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Je früher desto gut

Mit Cochlea-Implantaten erreichen viele gehörlose Kinder eine Hör- und Sprachfähigkeit, die Staunen macht. Voraussetzung dafür ist eine sehr frühe Operation.

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 08.02.2018

Mit Cochlea-Implantaten erreichen viele gehörlose Kinder eine Hör- und Sprachfähigkeit, die Staunen macht. Voraussetzung dafür ist eine sehr frühe Operation.

Verena Ahne von Verena Ahne
In der Sammlung Sound
Lesedauer: 5 Minuten

Es rattert

und knattert, fiept und rauscht: Simulationen der Geräusche, die ein Cochlea-Implantat (CI) im Kopf erzeugt, sind uns so genannten Normalhörenden unangenehm. Und auch für viele Menschen, die eben erst ein CI erhalten haben, klingen die Töne der Welt fremd und hart, blechern und künstlich – wie ein Zug in der Nacht, eine Halle stampfender Maschinen; wo gesprochen wird, kann Darth Vader einpacken.

Aber das Gehirn, diese Wundermaschine, kann damit umgehen. Schritt für Schritt lernt es, dem Soundteppich Information zu entlocken, Sprache herauszufiltern. Einzelne Stimmen zu unterscheiden. Sie Personen zuzuordnen. Sogar Musik zu hören. Das braucht viel Übung und Geduld. Doch dann, mit einem Mal, erwachsen aus dem Rattern und Knattern, dem Fiepen und Rauschen ganze Hör-Welten.

Hören, wo früher nichts als Stille war. Ohne Zweifel haben die Implantate für Menschen, die (beinahe) gehörlos geboren oder es im Laufe ihres Lebens geworden sind, die Welt verändert: Sprache ist heute sehr gut verständlich, Musik lässt sich mit Implantat derart gut wahrnehmen, dass selbst feine Nuancen klassischer Stücke wahrgenommen werden können. Und die Entwicklung ist nicht abgeschlossen: Die Geräte werden immer besser.

Vor allem eine Erkenntnis ragt hier heraus: Von welch fundamentaler Bedeutung es ist, gehörlos Geborene noch im ersten Lebensjahr auf beiden Ohren zu implantieren. Dann, und nur dann, „können sie eine Hör- und Sprechfähigkeit entwickeln, mit der sie von normal- hörenden Gleichaltrigen nicht mehr zu unterscheiden sind“, betont Wolf-Dieter Baumgartner, Universitätsprofessor an der HNO Universitätsklinik Wien und an der Karolinska Universität Stockholm.

Das Gehirn organisiert sich neu

Warum so früh? Das Gehirn entwickelt sich in den ersten Lebensmonaten rapide. Die Neuronen lechzen nach Input: Jeder Impuls von außen, alles Gesehene, Gehörte, Gefühlte, Geschmeckte, lässt neue Verbindungen zwischen den ­ Ner­ven entstehen. „Gehirnentwicklungsprozesse, die nicht in den ersten zwei Lebensjahren ablaufen, noch besser: schon im ersten angeregt werden, sind unwiederbringlich vorüber“, erklärt der CI-Experte. Im Ohr ist es der Hörnerv, der auf Information von speziellen Sinneszellen, den Haarzellen, wartet. Sind diese Haarzellen geschädigt, kann der Nerv seine Arbeit nicht tun; die fürs Hören angelegte Struktur im Hirn bleibt ohne wiederholte Höreindrücke sozusagen leer.

Ganz anders, wenn der Hörnerv rechtzeitig stimuliert wird – und sei es durch elektrische Impulse eines technischen Geräts. „Früher dachte ich, gehörlos geborene Kinder können sich lautsprachlich nie so entwickeln wie Normalhörende“, sagt Baumgartner. „Aber mit sechs Monaten bilateral Implantierte schaffen das.“ Der Arzt ist begeistert über die Neuerungen, die die CI-Implantologie vor allem in den letzten zehn Jahren gebracht hat. Noch 2001, als er auf einer Konferenz in Los Angeles darüber berichtete, welch großartige Fortschritte die früh implantierten Kinder machen, wurde Baumgartner angefeindet. „Inzwischen machen es alle so.“

„Je später Kinder ein CI bekommen, umso weiter verschiebt sich ihre Sprachentwicklung nach hinten und umso aufwendiger wird die Therapie“, sagt Audiopädagogin Ulrike Rülicke. „Das kann auch ihre Chance auf einen Regelschulbesuch gefährden.“
© Ulrike Rülicke

Das erste Jahr entscheidet

Zwölf Monate gelten derzeit als wichtige erste Grenze: Bis dahin operierte Babys lernen, so sie sonst nicht unter Entwicklungsverzögerungen leiden, besonders gut Hören und Sprechen. Aber auch bis zum zweiten Lebensjahr beidseitig mit CI versorgte Kleinkinder können später oft in eine normale Schule gehen – wenn auch möglicherweise zeitversetzt. „Diese Kinder durchlaufen alle Phasen des Sprach­erwerbs wie normal hörende Gleich- altrige“, sagt die Audiopädagogin Ulrike Rülicke, die sich in ihrer Praxis „dazugehoeren“ in Niederösterreich auf die Arbeit mit CI-Implantierten spezialisiert hat und dafür bereits ausgezeichnet wurde. „Je später sie das CI bekommen, umso weiter verschiebt sich ihre Sprachentwicklung nach hinten und umso aufwendiger wird die Therapie. Das kann auch ihre Chance auf einen Regelschulbesuch gefährden.“

