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Feiern heißt, Grenzen überwinden Karneval, Schlagermove, Wies’n & Co

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 15.01.2019
In der Sammlung Das Leben
Lesedauer: 5 Minuten

Die meisten Menschen – bestimmt aber alle Kinder – lieben Geburtstagspartys, Verkleidungsfeste und Feiern. Das Feiern eines besonderen Tags oder auch einer besonderen Zeit scheint dem Menschen in die Wiege gelegt worden zu sein, denn es gibt keine Kultur, die nicht irgendein Fest kennt, dass den Alltag unterbricht, zur Geselligkeit aufruft und dem Frohsinn Tür und Tor öffnet. Zu einem dieser kollektiven Feste gehört Karneval, nicht allein in Deutschland, sondern weltweit.

„Karneval überwindet Grenzen und die unterschiedlichsten Menschen, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten, feiern zusammen. Das gefällt mir“, sagt Dr. med. Ruth Lang-Roth. Die Oberärztin und ärztliche Leiterin des Cochlear Implant Centrums der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Köln stammt eigentlich aus München und damit aus einer Metropole, in der man vom Fasching spricht und nicht vom Karneval. Doch egal, ob jetzt Fastnacht, Fasching oder Karneval – die Botschaft der fünften Jahreszeit ist trotz regionaler Intensitäts- und Feierunterschiede überall gleich: Es gilt, mit allen Sinnen unbeschwert zu genießen.

Für Eltern mit hörgeschädigten Kindern ist das schon eine besondere Herausforderung, vor allem in Köln, wo es zur Narren-Hoch-Zeit zwischen dem 6. Januar und Veilchendienstag Millionen von Jecken samt Besuchern aus dem gesamten Bundesgebiet und internationalen Touristen wieder ordentlich krachen lassen.

Karnevalswagen mit fröhlichen Menschen
© Verein Jecke Öhrcher

Jeder Jeck is anders!

Mittendrin im bunten Treiben sind auch die Mitglieder von „Jecke Örcher“ – dem einzigen Karnevalsverein für Menschen mit und ohne Hörschädigung. Der Förderverein wurde durch Eltern von Kindern mit Schwerhörigkeit, erwachsenen Menschen mit Schwerhörigkeit, Fachleuten und Freunden im Jahr 2014 gegründet, und ist in seiner integrativen Art bislang einzigartig. Dazugehören und mitmachen im Kölner Karneval, die bunte Welt des Karnevals bereichern, Aufklärungsarbeit zum Thema Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit, mitgehen beim Karnevalszug und natürlich die Gestaltung der Kostüme und des eigenen (!) Festwagens ist das, was den Verein umtreibt. Und wie es sich für einen Verein gehört, hat dieser auch eine Satzung und trifft sich regelmäßig.

Beim Feiern niemanden ausschließen ist die ureigene Botschaft von Karneval und eine Herzensangelegenheit von Kölnern wie dem Vater von der kleinen Leni, drei Jahre alt: „Sie soll genauso viel Spaß am Karneval haben wie wir. Deshalb sind wir Mitglied bei Jecke Örcher, denn wir wollten Leni von Anfang an das Gefühl geben, dass sie nicht alleine ist.“ Leni ist nämlich schwer hörgeschädigt und kann nur dank eines Cochleaimplantats, einer implantierbaren Hörhilfe von MED-EL hören.

Seit seiner Gründung setzt sich der Kölner Verein Jecke Öhrcher dafür ein, dass jeder – ob normalhörend, schwerhörig oder gehörlos – mitfeiern und den Karneval in allen Facetten genießen kann. „Natürlich ist der Verein für uns eine Austauschplattform mit Menschen in einer ähnlichen Situation“, sagt Lenis Papa. „Aber vor allen Dingen bieten wir Leni damit eine soziale Aktivität, bei der sie sich nie anders als andere fühlen muss.“

Töne riechen, Farben schmecken

Sich anders als andere fühlen, dass kennen Menschen mit einer Hörschädigung zur Genüge, ist es doch der eingeschränkte Hörsinn, der ihnen zu schaffen macht. Ein Sinn, der als wichtigster, weil differenziertester Sinn des Menschen gilt und die Wahrnehmung beeinflusst.

Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken – das sind die fünf klassischen Sinne. Wir können aber noch drei weitere Wahrnehmungsebenen hinzuzählen, nämlich den Gleichgewichtssinn, die Schmerzempfindung sowie die Temperaturwahrnehmung. Je nachdem aktivieren bestimmte Sinneseindrücke Hirnareale, in denen andere Sinneseindrücke gespeichert sind. Manchmal kann es zu falschen, besser, ungewöhnlichen Verkopplungen der Sinne im Gehirn führen. Dann kann es passieren, dass Menschen Töne riechen und Farben schmecken, wie das bei Synesthätiker der Fall ist, die eine ganz besondere Form der Wahrnehmung haben, eine Wahrnehmung, bei der das Gehirn überreagiert, mit der Menschen aber leben und sehr alt werden können.

So ist es auch bei einem Hörschaden; vor allem junge Hörgeschädigte oder Gehörlose sind oftmals hochsensibel und entwickeln besondere Fähigkeiten in der Wahrnehmung, um mit der Umwelt zu kommunizieren. Manchmal kann es aber auch hier zu einer Verkopplung der beteiligten Sinne führen. Verständlich, wenn der Hörsinn eingeschränkt oder komplett ausgefallen ist. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass sich viele Menschen überhaupt nicht vorstellen können, was es heißt, wenn ein Kind oder ein erwachsener Mensch einen Hörschaden hat, sei es von Geburt an oder durch altersbedingten Hörverlust. Genauso wenig, wie Menschen mit einfachen Sinnesempfindungen sich nicht vorstellen können, dass Synästhetiker Worte und Zahlen als Farbe sehen oder ein Hähnchen kugelförmig schmeckt.

Fröhliche Karnevalsgruppe
© Verein Jecke Öhrcher

Ohren sind verletzlich

Laute Musik auf Konzerten oder Karnevalsumzügen, Trillerpfeife, Tröte & Co bei Sportveranstaltungen oder auf der Wies’n zum Oktoberfest, oder Schlagermove sind auditive Verstärker, die dem Ohr gefährlich werden können. Mit dem menschlichen Ohr können wir Lautstärken von 10 bis etwa 140 Dezibel wahrnehmen. Der Sound einer Kreissäge liegt bei 100 Dezibel, ein Flugzeug startet bei rund 130 Dezibel, und ab 120 Dezibel tut es in den Ohren ziemlich weh. Nicht selten kommt dabei die Lautstärke in Clubs an die Schmerzgrenze von 120 Dezibel ran, kein Wunder also, dass Hörschäden heute keine Seltenheit mehr sind und bereits bei einem Drittel aller 20-Jährigen Mediziner bereits erhebliche Hörminderungen im Frequenzbereich der Sprache und Musik diagnostizieren.

Für hörgeschädigte entwickelt eine Trillerpfeife am Ohr „eine Laustärke, die vergleichbar ist mit dem Lärm eines vorbeifliegenden Düsenjets. Manche Spielzeugpistole hat bereits einen Schallpegel von bis zu 150 Dezibel und ist damit lauter als ein Gewehrschuss“, warnt Lucas Lehning von MED-EL Deutschland. „Steht man in der Menge zu nah neben jemandem, der seine Pistole abfeuert, kann ein solch plötzlich auftretendes Geräusch schlimmstenfalls das Gehör dauerhaft schädigen.“ Sein Tipp daher für alle kleinen und großen Narren: Ohrstöpsel schützen das Ohr und sorgen dafür, dass „Echte Fründe“ oder „Kölsche Jung“ auch bei voller Lautstärke keinen Gehörschaden verursachen.

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