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Hören ist nicht gleich Hören Der Unterschied zwischen Hören und Zuhören

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Mai 2020
In der Sammlung Kommunikation
Lesedauer: 6 Minuten

Es ist uns vielleicht nicht immer bewusst, doch es besteht tatsächlich ein Unterschied zwischen Hören und Zuhören: bei ersterem handelt es sich um eine Sinnesfunktion, bei zweiterem um eine Fähigkeit. Vergleichen wir es mit dem Atmen: wir atmen unbewusst, können aber auch bewusst atmen, etwa beim Yoga. Ja, wir atmen, ganz selbstverständlich - um zu überleben. 24 Stunden am Tag, instinktiv, sodass wir kaum innehalten, um unsere Atmung zu überprüfen oder sie uns bewusst zu machen. Doch wenn wir das tun, die Luft über die Nase einströmen lassen, das Zwerchfell füllen und die Luft - und den Stress - über den Mund wieder ausströmen lassen, dann fühlen wir uns verbundener und ruhiger.

Das gleiche gilt auch für unser Gehör. Obwohl unsere Ohren - abhängig von den individuellen Hörfähigkeiten - immer hören, kommt beim "Zuhören" ein anderes Bewusstsein und mit ihm eine andere Verbundenheit zustande. Man könnte sagen, es ist der Unterschied zwischen dem automatisierten und dem bewussten "Tun" unseres Körpers, wie wir es oft erleben: schnell etwas Essbares hinunterschlingen oder genüsslich, langsam kauend, Essen zum Erlebnis machen.

Atmen und essen sind isolierte Aktivitäten, die wir nur für uns durchführen. Wie wir atmen und essen, ob bewusst oder unbewusst, wirkt sich ausschließlich auf uns selbst aus. Beim Hören ist das anders. Dahinter verbirgt sich eine soziale Komponente. Es verbindet uns mit der Außenwelt und mit allen Menschen, mit denen wir in Kontakt treten. Es fördert unser gegenseitiges Verständnis, Toleranz, Respekt und Mitgefühl füreinander: es ist einer der Schlüsselfaktoren der Kommunikation, der das Überleben der Menschheit sicherstellte. Hören ist lebenswichtig.

Gehör

Wie das Hören funktioniert

Das Hören ist ein komplexer und faszinierender Vorgang. Unsere Ohren und unser Gehirn arbeiten eifrig zusammen, damit wir die Welt um uns herum hören können.

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Lärmbelästigung

In einer Welt, die immer hektischer und lauter wird, laufen wir Gefahr, das Zuhören zu verlernen. Von allen Seiten werden wir mit Lärm bombardiert. Nicht nur mit Alltagsgeräuschen wie Hupen, Verkehrslärm oder Hintergrundmusik, sondern auch mit Social Media, Schlagzeilen, Inseraten oder Leuchtreklamen. Nicht jede Verschmutzung nehmen wir über die Ohren wahr. Manches erreicht uns über die Augen. Der Effekt ist der gleiche: eine Welle an Informationen, die uns überflutet. Unser Gehirn steht vor der schwierigen Aufgabe, aus all den Informationen die wichtigen herauszufiltern: die Kakophonie von Reizen reduziert "Zuhören" auf "Hören".

Ein weiterer Nebeneffekt darf dabei ebenfalls nicht übersehen werden. Nicht nur das Zuhören wird schwierig, sondern auch das Gehörtwerden. Diese Tatsache, sagen manche Experten, führt dazu, dass die Menschen sich immer häufiger selbst in den Vordergrund drängen und ihre eigenen Ideen, Argumente, Ansichten und Meinungen möglichst laut hinausposaunen.

Auch hier ist der Zusammenhang zwischen akustischem Lärm und optischer Verschmutzung erkennbar. Social Media Plattformen wie Twitter oder Instagram, so sagt man, fördern das "Reden ohne Zuhören". Wir scrollen pausenlos durch Tweets, ohne bewusst aufzunehmen, was wir eigentlich lesen, posten unsere eigenen Tweets und beobachten gespannt unsere "Retweets". Wir blättern in Sekundenschnelle durch Instagram, ohne uns die Mühe zu machen, Bildunterschriften zu lesen, während wir unsere eigenen Bilder akribisch nachbearbeiten, posten und das Gefühl von dankbarer Genugtuung auskosten, wenn sie mit "Likes" versehen werden. Ein Spiegelbild vieler Interaktionen in unserer modernen Welt. Während unser Gegenüber spricht, überlegen wir uns bereits, was wir darauf antworten werden. Innerlich widerlegen wir die Ansichten unseres Gesprächspartners. Unterbrechen ihn vielleicht. Dieses "Zuhören" ist falsch. Denn eigentlich geht es lediglich um das Hören, und teilweise nicht einmal mehr um das. Der Fokus liegt auf dem Ich. Nicht auf dem Gesprächspartner und schon gar nicht auf seinen Worten oder Absichten.

Verlernen wir das Zuhören?

Vor Erfindung der Schrift musste sich die Menschheit auf das Sprechen und - damit untrennbar verbunden - auf das Hören verlassen. Das gesprochene und gehörte Wort, die mündliche Überlieferung, war es, mit der die Schöpfungsgeschichte, Bräuche und Gesetze von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Seither entwickelte der Mensch zahlreiche neue Methoden der Überlieferung, beginnend mit der Schrift bis hin zu heutigen Ton- und Videoaufnahmen. Die Notwendigkeit, zuzuhören, ganz bewusst und achtsam hinzuhören, schwand mit diesem Fortschritt. Wozu sich ein Rezept merken, das mir die Großmutter verriet, wenn ich es jederzeit in einem Buch oder im Internet nachlesen kann? Wozu ein Lied auswendig lernen, wenn ich mir jederzeit eine Aufnahme anhören kann?

