Interview

"Ins Leben zurückkehren. Das ist wichtig."
Taubheit ist für Linnea Bergling kein Grund, ihre Finger von der Musik zu lassen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: März 2019
In der Sammlung Musik
Lesedauer: 3 Minuten

Die schwedische Opernsängerin Linnea Bergling machte Karriere; sang an großen Opernhäusern, in Ensembles für Alte Musik, tourte, bekam zwei Kinder. Wurde taub. Seit einigen Jahren hört sie wieder: mit Cochlea-Implantat. Bergling erzählt, wie sie ihren Hörverlust wahrgenommen hat und wie die Welt nun für sie klingt.

Linnea, Sie spielen seit Ihrem fünften Lebensjahr Klavier, haben rund 30 Jahre lang in Ensembles und Opernhäusern gesungen, Karriere gemacht. Ihr Gehör hat seit Ihrem 21. Lebensjahr sukzessive nachgelassen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Als ich im Royal College of Music in Stockholm mit dem Studium begann, hatte ich eine schlechte Hörleistung am linken Ohr. Ich ließ mich davon nicht beirren, studierte weiter und startete meine Karriere. Mit 30 habe ich das Gehör auf meinem linken Ohr verloren. 2006, mit 53 Jahren, auf dem rechten. Ich hatte die Jahre davor viel gearbeitet. Plötzlich verschwanden die Töne; ganz so, als wenn Sie das Radio abschalten.

Unmittelbar danach konnte ich weder gehen noch denken, weil mein Gehirn so müde war. Ich zog mich zurück, trat aus allen Ensembles aus und hörte auf zu unterrichten. Ich ging spazieren und sang, um die Taubheit zu vertreiben. Ein Monat später entwickelte ich Tinnitus auf beiden Ohren, einige Wochen darauf bekam ich Musikhalluzinationen. Ich hörte Wagner in meinem Kopf, ununterbrochen. Es brauchte ein Jahr, bis die Halluzinationen verschwanden. Den Tinnitus habe ich nach wie vor – allerdings maskiert das Cochlea-Implantat die Ohrgeräusche.

In den vier Jahren von der vollständigen Taubheit bis zur Implantation habe ich viele Kontakte zur Außenwelt abgebrochen. Kurz nach dem Hörverlust habe ich mich geschämt, die Musik nicht mehr richtig hören zu können. Ich war sehr allein und wütend.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum gerade Sie das Gehör verlieren?

Natürlich. Dass ich mit absolutem Gehör das Gehör verliere ist ironisch. Den wahren Grund für meine Taubheit kenne ich nicht. Es liegt wohl in den Genen: Mein Vater hörte schlecht, meine Großmutter auch. Wenn ich nicht so intensiv gelebt hätte, mehr auf mich geachtet, keine Karriere gemacht hätte, …

Seit 2010 tragen Sie ein Cochlea-Implantat. Wie haben Sie die Zeit nach der Operation erlebt?

Für mich war es natürlich am Wichtigsten, überhaupt wieder hören zu können. Aber ich war auch neugierig, wie sich Musik anhören würde. Am ersten Tag habe ich meine Stimme getestet. Dann das Klavier. Es hörte sich damals noch sehr mechanisch an. Am vierten Tag habe ich meinen Mann gebeten, Kinderlieder für mich zu singen. Ich konnte sie schon damals richtig hören. Im ersten Jahr spielte ich sehr langsam Klavier, langsame Kinderlieder. Nur mit einer Hand, ganz einfache Melodien. Danach spielte ich eineinhalb Jahre ein und dasselbe Klavierstück. Das Gehirn muss sich an das neue Hören gewöhnen. Das ist wichtig – und es funktioniert.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seitdem Sie das Implantat tragen?

Ich fühle mich viel besser als vor drei Jahren. Nach der Implantation habe ich begonnen, unser Haus auszumalen. Ich halte wieder Vorlesungen, unterrichte Audiologie-Studenten und berichte dabei über meine Erfahrungen mit Musik und CI. Ich gehe viel spazieren und achte besser auf mich als früher.

Wie hört sich Musik heute für Sie an?

Es ist nicht wie vor dem Hörverlust. Aber ich kann das Klavier heute gut hören, auch Singstimmen wie die meines Sohnes. Er hat eine tiefe Stimme. Schwieriger zu verstehen ist komplexe Musik wie Symphonien, aber nach drei Jahren mit Implantat wird es immer einfacher, einzelne Instrumente zu erkennen.

Wenn Sie sich Ihr Leben in fünf Jahren vorstellen: Wie könnte es aussehen?

Seit ich das Implantat trage, schreibe ich meine Gedanken und Empfindungen nieder. Ich möchte ein Buch über meine Geschichte schreiben.

Drei Worte, die ihr bisheriges Leben beschreiben:

Karriere, Familie, Taubheit.

Und drei Worte für die Zukunft.

Da gibt es mehr als drei. Zuversicht, Vertrauen, Hoffnung, Teilhabe am sozialen Leben, Dankbarkeit, Inspiration, Glaube. Und: Ins Leben zurückkehren, das ist wichtig.

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