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Hören bis ins hohe Alter Wer hört, tut sich und seinem Körper gut

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Mär 2019
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Lesedauer: 5 Minuten

Viel zu viele Jahre vergehen meist, bis schwerhörige Menschen Hilfe suchen. Dabei gibt es nur Vorteile, wenn das Gehör wieder funktioniert: Wer hört, tut sich und seinem Körper gut, denn Demenz, Stürze und Depressionen hängen auch mit schlechtem Gehör zusammen.

Die ersten Anzeichen von Hörverlust

Meiden Sie immer wieder mal laute Restaurants, und haben Sie das Gefühl, dass die Leute ständig nuscheln? Wenn das so ist und Sie Ihren 65. Geburtstag hinter sich haben, dann sind Sie in guter Gesellschaft, denn Schwerhörigkeit im Alter ist ein weit verbreitetes Phänomen.

In den USA ist mehr als ein Drittel aller Menschen zwischen 65 und 74 Jahren von Hörverlust betroffen; unter den Über-75-Jährigen ist es nahezu jeder Zweite. Und da die Lebenserwartung der Menschen steigt, wird auch die Zahl der Schwerhörigen in den kommenden Jahren zunehmen: Laut Schätzungen leben im Jahr 2050 weltweit 910 Millionen ältere Menschen mit schlechtem Gehör.

Illustration Herr
© LISK FENG

10 Jahre bis zum Hörgerät

Dabei gibt es Möglichkeiten, um wieder besser zu hören – doch nicht jeder bekommt die richtige Hilfe: In Großbritannien etwa ist lediglich ein Drittel der älteren Menschen, die von Hörgeräten profitieren würden, auch tatsächlich damit versorgt. Durchschnittlich warten schwerhörige Personen zehn Jahre, bevor sie Hilfe suchen. Bei Cochlea-Implantaten (CI) ist dieser Wert noch geringer: Lediglich 5% der Erwachsenen, die mit einem CI besser hören würden, tragen tatsächlich eines. In den meisten Industrieländern sind die Zahlen ähnlich; noch schlechter sind sie in Entwicklungsregionen.

„Altersbedingte Schwerhörigkeit entwickelt sich schleichend, sodass die Betroffenen die Krankheit anfänglich eventuell noch nicht bemerken“, sagt Lendra Friesen, Assistenzprofessorin im Fachbereich „Speech, Language, and Hearing Sciences“ an der Universität Connecticut, USA. „Dazu kommt die immer noch mit Schwerhörigkeit verbundene Stigmatisierung, die dazu führt, dass viele keine Hilfe suchen.“ Plus: Laien und selbst medizinische Fachkräfte wissen noch zu wenig darüber, wann ein Implantat sinnvoll ist und welche Vorteile es bringen würde.

Stürze, Demenz und Depression

Wer nicht hört, spürt das fast überall im Alltag: Das Gespräch mit dem Arzt beispielsweise wird schwieriger, das Läuten von Telefon oder Türglocke ist unhörbar. Auch so mancher Rauchmelder schrillt unbemerkt vor sich hin. Studien zeigen, dass altersbedingte Schwerhörigkeit und gesundheitliche Probleme zusammenhängen, angefangen bei Depressionen bis hin zu Demenz.

Die Verbindung zwischen Depression und Schwerhörigkeit ist besonders offensichtlich: „Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die an einem Hörverlust leiden, sich aus ihrem sozialen Kreis zurückziehen und zunehmend isolierter sind, denn sie können mit anderen nicht mehr kommunizieren und am Geschehen teilhaben“, sagt Lendra Friesen. „Das kann zu häufiger auftretenden Symptomen einer Depression führen.“

Menschen mit leichter Schwerhörigkeit haben im Vergleich zu Normalhörenden ein fast dreimal so hohes Risiko, zu stürzen. Das könnte zum Teil daran liegen, dass Menschen, die schlecht hören, ihre Umwelt nur eingeschränkt wahrnehmen und somit leichter stolpern, meint der Forscher Frank Lin, Assistenzprofessor an der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore, USA. Dazu kommt, dass ein Hörverlust das Gehirn zusätzlich beansprucht: „Gang und Gleichgewicht sind kognitiv anspruchsvoll. Wenn durch den Hörverlust die kognitive Belastung zunimmt, kann es sein, dass das Gehirn weniger Ressourcen für die Hilfe bei Gleichgewicht und Gang zur Verfügung stellen kann“, erklärt Frank Lin.

