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Heilende Klänge Die therapeutische Wirkung von Musik

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juli 2019
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 7 Minuten

Musik besitzt heilsame Kraft. Die Musiktherapie nützt diesen besonderen Zugang zur Menschenseele systematisch – und auf eindrucksvolle Weise.

Musik bewirkt Wunder

Wir sitzen im Kreis, neun Frauen, ein Mann. Der Raum ist klein, die Wand weiß mit vielen Löchlein; die schlucken den Schall und sind etwas unangenehm anzusehen. Gleich werden wir gemeinsam musizieren. Anfangen will keine, aber sobald der Therapeut auf der Trommel den ersten Schlag macht, sind alle dabei. Minutenlang fließt die Musik. Die Frauen lächeln. Sie sind gelöst; ganz im Hier und Jetzt.

Musik gegen die Krise

Musiktherapie in der Rehabilitationsklinik Gars am Kamp, tief im ländlichsten Niederösterreich. Die Menschen, die hierher kommen, stecken in schweren Lebenskrisen, haben Depressionen oder Panikattacken, psychotische oder Belastungsstörungen. In den sechs Wochen, die sie bleiben, sollen sie lernen, wieder „Schritt für Schritt vorwärts ins Leben” zu finden, so der Klinikprospekt. Therapie, das bedeutet hier viel Bewegung, gemeinsames Kochen, Gutes essen, mit den eigenen Händen arbeiten, handwerken, malen.

Und: zweimal die Woche aktiv musizieren. Denn Musik hilft heilen. Das ist seit Menschengedenken bekannt. Im Westen wird Musiktherapie etwa seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts systematisch therapeutisch genutzt, weiter entwickelt und auch wissenschaftlich untersucht.

Reden gehört dazu

„Wie ist es jetzt?”, fragt Willi Fuchs, der Therapeut, als alle zu spielen aufgehört haben. Reden gehört zum Instrumentarium der Musiktherapie, sofern die Menschen sich gut artikulieren können. Es macht den ersten Zugang leichter; die Musik spricht dann direkt die Emotionen an. Sie macht, dass Unangenehmes wahrgenommen, zugelassen und in seiner Bedeutung verändert werden kann.

Musik berührt aber auch sprachlose oder über Sprache kaum erreichbare Menschen. Schwer behinderte oder psychisch kranke Kinder, mit denen Musik gemacht wird, beruhigen sich eher, sind aufmerksamer, machen bessere Therapiefortschritte. Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Demenz, Parkinson, Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, deren Erinnerungsvermögen und Sprache oft stark beeinträchtigt sind, singen plötzlich Lieder, finden Zugang zu verschütteten Erinnerungen, sind weniger aggressiv und unglücklich.

Mann spielt Zither
Musiktherapeut Willi Fuchs führt eine Gruppe psychisch erkrankter Frauen aus dem Schmerz, „vorwärts ins Leben”.
© Mirjam Reither

Musik, die ins Hirn geht

Musik wird in unterschiedlichen Hirnarealen verarbeitet. Sie wandert über zwei verschiedene Hörbahnen in jeweils andere Teile des Gehirns.

Der musiktherapeutisch wichtigere Weg ist eine direkte Verbindung zwischen der Hörbahn und dem limbischen System sowie dem Hirnstamm. Das limbische System ist besonders aktiv an unseren Gefühlen beteiligt. Der Hirnstamm als entwicklungsgeschichtlich älteste Hirnstruktur steuert lebensnotwendige Funktionen wie Atmung und Kreislauf sowie das Arousal-System, das die Wachheit regelt und von Musik besonders stark beeinflusst wird. „In diesen alten Strukturen wirken basale Mechanismen der Musik, auf die sogar Tiere reagieren”, sagt Thomas Stegemann, Ausbildungsleiter des Studiums für Musiktherapie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien: „Langsames, leises Spiel ist eher entspannend, schneller werdende, laute Musik aktiviert.” Durch die Klänge werden im Gehirn Botenstoffe ausgeschüttet, die das körpereigene Belohnungssystem stimulieren, während andere gleichzeitig angstmindernd wirken. Auf diesem direkten Pfad fließen neben gehörten Informationen aus dem Ohr auch Wahrnehmungen der anderen Sinnesorgane ins Gehirn, wie Beat und Rhythmus, die wir im Bauch spüren und die den Herzrhythmus verändern.

