Interview

Hören zum Anfassen und Begreifen Interview zum Welttag des Hörens mit Jutta Schlögl vom Deutschen Museum

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Februar 2019
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 8 Minuten

Um uns Menschen bewusst zu machen, wie kostbar das Ohr ist, hat die Weltgesundheitsorganisation den Welttag des Hörens ins Leben gerufen. Dieser findet jährlich am 3. März statt. Passend dazu lädt das Deutsche Museum in München zur Hör-Werkstatt ein. Wir haben dafür mit der Leiterin der Experimentier-Werkstatt, Jutta Schlögl, gesprochen.

Frau Schlögl, Sie sind Physik-Ingenieurin und leiten die Experimentier-Werkstatt im Deutschen Museum. Können Sie uns etwas über Ihren Lebenslauf verraten?

Gerne. Ich bin 1962 geboren und habe nach der Schule zuerst eine Ausbildung im Maschinenbau absolviert. Nach Technikerabschluss und ein paar Jahren in der Industrie habe ich Physikalische Technik studiert. Anschließend war ich für mehr als zehn Jahre mit eigenem Ingenieursbüro tätig. Seit 2007 bin ich beim Deutschen Museum.

Das ist ja etwas ganz anderes, als im eigenen Büro oder für einen Industriebetrieb zu arbeiten. Was ist das Besondere?

Das Deutsche Museum ist ein Ort der Wissenschaftskommunikation – mit 1,4 Millionen Besuchern jährlich. Eine wesentliche Aufgabe der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist es, komplexe Themen verständlich aufzubereiten – stark vereinfacht, aber immer noch korrekt. Modelle und Experimente sind zu entwickeln, kreative Ideen sind gefragt und Idealismus. In den Ausstellungsteams trifft man viele hochmotivierte und hochqualifizierte Idealisten. Wir sind zu dritt im Team: außer mir noch eine Physikerin und eine Elektrotechnik-Ingenieurin.

Vielleicht machen diese ungewöhnlichen Karrieren auch einen Teil des Erfolgs des Deutschen Museums aus? Was für eine Rolle spielen die Sinne in Museen?

Die unterschiedlichen Erfahrungen des kuratorischen Teams spiegeln sich mit Sicherheit in den Ausstellungen und Programmen eines Museums. In Deutschland widmen sich einige Museen und Sonderausstellungen speziell dem Thema „Sinne“. Dem Erfassen „mit allen Sinnen“ wird heute insgesamt mehr Wert beigemessen. Für das Deutsche Museum typisch waren in früherer Zeit die Knopfdruckexperimente: Experimente in Vitrinen hinter Glas konnte man mit Knopfdruck starten und zuschauen. Das hat sich gewandelt. In den Ausstellungen gibt es mehr interaktive Elemente: anfassen, fühlen, hören, ausprobieren. So werden auch die Belange von Menschen mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen bei den Planungen heute besser berücksichtigt.

Wie schaut es konkret mit dem Hören aus? Kommt das nicht manchmal zu kurz in der Museumspädagogik oder in Ausstellungen?

Dauerbeschallung in Ausstellungsräumen ist belastend für die Besucher und das Aufsichtspersonal – vor allem wenn die Räumlichkeiten akustisch nicht optimiert sind. Wir können ja nicht weghören, unser Gehör ist immer aktiv – auch nachts. Dabei ist das Gehirn spezialisiert auf die Entschlüsselung von Sprache, die können wir besonders schlecht ausblenden. Deshalb muss man mit Schallquellen in Ausstellungen sorgsam umgehen, Hörmuscheln oder Richtlautsprecher einsetzen.

Wie kam es zur Experimentier-Werkstatt?

Im Rahmen der Zukunftsinitiative des Deutschen Museums gab es Raum für neue Ideen, das war 2011. Mein Vorschlag für ein Techniklabor kam zusammen mit der Idee zu einer Physik-Werkstatt, so entstand das Projekt „Experimentier-Werkstatt“. Es war dann meine Aufgabe, ein Konzept für die Werkstatt inmitten der Ausstellungen zu entwickeln.

Können Sie das näher erklären?

Wir wollen die Neugierde und die Faszination für Naturwissenschaft und Technik fördern. Wir alle sind jeden Tag von Technik umgeben und benutzen Hightech-Geräte – können die Funktionen der Geräte aber meist nicht mehr verstehen. Früher wurden Dinge noch zu Hause repariert, heute wird gekauft und weggeworfen. Die Menschen entfremden sich von den Dingen.

