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Karriere mit offenen Ohren Hörimplantate können helfen, die Wahlfreiheit im Berufsleben wiederherzustellen

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: März 2019
In der Sammlung Arbeit
Lesedauer: 6 Minuten

Wer schlecht hört, dem fallen nicht nur Plaudereien schwer oder das Wahrnehmen von Musik: Schwerhörigkeit wirkt sich auch auf Schullaufbahn und Karriere aus. Die Wahl des Berufs ist damit eingeschränkt.

Hören als Basis für Kommunikation

Der Grundstein unserer beruflichen Laufbahn wird schon in der Wiege gelegt, denn dort lernen wir zu kommunizieren – eine Fähigkeit, die wir in den Jahren darauf immer mehr perfektionieren, bis wir schließlich beim ersten Einstellungsgespräch vor unserem Chef in spe sitzen und ihn von unseren Stärken überzeugen. Doch was, wenn uns in der Wiege etwas fehlt, weil unsere Ohren nicht so hören, wie sie könnten?

Babys lernen sprechen, indem sie Tönen lauschen und sie imitieren. Sind sie allerdings gehörlos oder hörbeeinträchtigt, können sie akustische Signale nicht wahrnehmen – und das beeinflusst ihre kommunikative Entwicklung schon ab einem Alter von wenigen Wochen. Bleibt die Gehörlosigkeit zu lange unbehandelt, kann sie langfristige Folgen haben. Joanna Shepherd, Head of Rehabilitation beim österreichischen Hörimplantate-Hersteller MED-EL, erklärt: „Kinder lernen durch Zuhören, Wörter und Satzstrukturen zu benutzen, um ihre Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. In den ersten Lebensjahren ist das Gehirn eines Kindes darauf ausgerichtet, Sprech- und Sprachfähigkeiten auszubilden, die die Grundlage zur Kommunikation in der Gesellschaft bilden. Aber falls die Hörbahnen des Gehirns in dieser Zeit nicht angeregt werden, nimmt die Kapazität zum Lernen durch Zuhören stark ab.“

Erschwertes Lernen, weniger Einkommen, sprachliche Fähigkeiten stellen ein Tor zur Bildung dar, sagt Shepherd: „Kinder mit unbehandeltem Hörverlust erbringen generell eine schwächere Leistung in den Bereichen Lesen, Schreiben und gesprochene Sprache.“ Sie schneiden auch in Mathematik eher schlecht ab, denn mathematische Konzepte werden natürlich mit Worten erklärt. Leider schlägt sich das auch in den schulischen Ergebnissen nieder, selbst in Industriestaaten: Trotz anhaltender Verbesserungen zeigten etwa britische Erhebungen aus dem Jahr 2016, dass knapp 60 Prozent der gehörlosen Schüler keine fünf „guten“ GCSE-Noten erzielten – verglichen mit rund 36 Prozent der hörenden Kinder. (Anm.: GCSE sind nationale Prüfungen, die von 16-Jährigen absolviert werden)

Und auch die beruflichen Möglichkeiten sind für hörbeeinträchtigte Menschen eingeschränkt: Mehrere Studien zeigen, dass Menschen mit Hörverlust eher unbeschäftigt sind und weniger verdienen als hörende Personen. 2015 ergab eine nationale US-Untersuchung in der medizinischen Fachzeitschrift Otology and Neurotology, dass Menschen mit geringfügigem Hörverlust mit zwei Mal höherer Wahrscheinlichkeit unbeschäftigt waren als Personen mit normalem Gehör. Zudem war die Wahrscheinlichkeit, weniger zu verdienen als Normalhörende eineinhalb Mal so hoch. Im Jahr 2013 zeigten US-amerikanische Daten, dass selbst bei Hochschulabsolventen zwischen gehörlosen und hörenden Menschen eine Einkommenslücke von 20 Prozent klaffte.

In der Regelschule mit Cochlea-Implantat

Doch einer solchen Entwicklung lässt sich früh vorbeugen: Viele Studien zeigen, dass das Alter, in dem ein gehörloses Kind implantiert wird, entscheidend ist für die späteren Sprach- und Sprechfähigkeiten: Je früher Kinder mit Hörimplantaten versorgt werden, umso besser. Einige Untersuchungen legen nahe, dass Kinder, die vor ihrem ersten Lebensjahr implantiert wurden, genauso gut sprechen lernen wie normalhörende Gleichaltrige.

Baby

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Hörbeeinträchtigte Kinder mit Implantat besuchen eher eine Regelschule als jene ohne – insbesondere, wenn sie das Implantat früh erhalten haben: 2013 berichtete die Zeitschrift „Ear and Hearing”, dass acht von zehn Kindern, die bis zu einem Alter von 18 Monaten Cochlea-Implantate (CI) erhalten hatten, sechs Jahre nach der Operation eine Regelschule besuchten. Von den Kindern, die ihre Implantate nach dem dritten Lebensjahr erhalten hatten, waren es sechs von zehn, also deutlich weniger.