Bei noch späteren Operationen können die versäumten Höreindrücke nur noch schlecht, irgendwann gar nicht mehr nachgeholt werden: „Zwischen zwei und vier Jahren Implantierte schaffen es nur noch zur Hälfte in eine normale Schule“, so Baumgartner. „Ab vier ist es zu spät: Diese Kinder werden nie mehr ein normales Hör-Sprach-Vermögen erreichen, das kann auch keine Therapie mehr wettmachen.“ Einzige Ausnahme sind ältere Kinder: Konnten sie vor dem Hörverlust sprechen und hören, kommt ein Implantat in Frage.

Das neue Hören üben

Eine fachliche, therapeutische Begleitung nach der Implantation ist in jedem Fall nötig. Wie lange, hängt unter anderem vom Kind ab; mehrere Jahre sind es jedenfalls. „Zum einen muss der Sprachprozessor des Geräts unbedingt individuell angepasst werden“, betont Rülicke. „Es wird oft unterschätzt, wie wichtig das ist.“ Hier ist Teamwork gefragt: Es ist ein langsames Herantasten im ständigen Austausch von Kind, beobachtenden Eltern, therapeutisch Tätigen und Technikern, bis die Einstellungen optimal passen.

Zum anderen will das Hören und Sprechen mit CI gelernt sein. Wobei die spezialisierten Fachleute die Babys weniger trainieren, als sie in ihrer natürlichen Sprach- und Gesamtentwicklung zu begleiten. Gleichzeitig vermitteln sie den Eltern, und später möglichst auch Kindergartenpädagogen und Lehrern, wie das Kind in seiner Sprach- und Hörentwicklung ideal unterstützt werden kann. „Früh implantierte Kinder, mit denen daheim niemand spricht, haben ähnlich schlechte Prognosen wie später implantierte“, weiß Rülicke aus Erfahrung. Auch zu viel Rücksichtnahme und Unterforderung helfe den Kindern nicht. „Ich sehe öfter gehörlose Kinder, die unter-, als Kinder, die überfordert werden. Aber diese Kinder brauchen ein sprachintensives Umfeld, entsprechende Begleitung und gezielte Unterstützung.“ Werden Kinder so ideal gefördert, könne es sogar passieren, dass sie bei Tests besser abschneiden als normalhörende Kids, weiß Baumgartner.

Die ersten Kleinen, die früh im Leben ein Cochlea-Implantat erhielten, kommen nun langsam in die Pubertät. Schritt eins auf der Karriereleiter haben viele von ihnen bravourös gemeistert: in eine ganz normale Schulen zu gehen. Die Welt der Hörenden steht diesen Kindern offen.

Gemeinsam am Gelingen arbeiten

Eine Vielzahl von Faktoren entscheidet darüber, ob eine CI-Implantation bei Kindern erfolgreich ist.

  • Rechtzeitige Diagnose: Feststellen der Gehörlosigkeit gleich nach der Geburt sowie bleibender Gehörlosigkeit in den Monaten danach
  • Frühzeitige und beidseitige Implantation: empfohlen ab etwa sechs Monaten, spätestens mit einem Jahr
  • Intensive und sensible Zusammenarbeit aller Beteiligten vor und nach dem Eingriff: von HNO- und Kinderärzten über Logopäden, Sprachwissenschaftlern, Akustikern, Technikern, Psychologen etc. bis hin zu Eltern, Kind, Kindergartenpädagogen und Lehrern
  • Kontinuierliche therapeutische Begleitung des Kindes über viele Jahre, orientiert an seinen individuellen Möglichkeite
  • Intensive Beteiligung der ganzen Familie an allen Entwicklungsschritten des Kindes
  • Gute Zusammenarbeit mit Pädagogen und Lehrern in Kindergärten und Schulen

Die Operation

Die Operation erfolgt unter Vollnarkose und dauert für zwei Implantate zwischen zweieinhalb und drei Stunden.

Laut Wolf-Dieter Baumgartner von der Wiener Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, gilt sie derzeit als sicherster operativer Eingriff im HNO-Bereich – weit sicherer als etwa eine Mandeloperation. Sie wird im Allgemeinen auch von Babys sehr gut vertragen. Ein paar Wochen nach dem Eingriff, wenn die Wunden verheilt sind, wird das Gerät aktiviert. In den nächsten Monaten bis Jahren erfolgen laufend Feineinstellungen. MED-EL gibt zehn Jahre Garantie auf die Geräte; die Haltbarkeit liegt derzeit bei durchschnittlich 25 Jahren.

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