Mit dem Konzept der Experimentier-Werkstatt versuchen wir, Themen wie Elektronik, Akustik oder Sensorik für alle zugänglich zu machen. Die Menschen sollen eine Ahnung davon bekommen, wie beispielsweise die Lichtschranke in der S-Bahn-Türe funktioniert.

In den Mittelpunkt stellen wir das eigene Tun der Besucher: auf eigenen Wegen experimentieren, eigene Ideen umsetzen, eigenhändiges Begreifen. Die Aha-Erlebnisse der Besucher oder die leuchtenden Augen von Kindern sind eine Bestätigung für unsere Arbeit.

Das heißt, die Experimentier-Werkstatt war zuerst. Und danach kam die Hör-Werkstatt?

Genauso. Die Hör-Werkstatt ist eines unserer Programme, damit gestartet sind wir 2017. Es war eine Anfrage von MED-EL und dem AUDIOVERSUM in Innsbruck, im Rahmen eines Wettbewerbs für Kinder – "Ideas4Ears" – mit dem Deutschen Museum zu kooperieren. Wir haben uns getroffen, ausgetauscht und das Team der Experimentier-Werkstatt ist nach Innsbruck gefahren. Dort konnten wir das AUDIOVERSUM ScienceCenter besichtigen, Experimente ausprobieren und bei MED-EL nach einem Firmenrundgang mit Experten sprechen. Heraus kam die Idee zu einem offenen Programm – der Hör-Werkstatt. Das hat für alle Beteiligten sehr gut zusammengepasst. Das AUDIOVERSUM hat uns für den Start Experimente ausgeliehen, andere haben wir nachgebaut und zusätzlich neue entwickelt. Wir hatten bereits gute Erfahrungen mit dem Format der „Offenen Werkstatt“, mit dem wir Erwachsene und Kinder gleichermaßen erreichen: Reinkommen und Mitmachen!

Der ideas4ears Wettbewerb

Beim ideas4ears Wettbewerb von Cochlea-Implantat Hersteller MED-EL soll die jüngste Erfindergeneration neue Ideen für Menschen mit Hörverlust einbringen, die deren Lebensqualität verbessern.

Mehr erfahren: https://www.ideas4ears.org/de/globaler-erfinderwettbewerb-fuer-kinder/

Aber die Idee, etwas mit Hören zu machen, hatten Sie vorher?

Die Akustik stand auf unserer Agenda, aber noch unkonkret. Als MED-EL auf uns zukam, war es die Chance für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Wir konnten den Herstellungsprozess der Implantate sehen und Experten befragen. Wir haben die besondere Geschichte von Geoffrey Ball, Chefentwickler bei MED-EL in Innsbruck, erfahren.

Geoffrey Ball war auch Schirmherr des Wettbewerbs „Ideas4Ears“ – der MED-EL-Erfinder-Wettbewerb in Kooperation mit der neu eingerichteten Hör-Werkstatt im Deutschen Museum.

Ja, er war auch bei der Eröffnung der Hör-Werkstatt zu einem Gespräch mit unserem Generaldirektor Prof. Heckl dabei, was uns wirklich sehr gefreut hat. Als Kind hatte er einen schweren Hörverlust erlitten und später als junger Forscher das Mittelohrimplantat VIBRANT SOUNDBRIDGE entwickelt. Cochlea-Implantate von MED-EL können in der Hör-Werkstatt inspiziert werden: anfassen, einen Eindruck bekommen wie man damit hört und das Übertragen der Signale zum Implantat verstehen. Das Deutsche Museum zeigt eben nicht nur Historisches sondern ist stets am Puls der Zeit.

Geoffrey Ball im Deutschen Museum
Eröffnung Hörwerkstatt am 31. Mai 2017, Herr Prof. Wolfgang M. Heckl im Gespräch mit Prof. Geoffrey Ball.
© Deutsches Museum

Wie nehmen die Besucher die Hör-Werkstatt an? Und sind genauso viele Mädchen wie Jungen da?

