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Ich wurde nie wie ein Wunderkind behandelt
Stargeiger Julian Rachlin über seine frühen Kindheitserinnerungen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 02.01.2018
In der Sammlung Kinder
Lesedauer: 6 Minuten

Ihre Eltern sind 1978 mit Ihnen von Vilnius nach Wien geflohen. Warum dieser radikale Schritt?

Meine Eltern haben die Sowjetunion verlassen, um ihrem Sohn ein besseres Leben zu verschaffen. Ich war damals zwei Jahre und neun Monate alt. Meine Eltern galten als Verräter der UdSSR; an der sowjetischen Grenze hat man ihnen die Pässe abgenommen. Sie waren bereit, von Null zu beginnen. Ich bin ihnen wahnsinnig dankbar dafür.

Warum sind Sie in Wien geblieben?

Meine Eltern sind ausgebildete Musiker. Meine Mutter ist Pianistin und Dirigentin, mein Vater Cellist. Ihr Traum war es, in Wien, dem Mekka der klassischen Musik, zu bleiben.

Hatten Sie Kontakt zu anderen Familienmitgliedern, die in der Sowjetunion geblieben sind?

Meine Eltern konnten bis 1990, also bis zur Perestroika, niemanden in der Heimat besuchen. Mein Vater konnte nicht zum Begräbnis seiner Mutter fahren. Das ist heute fast unvorstellbar. Doch sie haben mir dadurch unglaubliche Möglichkeiten geschaffen, mich zu entwickeln. Ich konnte in einer freien Welt aufwachsen, wo der Mensch im Vordergrund steht, wo man studieren kann, egal welcher Rasse und Religion man angehört.

© ELKE MAYR

Unter welchen Bedingungen haben Sie in der ersten Zeit nach der Flucht gelebt?

Am Anfang war es sehr schwierig. Wir haben nichts gehabt und wohnten in einer winzigen Kellerwohnung ohne Fenster. Ich habe nicht dasselbe Spielzeug bekommen wie andere Kinder. Trotzdem war ich ein sehr glückliches Kind und habe nur die allerbesten Erinnerungen an meine Kindheit.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?

Schon mit zweieinhalb Jahren war ich fasziniert von klassischer Musik. Damals bin ich zur Geige gekommen, aber das war für mich eher ein Spielzeug. Ab dem sechsten Lebensjahr habe ich ernsthaft begonnen, mit einem Lehrer Geige zu lernen. Es war ein gewisses Talent da, aber wichtiger war meine Neugierde, immer einen Schritt weiterzugehen. Klassische Musik war für mich wie der spannendste Thriller. Ich weiß nicht warum, aber die Freude an der Musik und der Hunger, mich weiterzuentwickeln, waren immer da.

© ELKE MAYR

Hat die Tatsache, dass Ihre Eltern Musiker waren, keine Rolle gespielt?

Musik war immer im Haus, und davon wurde ich angesteckt. Meine Eltern haben mich aber nicht gezwungen, ein Instrument zu lernen. Im Gegenteil, ich musste darum betteln. Sie hatten andere Probleme, als für mich einen Lehrer zu finden und haben meinen Wunsch am Anfang nicht ernst genommen. Als sie gesehen haben, dass der Kleine das wirklich will, haben sie mich gefördert. Und das Wichtigste: Sie haben mir Liebe gegeben, weil ich ihr Kind bin, nicht weil sie etwas aus mir machen wollten. Das ist auch das Geheimnis meines Erfolgs und warum ich Musik noch immer so gern habe. Ich kenne viele Fälle, wo Eltern krankhaft versuchen, aus den Kindern etwas zu machen.

Wie hat die Musik Ihren Alltag als Kind beeinflusst?

Die Musik hat mein ganzes Leben wunderbar beeinflusst. Als Kind habe ich alles gemacht, was andere Kinder auch gemacht haben. Ich bin weggegangen, war Fußball spielen, bin ins Kino gegangen – nur hatte ich täglich drei Stunden weniger Zeit, weil ich geübt habe. Aber ich habe das nicht als Arbeit empfunden. Seit meinem 13. Lebensjahr reise ich in der Welt herum. Damals habe ich für Österreich den „Young Musician of the Year Award“ bei der „Eurovision Competition“ in Amsterdam gewonnen. Das ist so etwas wie der Songcontest für klassische Musik. Das wurde in ganz Europa live übertragen. So begann meine Karriere über Nacht.

Was hat der Sieg verändert?

