Bericht

15.000 Höhenmeter für Kamo Wie ein Radrennen am Kap einem kleinen Jungen die Reise in die hörende Welt ermöglicht

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: April 2021
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Das Cape Epic, das jedes Jahr am Westkap in Südafrika ausgetragen wird, zählt zu den härtesten Mountainbike-Etappenrennen der Welt. Seit 2004 messen sich die besten Mountainbike-Profis an dem rund 700 Kilometer langen Kurs mit 15.550 Höhenmetern. Das Cape Epic, die „Tour de France des Mountainbikens“, bedeutet einen Prolog und sieben Etappen voller Schweiß, Willenskraft, Kampfgeist, Durchhaltevermögen und Ausdauer. Der Lohn für die Tortur: ein unbeschreiblicher Gefühlsmix von Erfolg, Dankbarkeit und Glück.

Zwei Radprofis wollen helfen

René Haselbacher und Robbie Hunter kennen diese Gefühle nur zu gut. Die beiden Ex-Radrennprofis nahmen als Team am Cape Epic Rennen teil. Ihre Welt dreht sich ums Radfahren, um Rennen, um Wettkämpfe. Und beide wissen, was Kampfgeist wirklich heißt. Der Österreicher René, der mit einer Südafrikanerin verheiratet ist, musste sich nach mehreren Rennunfällen wieder an die Spitze zurückkämpfen. Dennoch hielten ihn persönliche Rückschläge nicht davon ab, seine Träume weiterhin entschlossen zu verfolgen.

Robbie Hunter zählte bis zu seinem Rücktritt 2013 zu den erfolgreichsten Radrennprofis seines Heimatlandes Südafrika. Auch für ihn ist Willenskraft kein Fremdwort. Als er bei der Tour de France verunfallte, konnte ihn nicht einmal ein Knochenbruch davon abhalten, das Rennen fortzusetzen.

René Haselbacher und Robbie Hunter in Südafrika
© MED-EL

Noch etwas eint die beiden 43-Jährigen: ihr Engagement für Menschen mit Hörverlust. René Haselbacher kennt das Thema Gehörlosigkeit aus der eigenen Familie. „Meine Urgroßtante wurde gehörlos geboren und lernte nie sprechen. Damals galt sie als Außenseiterin, konnte sich nicht ausdrücken und verzweifelte oft, weil man sie nicht verstand. Mit den heutigen Hörlösungen wären ihr viele Möglichkeiten offen gestanden. Sie hätte kommunizieren können, wäre nicht als Außenseiterin abgestempelt worden, hätte eine höhere Lebensqualität gehabt“, ist René überzeugt. Sein Entschluss stand fest: er wollte einem gehörlosen Kind ein Leben in der hörenden Welt ermöglichen, indem er ihm zu einem Cochlea-Implantat (CI) verhalf. Seinen Teamkollegen Hunter holte er mit ins Boot.

Ihrem Wunsch ließen die beiden Sportler Taten folgen. Sie entschlossen sich, ihr Cape Epic Rennen 2020 Menschen mit Hörverlust zu widmen. Nach dem Rennen sollten ihre beiden Mountainbikes breitenwirksam versteigert werden. Die coronabedingte Absage des Cape Epic Rennens 2020 änderte nichts an dieser Entscheidung. Nach dem Motto „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ vertagten sie ihre Aktion auf die nächste Cape Epic Tour. Mit dem Erlös sollen die Folgekosten einer Cochlea-Implantation, vor allem die wichtige Hörrehabilitation, finanziert werden.

In kurzer Zeit stellten Haselbacher und Hunter das gesamte Projekt auf die Beine und sponserten das Cochlea-Implantat. Gemeinsam mit der Wohltätigkeitsorganisation Cape Hearing Implants (CHi), einer Privatinitiative von Spezialistinnen und Spezialisten im Bereich von Hörimplantaten, wurden ein geeigneter Kandidat sowie ein Chirurg gefunden, der die Operation kostenlos durchführen würde.

Auch in diesem Fall schreibt das Leben eine Geschichte über Willenskraft und Durchhaltevermögen. Unter völlig anderen Voraussetzungen, und dennoch mit dem gleichen Lohn: Erfolg, Dankbarkeit und Glück.

