktion hervorrufen. Posttraumatische Belastungsstörungen äußern sich oft durch eine erhöhte Geräuschsensibilität, was bedeutet, dass sogar Geräusche ohne negativen Kontext unerträglich sein können. Bei anderen Erkrankungen scheitert das Hirn oft daran, den richtigen Kontext zu finden. Dies erschwert es der betroffenen Person zwischen Geräuschen, die eine Angstreaktion hervorrufen sollten, und Geräuschen, die das nicht sollten, zu unterscheiden – was oft in einer generellen Ängstlichkeit resultiert.

Lässt man die zuvor genannten Erkrankungen außer Acht, gibt es Geräusche, die nahezu einheitliche Reaktionen in uns hervorrufen: Naturgeräusche zum Beispiel, werden in den meisten Fällen mit Entspannung und Ruhe verbunden, während das Läuten eines Telefons eine gewisse Gereiztheit aufkeimen lässt. Musik kann viele Gefühle in uns auslösen, wie zum Beispiel Zufriedenheit und Fröhlichkeit, auch wenn wir keine dezidierte Erinnerung mit einem speziellen Musikstück verbinden. Emotionen selbst können die Erfahrung sein.

Noten

Klänge, Musik & Emotionen

Die Musik sei die Kunst, „die den Tränen und Erinnerungen am nächsten ist“, sagt der berühmte Literat Oscar Wilde. Und Erinnerungen haben immer etwas mit Gefühlen zu tun, Tränen sind ein sichtbarer Ausdruck.

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Das Gehirn erinnert sich, das Gedächtnis vergisst

Die Forschung zeigt, dass wir Schwierigkeiten damit haben, Erinnerungen an Geräusche aufrecht zu erhalten, wenn weitere Faktoren fehlen. Warum sind wir dennoch so empfänglich dafür? Ein Grund dafür könnte sein, dass unser Körper zu größten Teilen aus Wasser besteht: Ein wirkungsvoller Leiter von Schallwellen. Der japanische Wissenschaftler Dr. Masaru Emoto widmete sich dem Thema des Wassergedächtnisses. Er führte – wissenschaftlich debattierte – Experimente durch, in denen er versuchte zu beweisen, dass Wasser positive und negative Einflüsse, zum Beispiel in Form von Worten der Dankbarkeit oder des Hasses, speichert.

Wasserkristall
Dieser Eiskristall solle laut Dr. Masaru Emoto die Worte der Liebe und Dankbarkeit gespeichert haben.
© Office Masaru Emoto

Nicht all unsere Erinnerungen werden aus einem einfach festzustellenden Ereignis geformt. Auch unsere Reaktionen auf Geräusche basieren nicht immer auf einer bestimmten Erfahrung. Babys können schon lange vor der Geburt hören und entwickeln neurologische und emotionale Reaktionen auf Geräusche noch im Mutterleib. Eine Studie zeigte, dass bei Menschen, die in ihren ersten Lebensjahren eine Sprache zu hören bekamen, die sie später weder beherrschten noch sich daran erinnern konnten, beim Hören dieser Sprache die linke Gehirnhälfte – wo Sprache interpretiert wird – aktiviert wurde, jedoch nicht die rechte Gehirnhälfte, in welcher Töne und Geräusche interpretiert werden. Das Gehirn erinnert sich also, während das Gedächtnis vergisst.

Der Hörsinn und das Gehirn

Dasselbe kann jedoch nicht vom eigentlichen Akt des Hörens behauptete werden. Wenn es um das Hören geht, müssen die Ohren und das Gehirn wie ein Tandem funktionieren, um zu optimalen Ergebnissen zu gelangen. Obwohl es die Ohren sind, die Geräusche, Töne und Klänge übermitteln, ist es das Gehirn, das diese erst in schlüssige Botschaften verwandelt. Genau aus diesem Grund kann unbehandelter Hörverlust zu kognitiven Einschränkungen führen. Denn Gehör und Gehirn sind unzertrennbar miteinander verbunden. Eine Einschränkung dieser Verbindung kann viele Beeinträchtigungen mit sich bringen. Wie beim Trainieren unserer Muskeln während wir Sport betreiben, kann der „Hörmuskel“ schwächer werden, wenn er nicht trainiert bzw. richtig eingesetzt wird. Je später Hilfe in Anspruch genommen wird, desto schwieriger wird es, den Ohr-zu-Hirn-Weg wieder einsatzfähig zu machen. Zudem wird das normale, altersbedingte Schrumpfen des Gehirns durch eingeschränktes Hörvermögen verstärkt.

Hörverlust

Wie sich Hörverlust auf das Gehirn auswirkt

Was geschieht eigentlich im Gehirn, wenn wir das Gehör verlieren? Andrew King kennt die Antwort. Er ist Professor für Neurophysiologie an der Universität und erforscht speziell jene Prozesse im Gehirn, die mit dem Hören zusammenhängen.

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Hören ist immer mit Gefühlen verbunden. Verliert man also die Fähigkeit zu hören, werden weitere Vorgänge im Körper gefährdet. So zum Beispiel die emotionale Reaktion auf Erinnerungen, die durch Geräusche hervorgerufen wird, oder die Dopaminfreisetzung, die durch bestimmte Klänge angestoßen wird. Unter Umständen können diese Abläufe nur noch eingeschränkt möglich sein. Ein Spaziergang im Wald ohne das Knistern von Blättern und Ästen unter den Füßen kann nicht die Beruhigung bringen, die er sollte. Die Stimmen der Angehörigen können undeutlich erscheinen. Von Hörverlust Betroffene ziehen sich meist zurück, verlieren die Verbindung zu eigenen emotionalen Triggern und noch vielmehr zu Familie und Freunden.

Es gibt Klänge, die über die Jahre zwangsläufig verschwinden müssen – das Gebrüll eines Tyrannosaurus zum Beispiel, oder das Einwählen eines Modems. Doch gibt es auch unverzichtbare Geräusche, die notwendig für unser allgemeines Wohlbefinden sind. Wenn es unseren Ohren gut geht, geht es uns gut: Wir können Geräusche erkennen und darauf reagieren. Wenn es unserem Gehör weniger gut geht, ist es ausschlaggebend Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hörlösungen können die Verbindung zur Welt um uns herum wiederherstellen und stärken. Klänge und Geräusche spielen dann eine unverzichtbare Rolle im Aufbau dieser Verbindung, in der Rehabilitation.

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