Ich habe begonnen, mit großen Orchestern und Dirigenten zu arbeiten. Man muss sich das vorstellen: ein 13-jähriges Kind, das auf einmal zum Star wird – das war eine große Herausforderung. Am Anfang habe ich zirka 20 Konzerte pro Jahr gespielt.

Konnten Sie in der Schule noch Ihre Leistung bringen?

Ich habe meine Pflicht absolviert. Die Lehrer und Direktoren wussten, dass ich nicht immer in der Schule sein konnte und haben mich unterstützt. Es war klar, dass ich nicht sehr gut sein würde, aber ich habe auch keine Fünfer produziert. Ich war ein mittelmäßiger Schüler.

Es ist schwer vorstellbar, nach so einem Erfolg noch eine „normale Kindheit“ zu haben.

Ich wurde nie wie ein Wunderkind behandelt, nur weil ich ein außergewöhnliches Talent hatte. Meine Eltern haben die Balance zwischen normaler und abnormaler Kindheit sehr gut gesteuert und mich mit menschlichen Werten großgezogen. Ich habe zwar etwas Anderes gemacht, aber das ist mir nie zu Kopf gestiegen.

Hatten Sie auch Hobbys abseits der Musik?

Natürlich. Ich habe mich immer für Sport interessiert, wichtige Tennismatches oder Formel-1-Rennen angeschaut, auch wenn ich am nächsten Tag einen Auftritt hatte. Ich liebe das Kino, schwimme jeden Tag eine halbe Stunde lang und bin leidenschaftlicher Tennisspieler. Sport ist ein wunderbarer Ausgleich und es gibt Parallelen: Für einen Solisten ist Musik nicht nur Kunst, sondern vergleichbar mit Spitzensport. Auch ich muss stundenlang auf Perfektion hinarbeiten und auf den Punkt meine Hochleistung abrufen, egal, wie es mir geht, wie ich geschlafen habe und ob meine Oma krank ist. Und die Musik ist auch mein Hobby, denn ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Hatten Sie als Kind Vorbilder?

Ja, in der Musik zum Beispiel Leonard Bernstein, der Cellist Mstislaw Rostropowitsch und der Pianist Vladimir Horowitz, aber auch Udo Jürgens, mit dem ich 20 Jahre eng befreundet war. Auch Hans Krankl, Niki Lauda und Thomas Muster waren Riesenidole. Mit allen Idolen verbindet mich eine Freundschaft: Mit Hans Krankl, Sean Connery, Roger Moore oder Billy Joel, mit dessen Bruder Alex ich in Wien studiert habe.

Wollen Sie selbst etwas von Ihrer Musikbegeisterung an den Nachwuchs weitergeben?

Unbedingt. Ich bin seit 16 Jahren Professor an der „Konservatorium Wien Privatuniversität“. An dem Tag, als ich dort als Schüler abgeschlossen habe, war ich schon Professor: Bei meiner Diplomprüfung hat mir der Direktor das Klassenbuch des Professors überreicht.

Leben Sie nach wie vor gerne in Wien?

Wien ist eine der lebenswertesten Städte. Ich bin seit 1982 stolzer Österreicher und fühle mich hier zu Hause. Die Regierung hat es damals Familien wie uns ermöglicht, sich hier einzuleben. Wir haben uns auch sofort integriert und die Sprache gelernt. Es war wunderbar, in einer Welt aufzuwachsen, wo menschliche Werte an erster Stelle stehen. Geschichtlich ist Österreich ja ein Melting Pot. Was ist schon ein Österreicher? Immer ein Gemisch. Für mich ist es wunderbar, wenn man in einem Land respektvoll miteinander umgehen kann.

Fühlen Sie sich fremd, wenn Sie auf Tour sind?

Ich bin zirka 250 Tage im Jahr in der Welt unterwegs und spiele 100 bis 120 Konzerte. Ich bin überall ein Fremder, aber gleichzeitig auch überall zu Hause. Wir leben auf einem wunderschönen Planeten. Für mich ist die Erde eigentlich nur ein Land – mit unterschiedlichen Traditionen, Kulturen und Religionen. Es gibt nur nette und weniger nette Menschen. Ich versuche, den Menschen mit einem guten Herzen meine positive Energie zu geben. Woher sie kommen, ist uninteressant.

Schon im Alter von zweieinhalb Jahren war der Stargeiger Julian Rachlin von klassischer Musik fasziniert. Bis er Geigenunterricht bekam musste er bei seinen Eltern allerdings lange betteln – nicht zuletzt, weil sie sich Musikstunden nicht leisten konnten, erzählt er im Gespräch mit Alexandra Rotter.

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