Kamos Weg in die hörende Welt

Kamo will hören

Der achtjährige Bokamoso Mahlatsane, liebevoll Kamo genannt, verlor aufgrund einer fortschreitenden beidseitigen Schwerhörigkeit schon früh sein Hörvermögen - und mit ihm sein Selbstbewusstsein, seine Freunde und seine Fähigkeit, deutlich zu sprechen. Trotz seiner Hörgeräte zog sich der früher extrovertierte, fröhliche und kluge Knabe immer mehr zurück, blieb lieber zu Hause, anstatt mit seinen Freunden zu spielen. Er konnte keinem Gespräch mehr folgen, verstand seine Kumpels nicht mehr und auch die gewohnten schulischen Erfolge blieben aus. Die Familie des Jungen wollte sich nicht mit der Situation abfinden. Sie waren fest entschlossen, Kamo das Leben zu ermöglichen, das seiner Intelligenz und seinem aufgeschlossenen Charakter entsprach.

Nach seiner ersten Untersuchung bei seiner Audiologin Susan Eksteen am Carel du Toit Centre wäre Kamo zwar ein geeigneter Kandidat gewesen, allerdings war die Implantation durch seine Krankenversicherung nicht gedeckt. Doch wenn eine Tür zugeht, öffnet sich eine andere. In Kamos Fall öffneten diese andere Türe die beiden Cape Epic Tour-Bezwinger René und Robbie.

"Ein Cochlea-Implantat ist kein Zauberstab"

Liezel Kotze, Geschäftsführerin von Cape Hearing Implants, erklärt: „Unsere Institution schenkt Menschen das Geschenk des Hörens, die ansonsten keinen Zugang dazu hätten. Wir finanzieren uns durch Spenden. Unsere Wahl fiel auf Kamo, da er so ein offenherziger und wissbegieriger Junge ist.“

Im September 2020 erhielt Kamo sein MED-EL Cochlea-Implantat. Seitdem sind einige Monate vergangen, und er steht am Anfang seiner Hörreise. Mit einem Cochlea-Implantat zu hören erfordert viel Arbeit, Willenskraft und Durchhaltevermögen von allen Beteiligten. Und derer gibt es viele: der Nutzer und seine Familie, das gesamte Cochlea-Implant-Team mit Psychologen, Chirurgen, Audiologen, Sprachtherapeuten, Lehrern und vielen anderen.

Auf Cape Epic umgelegt wäre die Operation selbst gerade einmal der Prolog. Die Hörreise mit CI dauert ein Leben lang und besteht nicht nur aus sieben Etappen. „Ein Cochlea-Implantat ist kein Zauberstab“, rückt CHi Audiologin Adri Schlichting die Erwartungen zurecht.

Doch was genau bedeutet das Leben mit Cochlea-Implantat? Welches Geheimnis steckt hinter dem Hörerfolg, das Cape Epic Rennen zum Hören erfolgreich zu beenden?

Mit der Erstanpassung seines Audioprozessors, als Kamo zum ersten Mal mit seinem Cochlea-Implantat hörte, begann eine intensive und wichtige Phase des Hörtrainings. Sein Gehirn muss nun lernen, die vielen Höreindrücke zuzuordnen, zu erkennen und zu unterscheiden. Ein Cochlea-Implantat klingt anders als das natürliche Gehör. Mit Reha und fleißigem Üben, mit Ausdauer, Durchhaltevermögen und Willenskraft hört Kamo bald jeden Tag ein bisschen besser.

Bokamoso
Der achtjährige Bokamoso
© MED-EL

Mit Zuversicht in die Zukunft

Kamos Familie, allen voran seine Mutter Sindiswa, nimmt bei dieser Reise zum Hörerfolg eine wichtige Rolle ein. Sie fährt ihn zur Sprachtherapie, übt mit ihm zu Hause, schickt ihn auf eine Schule, in der er optimal gefördert wird. Sindiswa ist überwältigt, glücklich und dankbar für das CI ihres Sohnes. Ihre Sorgen, dass Kamo keine adäquate Ausbildung absolvieren kann, schwinden allmählich. Sie sieht der Zukunft ihres Sohnes zuversichtlich entgegen und glaubt daran, dass er ein zufriedenes Leben führen und sein volles Potential ausschöpfen kann.

Das Cochlea-Implantat liefert die technischen Voraussetzungen zum Hören, damit Kamo alles erreichen kann, was er will. Egal, ob er wieder in seine alte Schule zurückkehrt, mit seinen Freunden spielt oder eines Tages studiert – prinzipiell ist alles möglich. Es braucht allerdings Willenskraft, Ausdauer und Durchhaltevermögen. Und manchmal ein bisschen Hilfe von Menschen wie Robbie und René.

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