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Hör-Übung macht den Meister Warum die Rehabilitation nach einer CI-Operation besonders wichtig ist

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Februar 2021
In der Sammlung Rehabilitation
Lesedauer: 4 Minuten

Ein Cochlea-Implantat ist noch keine Garantie für gutes Hören. Im ersten Jahr nach der Implantation muss viel geübt werden, denn das Gehirn hat sich während des Hörverlusts verändert. Mit Rehabilitation wird das Hörzentrum optimal gefordert und gefördert.

Die Reha samt ihren Höhen und Tiefen

„Ich weiß nicht, ich glaub, das wird nix mehr,“ antwortet Josef Vorauer leicht bedrückt auf die Frage, wie es ihm mit dem Üben zu Hause gegangen ist. Gerade kommt er vom Hörtest zurück; begleitet von Lisa Niederwanger, Logopädin in der HNO-Abteilung des Klinikum Wels-Grieskirchen in Österreich. Er hat mit Mitte 70 ein Cochlea-Implantat (CI) am linken Ohr bekommen. Damit er bald wieder gut hört und sich an das Implantat gewöhnt, geht er zur Rehabilitation. Er war eine Zeitlang nicht hier, nachdem er zuvor alle zwei Wochen ein Hörtraining in der HNO-Abteilung absolviert hat. Nach der längeren Pause hat die Logopädin mittels Hörtest den Status quo überprüft, um die Übungen darauf abzustimmen.

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Momente der Resignation wie diese sind nicht selten während einer CI-Rehabilitation. Die Erwartungen der Patienten liegen meist sehr hoch. Zwar klären Ärzte, Logopäden und Techniker darüber auf, dass es bis zu einem Jahr dauern kann, bis das Verstehen auch in schwierigen Situationen funktioniert, etwa beim Telefonieren oder bei Hintergrundlärm, aber jeder Patient hofft insgeheim, dass es bei ihm schneller geht. „Nicht aufgeben. Sie sind schon weit“, ermuntert die Logopädin, bevor sie mit dem Hörtraining beginnt. „Sie machen mir immer Hoffnung“, erwidert Herr Vorauer mit einem leichten Seufzer.

Reha
Logopädin Lisa Niederwanger liest während des Hörtrainings Wörter, Sätze und Zahlen vor.
© Alexandra Rotter

Lippenlesen ist verboten

Beim Hörtraining liest die Logopädin Wörter, Sätze und Zahlen vor und lässt sie Herrn Vorauer nachsprechen. Da er auf dem rechten Ohr noch hört, wird dieses während der 45 Minuten langen Übungseinheit per Kopfhörer durch ein rauschendes Störgeräusch außer Kraft gesetzt. So wird nur das taube Ohr trainiert. Erschwerend kommt dazu, dass sich Niederwanger beim Vorlesen einen Fächer vor den Mund hält – mit Lippenlesen kann sich Herr Vorauer also nicht helfen. Das erste Wort, Teddybär, versteht er nicht – auch nicht ohne Fächer vor dem Mund. Erst ohne Störgeräusch funktioniert es.

„Es gibt viele Möglichkeiten, die Übungen komplexer zu gestalten“, sagt Vanessa Hoffmann, die für den Implantathersteller MED-EL von Deutschland aus Unterlagen, CDs und andere unterstützende Materialien für die Rehabilitation entwickelt. Ihr zufolge macht es etwa einen großen Unterschied, ob in einem so genannten Closed Set oder in einem Open Set gearbeitet wird. Beim Closed Set weiß der Patient, um welches Thema es geht. „Ein Open Set ist wesentlich schwieriger“, sagt Hoffmann: Das Thema ist inhaltlich nicht eingegrenzt.

Erfolgserlebnisse steigern die Motivation

Während der Rehabilitation und selbst während einzelner Übungseinheiten kommen beide Formen zur Anwendung. Weil das Open Set für Herrn Vorauer offenbar zu schwierig ist, wechselt Niederwanger zum Closed Set und sagt ihm, das Wort Teddybär komme in den folgenden Sätzen vor. Den ersten Satz wiederholt er wie aus der Pistole geschossen: „Lisa bekommt einen Teddybär.“ Das Erfolgserlebnis motiviert ihn so sehr, dass auch die nächsten Sätze tadellos funktionieren.