Die Hör-Werkstatt wird sehr gut angenommen, es ist ein sehr beliebtes Programm, ich kann ein paar Zahlen nennen: 2017 und 2018 hatten wir die Hör-Werkstatt an 40 Tagen jeweils drei Stunden geöffnet. Insgesamt kamen mehr als 5600 Besucher, im Schnitt 45 Besucher pro Stunde! Es waren fast ebenso viele Kinder wie Erwachsene, Jungen und Mädchen in ähnlicher Anzahl. Zusätzlich hatten wir etwa 350 Kinder und Erwachsene in gebuchten Workshops „Hört! Hört!“ Und bei den Münchner Wissenschaftstagen haben wir mit den Workshops „Ganz Ohr“ die Themen Arbeitswelten und Hören verknüpft. Schließlich spielt das Ohr für die Kommunikation in der Arbeitswelt eine wichtige Rolle. Wir haben Lärm thematisiert, Hörschädigungen durch Lärm und wie man sich davor schützen kann.

Wie sieht es mit den weiteren Sinnen in der Hör-Werkstatt aus?

In der Hör-Werkstatt kann man Sehen, Hören, Fühlen…

Die Besucher experimentieren selbständig an den Stationen, können aber mit „Explainern“ sprechen und Fragen stellen. Einige Versuche sind ganz auf das Hören ausgerichtet, beispielsweise kann man sich virtuell in einen Friseurladen versetzen lassen. Durch die spezielle Aufnahmetechnik mit mehreren Mikrophonen kann man den Raum wahrnehmen und Geräusche an verschiedenen Stellen lokalisieren.

Es gibt einen sehr einfachen Hörtest und man kann sich einen Eindruck von der Akustik eines schallgedämpften Raumes im Vergleich zum ungedämpften verschaffen. Wie höre ich mit Gehörschutz oder gar mit Active-Noise-Cancelling-Kopfhörern? Es gibt Hörschläuche mit Trichtern, so kann man rechtes und linkes Ohr vertauschen. Oder ein Stethoskop ausprobieren: Was hört eigentlich die Ärztin, wenn sie es auf die Brust hält?

Hör-Werkstatt
Hörschläuche mit Trichtern "vertauschen" rechtes und linkes Ohr. Hierbei merkt man, wie wichtig das Richtungshören ist.
© MED-EL

Oft sind mehrere Sinne im Einsatz: Das Ohrmodell wird mit den Augen bestaunt, mit den Fingern betastet und auseinandergebaut.

Die stehende Welle an einem Gummiseil kann beobachtet und angefasst werden.

Beim „Knochenleitungshören“ passiert es mitunter, dass ein Kind der Mama oder dem Papa sagt: „Das musst Du ausprobieren, ich zeig Dir wie es geht...“ Man kurbelt an einer kleinen Musikorgel und nimmt über das aufgestützte Kinn oder einen Holzspatel, auf den man mit den Zähnen beißt, die Musik über die Knochenleitung wahr. Das zaubert auch den Erwachsenen ein Leuchten in die Augen: ausprobieren und begreifen, wie es funktioniert. Warum beispielsweise kommt einem die eigene Stimme auf einer Tonaufnahme unbekannt, zu hoch, vor? Weil man sie normalerweise sowohl über den Luftschall wie auch über die Knochenleitung hört. Und damit tiefer. Die Aufnahme zeichnet aber nur den Luftschall auf und kommt uns deshalb fremd vor.

Viele der genannten Experimente haben wir vom AUDIOVERSUM ScienceCenter übernommen oder in ähnlicher Form aufgebaut.

Was haben Sie beispielweise selbst entwickelt?

Mit zwei Spulen kann man in einem Experiment nachspüren wie die Energie und das Signal vom äußeren Teil des Hörsystems zum Implantat gelangt: über Induktion, ähnlich wie beim Laden einer elektrischen Zahnbürste. Oder die Schallplatten-Station: Gelingt es, den Papiertrichter mit der Nadel so zu platzieren, dass die Musik der Schallplatte deutlich hörbar erklingt?

So kann man auf spielerische Weise in die Welt des Hörens eintauchen, sich aber auch mit physikalischen Phänomenen auseinandersetzen und Hightech kennenlernen. Das kommt gut an, es gibt großen Andrang in den Öffnungszeiten, diese sind auf der Webseite zu finden:
https://www.deutsches-museum.de/experimentier-werkstatt

Schließen

Mehr aus der Sammlung Sound

Artikel

Videos

Externer Inhalt

Verwandte Sammlungen

Mehr aus der Sammlung

Explore Life bietet Ihnen eine bunte Vielfalt an Inhalten mit dem Schwerpunkt: Hören. Begeben Sie sich auf Erkundungstour durch Artikel, Interviews, Video-Material und mehr.