Bericht

Im Sauseschritt

Je älter wir werden, umso schneller verfliegt die Zeit. Doch was wegfliegt, lässt sich auch wieder einfangen.

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018

Je älter wir werden, umso schneller verfliegt die Zeit. Doch was wegfliegt, lässt sich auch wieder einfangen.

Verena Ahne von Verena Ahne
In der Sammlung Alter
Lesedauer: 3 Minuten

Im Sommer

war ich mit meiner Familie in den Bergen. Im Rückblick betrachtet erscheint mir diese eine Woche sehr lang, voll mit Bergluft, Pilze-Sammeln, knackendem Feuer im Ofen ... Und dann der magische Moment, als wir nach langem, steilem Aufstieg ein Hochplateau erreichten. Vor uns lag in vollkommener Ruhe ein schwarzer See. Kein Lüftchen regte sich. Ein paar Fische auf ihrer Jagd nach Insekten kräuselten das Wasser, sonst war nichts zu hören. Seither sind Monate vergangen. Doch während die Almerlebnisse breiten Raum einnehmen in meinem Gedächtnis, fehlen mir an die Wochen danach Erinnerungen. Es war Alltag – und wie im Flug war die Zeit vorbei.

Monotonie verkürzt die Zeit

„Bei Monotonie bildet das Gehirn keine Gedächtnisinhalte“, erklärt Zeitforscher Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg, Deutschland, jenes Phänomen, das alle Erwachsenen von Neuseeland bis Alaska kennen: „Wenn ich Woche für Woche immer dasselbe mache, morgens zur Arbeit, den Abend vor dem Fernseher, und ich blicke dann auf dieses Jahr zurück, erscheint mir die Zeit schnell vergangen. Monotonie führt zu einer Verkürzung der erlebten Zeitdauer.“ Kinder und junge Menschen dagegen leben noch in Zeit-Überfülle: Jeden Tag sehen, hören, schmecken, fühlen sie Neues, das sich bunt und bleibend in ihr Gedächtnis gräbt. Die Erinnerungen an die frühen Lebensjahre dehnen sich im Rückblick denn auch unendlich in die Länge.

Mit den Jahren und zunehmender Erfahrung werden tiefgreifende Erlebnisse zwangsläufig seltener: Der erste Kuss bleibt unvergessen. Aber der tausendste Gute-Nacht-Kuss in einer langjährigen Ehe? Und je seltener die Highlights werden, umso schneller dreht sich auch das Karussell der Zeit. Kleine Beruhigung: Mit etwa 60 ist ein Plateau erreicht, fand Wittmann in einer Studie. „Ab da gibt es zwar keine Verlangsamung, aber auch keine Beschleunigung mehr.“

Doch wie den Kreisel stoppen? Mit einem abwechslungsreichen Leben! Neues lässt Gedächtnisinhalte sprießen, was die Zeit dehnt – selbst wenn es nicht mehr möglich ist, das Zeitempfinden eines Kindes oder Teenagers zu erlangen. „In den vier Jahren zum Beispiel zwischen 12 und 16 passiert entwicklungspsychologisch so viel, das kann im Alter von 42 bis 46 nicht mehr erfahren werden“, betont Wittmann.

Junger Familienvater mit Kind
Wer die Welt mit Kinderaugen sieht, für den ist Zeit kein Thema. Dann ist das Leben voll - und der jeweilige Moment sowieso.
© Shutterstock

Die Routine durchbrechen

Trotzdem wird das Verrinnen der Zeit entschleunigt, wenn wir Routinen unterbrechen. Das können Kleinigkeiten sein: eine fremde Person auf der Straße ansprechen, mit einer unbekannten Buslinie einmal im Kreis fahren, beim Einkauf vom immer gleichen Weg abweichen. Vielleicht wollten Sie schon immer eine neue Sprache, ein Musikinstrument, ein Handwerk lernen? Gehen Sie’s an! Auch Reisen bereichert – und das muss keine Weltreise sein: Neues erleben Sie auch auf einer touristischen Tour durch die eigene Stadt, beim Trampen ins übernächste Dorf oder dem Besuch einer für Sie ungewöhnlichen Veranstaltung.

Besonders nachhaltig wirken Gefühle: Sie schreiben sich ins Gehirn und damit auch ins Zeit-Erleben. Wer sich engagiert, wer hilft, am Leben anderer teilnimmt und andere am eigenen Leben teilnehmen lässt, wird mit intensiven, lang erinnerbaren Momenten belohnt.

Den Moment erleben

Eine Portion Kulturkritik hat der Zeitforscher auch parat: „Vor allem im Westen leben wir viel zu sehr auf Ziele in der Zukunft orientiert.“ Ständig angetrieben von Zielen wie Sicherheit, Wohlstand, Karriere, hätten wir verlernt, gegenwärtig zu leben. Und dieser Mangel an „Präsenzerleben“ befördere die Zeitbeschleunigung gewaltig. Kein Wunder: Wer mit dem Kopf immer woanders ist, nimmt das Hier und Jetzt nicht wahr: den Geschmack des Essens, die goldenen Sonnenstrahlen auf der Haut, die Emotionen des Gegenübers am Tisch – oder die eigenen Gefühle. Ohne Wahrnehmung und Erleben kann das Gehirn aber keine Erlebnisinhalte bilden – und die Zeit schrumpft. „Bewusst erlebte sinnliche Erfahrungen hingegen führen zu Zeitdehnung.“

Halten Sie also immer wieder inne im Zeitrausch: Schließen Sie die Augen, achten Sie auf Ihren Atem, hören, fühlen, schmecken Sie – widmen Sie sich achtsam Ihrer Gegenwärtigkeit. Oder nehmen Sie ein kleines Kind an der Hand und machen mit ihm einen Spaziergang. Denn die Welt mit Kinderaugen sehen heißt, ihre Wunder neu entdecken.

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