„Der zweite Weg, den Musik nimmt, ist der klassische Pfad”, setzt Stegemann fort, „vom Innenohr in Hirnareale, in denen unter anderem persönliche Erfahrungen und Erinnerungen gespeichert werden.” Hier bilden und festigen sich die ganz individuellen Vorlieben und Abneigungen jedes Menschen: der persönliche Musikgeschmack, aber auch Einzelereignisse, die Gefühle mit einem bestimmten Musikstück verbinden. Das Liebeslied beispielsweise, das bei jedem Hören verträumte Augen zaubert, weil ein Paar dabei zum ersten Mal miteinander getanzt hat – oder eine Tonfolge, die unangenehme Gefühle triggert.

Töne wecken Erinnerungen

Wie in der Therapiegruppe in Gars. Frau A. unterbricht jäh das flüssige Zusammenspiel der Gruppe. „Diese ganz hohen Töne erinnern mich an etwas”, murmelt sie beunruhigt. „Etwas Vergangenes, es ist nicht gut.” Der Therapeut fragt, ob die Frau über ihre Gefühle sprechen möchte. „Nein”, sie schüttelt heftig den Kopf, „heute geht das nicht.” „Sind es nur die hohen Töne?” Nicken. Fuchs schlägt der jungen Frau vor, die Harfe zu nehmen, die sie kurz zuvor ihr Lieblingsinstrument genannt hat und darauf nur tiefe Töne zu zupfen. Nach dem gemeinsamen Musizieren geht es ihr wieder gut. „Diese Patientin will die Verantwortung immer abgeben”, erzählt Fuchs später. Sie erlebt sich fremdgesteuert und hilflos. „Mit der Harfe hat sie erfahren, dass sie ihren Gemütszustand selbst zum Positiven hin verändern kann.”

Plattenspieler

Klänge, Musik & Emotionen

Musik ist in der Lage, Erinnerungen – und damit Gefühle – in uns zu wecken. Wir hören nur ein paar Töne – und schon reisen wir gedanklich in die Zeit zurück.

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Diese Möglichkeit des Selbststeuerns ist die Stärke der aktiven Musiktherapie, bei der mit Instrumenten und ohne musikalische Vorkenntnisse frei improvisiert wird. Das geschieht in Gruppen oder zu zweit. Ein Beispiel: Chronischem Schmerz soll ein Ton gegeben werden. Schmerzerkrankungen sind meist schwer therapierbar und verschlimmern sich leicht. Verstärkt wird das Leiden durch das Gefühl des Ausgeliefertseins an die Qual, die das ganze Leben dominiert. „Im Musizieren darüber”, so Stegemann, „kann etwas verändert werden”, zum Beispiel der Schmerz-Ton „besiegt” oder zum Verklingen gebracht werden. Wo erforderlich, wirken Therapeut oder Therapeutin sachte lenkend ein und helfen bei der Neuinterpretation.

Der erstaunliche Effekt: Stärke und Häufigkeit der Schmerzen lassen oft schon nach kurzer Zeit deutlich nach. In einer Studie aus Heidelberg beispielsweise wurden bei Jugendlichen mit chronischen Kopfschmerzen nach ein paar Musiktherapie-Einheiten die Anfälle seltener und kürzer, die Lebensqualität verbesserte sich deutlich.