Die kognitive Belastung erklärt möglicherweise auch die Verbindung zu Demenz: Mehrere Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einer leichten, mittelschweren und starken Schwerhörigkeit ein zwei-, drei- bzw. fünffach erhöhtes Risiko haben, an Demenz zu erkranken. Eine aktuelle Studie zeigte, dass ein Cochlea-Implantat gemeinsam mit Hör- und Gedächtnistraining bestimmte kognitive Funktionen von älteren Patienten innerhalb von sechs Monaten verbessern konnte. Aber auch Hörgeräte wirken vorbeugend, wenn sie rechtzeitig verwendet werden: „Einige Studien deuten darauf hin, dass das Tragen eines Hörgeräts das Fortschreiten von Taubheit und eventuellem Abbau kognitiver Fähigkeiten verlangsamen kann“, sagt Lendra Friesen.

Ein Implantat mit 90 Jahren

Medizinisch gesehen gibt es keine Altersgrenze für das Einsetzen eines Hörimplantats. Im Gegenteil. Mehrere Studien zeigen, dass ältere Patienten von der Implantation profitieren: durch besseres Sprachverständnis, mehr soziale Kontakte, stärkeres Selbstbewusstsein und generell höhere Lebensqualität. Und das auch, wenn sie bereits über 80 oder 90 Jahre alt sind. Der bisher älteste implantierte Mensch in Europa ist 99 Jahre alt; eingesetzt wurde damals ein CI. Es gibt eine Reihe von Hörimplantaten am Markt. Am häufigsten verwendet werden zur Zeit Cochleaimplantate, Mittelohrimplantate, Elektrisch Akustische Stimulation und Knochenleitungsimplantate.

Wie gut das Hören nach der Implantation funktioniert, hängt hauptsächlich davon ab, wie lange die Schwerhörigkeit schon besteht. „Generell gilt: Je länger ein Mensch bereits von einer schweren oder vollständigen Hörbeeinträchtigung betroffen ist, desto länger wird es dauern, bis er die Sprache nach dem Eingriff wieder erkennen und verstehen kann. Das liegt daran, dass der auditorische Kortex des Gehirns zunehmend verkümmert, wenn er nicht stimuliert wird“, erklärt Lendra Friesen. Daher ist es wichtig, nicht zu lange im Stillen zu warten.

Generell gilt eine Implantation heutzutage als Routineeingriff. Das Operationsrisiko ist mit jenem von jüngeren Patienten gleichzusetzen. Dennoch lassen sich Komplikationen nie ausschließen. „Daher wird der allgemeine Gesundheitszustand jedes Patienten im Vorfeld gründlich untersucht“, erläutert Lendra Friesen.

Eignungstests für die Hörimplantation

Vor jeder Implantation wird abgeklärt, ob der Patient fit für den Eingriff ist und die medizinischen Kriterien erfüllt. Die Voruntersuchungen sind international oft unterschiedlich, sollten aber ungefähr Folgendes umfassen:

  • Hörtests: Dadurch wird festgestellt, ob die jeweilige Art des Hörverlusts mit einem Hörimplantat behoben werden kann
  • Medizinische Untersuchung: Sie gibt Aufschluss über den Gesundheitszustand des Patienten. Eine Röntgenaufnahme zeigt die Anatomie des Ohrs
  • Hörnervtest
  • Hörgerätsprüfung oder -test
  • Informationen und Beratung u.a. darüber, wie das Implantat funktioniert und über die Zeit nach der Implantation
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