Edgar Dale behauptet in seiner Erfahrungspyramide, dass die Menschen nur etwa 20 Prozent dessen, was sie hören, auch behalten. Wohlgemerkt betrifft diese Schätzung nur das Hören allein: in Kombination mit anderen Aktivitäten steigt diese Merkfähigkeit. Dales Modell entstand in den 1960er-Jahren. Doch wie sieht es heute aus? Haben wir beim schrittweisen Verlust der Fähigkeit, zuzuhören, auch unsere Merkfähigkeit eingebüßt?

Dass Aufmerksamkeitsspanne, Erinnerungsfähigkeit und Hörvermögen zusammenhängen, ist klar. Die Herausforderung an den modernen Menschen liegt darin, den Lärm auszublenden und die Konzentration auf die Feinheiten und Untertöne zu legen; aktiv und bewusst auf jene Hinweise und versteckte Botschaften zu hören, die einem Gespräch Bedeutung verleihen; die eigene Stimme, die eigenen Gedanken hintanzustellen, um zu hören, zu verstehen, abzuspeichern, zu verarbeiten und nachzudenken.

Genau hinhören

Experten erklären, dass die Art unseres Zuhörens von unseren eigenen Erwartungen, Erfahrungen, bestehenden Eindrücken und Vorurteilen geprägt ist. Diese Einstellung kann unsere Wahrnehmung beeinflussen und von dem ablenken, was unser Gesprächspartner eigentlich sagt oder sagen möchte. Deshalb müssen wir Achtsamkeit beim Zuhören üben.

Jon Kabat Zinn, emeritierter Professor der Medizin, versteht unter Achtsamkeit "auf bestimmte Art und Weise Acht zu geben, bewusst, im Jetzt, und nicht wertend." Die eigenen Reaktionen auf verschiedene Impulse zu erkennen und sie dann loszulassen. Beim Yoga oder der Selbstreflexion bedeutet das, vorrangig mit sich selbst zu kommunizieren. Im Kontext des sozialen Zuhörens müssen wir unsere Gedanken völlig loslösen und Ablenkungen von außen abwehren, um uns ausschließlich auf unseren Gesprächspartner, dessen Worte, Untertöne, Tonfall und Körpersprache zu fokussieren.

Das erreichen wir auf unterschiedliche Art und Weise. Wir verharren jeden Tag einige Minuten in Stille. Abseits des Lärms und der Hektik unseres Alltags können wir uns völlig den Geräuschen hingeben, die normalerweise darin untergehen: dem entfernten Rauschen der Autobahn, dem Zwitschern der Vögel im Garten, dem Knarren einer Holzdiele. Durch dieses regelmäßige Fokussieren entwickeln wir mit der Zeit die Fähigkeit, Feinheiten in der Sprache herauszuhören, auch wenn es rundherum nicht still ist. Eine weitere Methode, so Soundexperte Julian Treasure, ist es, sich auf ein bestimmtes Geräusch im Hintergrund einzustellen, auch wenn es rundum laut ist - etwa eine bestimmte Stimme in einem Restaurant. Oder sich einzelne Geräusche zu suchen, die zusammen eine ganze Lärmwand ergeben. Der Vergleich zu einer akustischen Weinverkostung liegt nahe: man nimmt das Gesamtwerk auseinander und entdeckt so die einzelnen Bausteine.

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Zuhören bedeutet Kommunikation und Verbundenheit

Aber warum ist das alles eigentlich wichtig? Wie erwähnt, ist Kommunikation für die menschliche Existenz unerlässlich. Daraus folgt, dass erfolgreiche Kommunikation für eine erfolgreiche menschliche Existenz unerlässlich ist. Am Arbeitsplatz bedeutet Erfolg Gewinnzuwächse, Geld und Karriere. Alles wichtig, ohne Zweifel. Doch in der alltäglichen Interaktion liegt der Fokus weniger auf Gewinn als auf Verbundenheit, die unsere psychische und emotionale Gesundheit steigert und damit unsere ganzheitliche Gesundheit. Der Redner fühlt Wertschätzung, der Zuhörer nimmt genauer wahr, die emotionale Intelligenz steigt auf beiden Seiten. Dies schafft letztendlich eine Welt, in der Individuen ihre eigenen Gedanken weiterhin verfolgen, während sie gleichzeitig weniger Ich-bezogen und dafür sanftmütiger, empathischer und aufmerksamer werden.

"Verbundenheit" ist wohl der wichtigste Begriff. Für Menschen mit Hörproblemen kann das Gefühl des Getrenntseins von der Außenwelt verstörend und beängstigend sein. Wenn alle Geräusche verschwommen klingen, wenn das Unterscheiden zwischen all diesen Geräuschen nur mehr ermüdet, verwundert der Wunsch nach Rückzug in die eigene "Klangblase" nicht. Einfach den Lärm ausblenden und den Stress des Hörens oder Zuhörens abbauen, indem man sich nach innen kehrt. Das Hören auf unsere innere Stimme ist wertvoll. Ebenso wichtig ist es allerdings, mit uns selbst und unseren Mitmenschen verbunden zu bleiben. Bevor wir gut zuhören können, müssen wir daher erst hören können. Hörverlust kann schwerwiegende Auswirkungen auf unsere Fähigkeiten als gute Zuhörer haben. Und die Verbundenheit durchschneiden.

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