Die Logopädin konnte Herrn Vorauer die Unsicherheit nehmen – und mit wenigen Ausnahmen und ein paar Momenten der Unkonzentriertheit läuft die Einheit ab jetzt gut. Unterstützung von anderen kann den Fortschritt einer Rehabilitation auch im Alltag beschleunigen. Vor allem Familie und Freunde sind hier gefragt. Bei taub geborenen Kindern ist etwa die Hilfe der Eltern entscheidend. Donna Sperandio, Topic-Managerin für Rehabilitation bei MED-EL, nennt ein Beispiel: „Um die Aufmerksamkeit ihres Kindes zu gewinnen, haben die Eltern es berührt oder mit den Händen gewunken. Nach der CI-Implantation müssen sie dieses Verhalten ändern und zuerst den Namen des Kindes sagen.“

Reha
Josef Vorauer ist seit Februar 2014 auf dem linken Ohr implantiert. 40 Minuten, nachdem er beim Hörtest „Robbe“ statt „Glück“ verstanden hat, ist klar: „Übung macht den Meister.“
© Alexandra Rotter

Unterstützung von allen Seiten

„Es gibt eine Riesenliste, die den Erfolg einer Rehabilitation beeinflussen kann“, sagt Vanessa Hoffmann. Dazu gehören etwa die Art und der Zeitpunkt der Ertaubung und die Dauer des Hörverlusts. „Die meisten Erwachsenen sind taub geworden“, sagt Topic-Managerin Donna Sperandio. „Je länger die Phase, in der sie nichts gehört haben, umso schwieriger ist der Prozess, denn das Gehirn verändert sich in dieser Zeit.“ Mindestens ebenso wichtig sind der Rückhalt durch das soziale Umfeld und die eigene Motivation. Und wenn all diese Faktoren erfüllt sind? „Selbst dann reicht es nicht, einmal pro Woche für 45 Minuten zur Hörtherapie zu gehen“, sagt Vanessa Hoffmann.

Wie beim Lernen einer Sprache oder eines Instruments stellt sich der Erfolg durch Üben ein – sowohl im Alltag als auch zu Hause mit Lern-CDs und Textbüchern. Es ist viel Geduld gefragt, und auch kleine Fortschritte dürfen gefeiert werden. Wenn nicht mehr nur die Logopädin aufmuntert, sondern auch der Patient stolz auf seine Leistung ist, ist schon viel erreicht. Herr Vorauer jedenfalls wirkt 40 Minuten, nachdem er beim Hörtest 88 statt 48 und Robbe statt Glück verstanden hat, wie ausgewechselt. Er strahlt: „Übung macht den Meister.“

Über die CI-Anpassung

Bevor mit dem Hörtraining begonnen werden kann, muss das Cochlea-Implantat (CI) individuell auf den Patienten eingestellt werden.

Drei bis vier Wochen nach der Implantation erklärt ein MED-EL-Techniker bei der Erstanpassung den Umgang mit dem CI und nimmt die erste Grundeinstellung vor. Zunächst wird das Gerät eingeschaltet – der Patient hört in der Regel nur Geräusche. Um sich an Höreindruck und Lautstärke zu gewöhnen, ist die erste Einstellung noch sehr leise. In den folgenden Wochen schaltet der Patient auf lautere Programme vor – bis zur höchstmöglichen Lautstärke. Bei weiteren Anpassungen wird die Lautstärke erweitert und die Einstellung optimiert. Ist der Patient zufrieden und sind die audiologischen Kriterien erfüllt, kann es mit dem ersten Hörtraining losgehen.

MED-EL

Tipps und Tricks

MED-EL, einer der führenden Hörimplantathersteller, hat eine 'Rehab At Home'-Rubrik auf seinem Blog erstellt. Dort sind weiterführende Informationen zur Rehabilitation zu finden, sowie nützliche Tipps und Tricks darüber, wie man den Reha-Erfolg verstärken kann.

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