Jam-Session am Krankenbett
Musik lindert Schmerzen und senkt den Schmerzmittelbedarf. Daher wird sie in vielen Krankenhäusern wie Medizin eingesetzt.
© Chelsea and Westminster Arts Charity

Musikhören als Therapie

Die zweite Therapiemöglichkeit ist die rezeptive Musiktherapie, also das Musikhören. Gut belegt ist etwa, dass sich lästiges Ohrensausen (Tinnitus) durch das regelmäßige Anhören eigens dafür entwickelter Musikstücke deutlich bessern lässt und dass sich depressive Phasen verkürzen (wobei aktive Musiktherapie bei Depressionen noch bessere Erfolge erzielt). Zahllose Studien belegen, dass durch passende Musik der Blutdruck gesenkt, Stresshormone im Körper reduziert, Herzfunktion und Atmung verbessert werden können. Ob es eine Spritze bei Kindern ist oder die Vorbereitung auf eine große Operation, ob das Frühchen im Brutkasten oder schwer Verletzte auf der Intensivstation: Musik beruhigt, lindert Schmerzen und senkt den Schmerzmittelbedarf, verbessert den Krankheitsverlauf und verkürzt so die Dauer des Eingriffs oder des Spitalaufenthalts.

Musiktherapie und Cochlea-Implantat

Nach einer Cochlea-Implantation verbessert Musiktherapie rasch das Hören von Klängen und Geräuschen und auch die akustische Orientierung im Raum, zeigte eine Studie des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung in Heidelberg.

Die Implantat-Träger konnten durch die Therapie auch Gefühle besser wahrnehmen, die über Sprache ausgedrückt wurden. Der Hintergrund: Das Gehirn muss erst lernen, die Signale des Implantats zu verarbeiten. Dafür braucht es neue Nervenbahnen – und Musik unterstützt die Ausbildung dieser Bahnen.

MED-EL

Musik in der Rehabilitation

Hören mit einem Cochlea-Implantat muss erlernt und laufend geübt werden. Rehabilitation ist daher unverzichtbar - und die Musik spielt darin eine tragende Rolle.

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„Es gibt immer einen Neuanfang”

In Gars geht es auf einmal um Tod und Sterben. Eine der Frauen hat zu erzählen begonnen, und nun berichtet eine nach der anderen von geliebten Menschen, die sie bis zum Ende begleitet haben, Väter, eine Freundin, den Sohn … Sie erzählen, beraten einander, weinen. „Ich möchte”, sagt Fuchs nach einiger Zeit, „dass wir mit dem nächsten Musikstück Abschied nehmen von den Verstorbenen.” Die Frauen trocknen ihre Tränen, einige holen sich ein anderes Instrument. Die Musik setzt leise ein, ist sanfter, friedlicher als zu Beginn. Die Frauen entspannen sich.

Als das Spiel vorbei ist, ermuntert Fuchs sie zu einem weiteren Stück: „Nach dem Abschied gibt es immer einen Neuanfang.” Kaum merkbar und doch gezielt von ihm beeinflusst, wird die Musik jetzt dynamischer. Beschwingt, fast fröhlich endet die Stunde. „Es war wichtig, der Trauer genug Raum zu geben”, erklärt Fuchs die therapeutische Intervention. „Aber genauso wichtig war dieser nächste Schritt.” Aus der Trauer heraus: vorwärts ins Leben.

Die Spielarten der Musiktherapie

Musiktherapie gibt es in zwei Ausprägungen: aktiv und passiv.

Musikhören ist die passive Variante. Sie wird im klinischen Bereich wie ein Medikament eingesetzt. „Musikmedizin” eben. Sie beruhigt, kann Schmerzen lindern, reduziert die Menge an Stresshormonen im Körper, verkürzt den Aufenthalt im Krankenhaus. Aktive Musiktherapie dagegen, also das selbst Musizieren, ist eine stärker psychotherapeutisch orientierte Herangehensweise. Sie hilft bei Depressionen, Panikattacken oder Belastungsstörungen.

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Musikalische Auswirkungen

Psychiater und Musiktherapeut Thomas Stegemann spricht mit uns über die Macht der Musiktherapie.

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