Doch Hören erhöht nicht nur die Chancen auf eine gute Schullaufbahn, sondern auch auf gute Lebensqualität: Eine 2016 veröffentlichte Literaturübersicht im Fachmagazin Otolaryngology – Head and Neck Surgery zeigte, dass Kinder mit Hörbeeinträchtigung in Bezug auf ihre Lebensqualität niedrigere Index-Werte hatten als normalhörende Kinder – und dass sich die Lebensqualität nach dem Ausgleich der Hörbeeinträchtigung verbesserte.

Schulkinder in der Klasse
Hörbeeinträchtigte Kinder mit Implantat besuchen eher eine Regelschule als jene ohne – insbesondere, wenn sie das Implantat früh erhalten haben.
© Getty Images

Freie Berufswahl

Noch mehr Mut macht eine französische Studie aus dem Jahr 2010, mit der Forscher belegten, dass viele Kinder mit CI im Erwachsenenalter einer vergleichbaren Beschäftigung nachgehen und das gleiche Einkommen haben, wie Normalhörende.

Gemma Mole, Hörtherapeutin am Queen-Elizabeth-Krankenhaus in Birmingham, Großbritannien, hat außerdem positive Auswirkungen einer Implantation auf die berufliche Laufbahn von Personen bemerkt, die ihr Implantat erst im Erwachsenenalter erhalten hatten: „Viele Menschen, die als Erwachsene ihr Gehör verloren haben, nehmen Stellen an, die keinen Kontakt mit der Öffentlichkeit, keine Telefonnutzung oder keine Konferenzen erfordern. Aber sobald sie besser kommunizieren können, übernehmen sie mehr Verantwortung und orientieren sich möglicherweise sogar beruflich um. Eine Dame, die ich behandelte, ging ihrem Traum nach, Romane zu schreiben. Jetzt lehrt sie auf der ganzen Welt kreatives Schreiben – etwas, wozu sie zuvor nicht in der Lage gewesen wäre.“

Eine ähnliche Geschichte erzählt der Polizeibeamte Chuckie Butler, 43, aus dem US-amerikanischen Evansville, Indiana: Chuckie war seit einer Meningitiserkrankung im Alter von einem Jahr teilweise gehörlos und kam seitdem viele Jahre lang mit Hörgeräten zurecht. Doch sein Hörvermögen verschlechterte sich im rechten Ohr so sehr, dass es seinen Kindheitstraum von der Arbeit als Polizist in Gefahr brachte.

„Ich kam vor 16 Jahren zu Polizei, aber kurz nach meiner Einstellung bekam ich Probleme damit, andere über Funk oder Telefon zu verstehen. Mein Department unterstützte mich sehr, aber bald musste ich in den begrenzten Dienst zurückversetzt werden, was meine Funktion deutlich einschränkte. Das war eines der schlimmsten Gefühle, die ich je empfunden hatte. Ich wusste, dass ich eine Lösung finden musste, sonst würde ich nicht als Polizist weitermachen können“, erinnert er sich.

Chuckie erhielt sein CI am rechten Ohr im Jahr 2003 und konnte nach mehreren Monaten Rehabilitation wieder in den normalen Dienst zurückkehren. Auf dem linken Ohr trägt er ein Hörgerät. „Jetzt kann ich über Funk, am Telefon oder in lauten Umgebungen außergewöhnlich gut hören. Das Implantat erlaubt es mir, als Polizeibeamter weiterzumachen. Seit der Implantation wurde ich sieben Mal als Polizist des Jahres ausgezeichnet; ich bin Waffenscheinausbildner und Trainer für den Rettungsfahrzeugbetrieb und ich bilde außerdem andere Ausbildner aus. Mein CI bedeutet, dass ich selbstbewusst mit vielen Menschen umgehen kann.“

Bessere Lebensqualität durch Implantation

Sich beim Hören anstrengen zu müssen, kann extrem erschöpfend sein, also überrascht es nicht, dass viele Nutzer mit neuen Implantaten neuen Lebensmut schöpfen, sobald sie die Rehabilitation abgeschlossen haben. Die Hörtherapeutin Gemma Mole ist selbst Implantat-Nutzerin und erklärt: „Wenn Sie gehörlos sind, sind Sie visuell ständig in Alarmbereitschaft. Nur 30 Prozent dessen, was wir sagen, ist beim Lippenlesen zu erkennen, also schließen Sie gedanklich unentwegt Lücken. Das ist anstrengend, oft verstehen Sie etwas falsch und Sie vertrauen Ihrem eigenen Urteilsvermögen nicht. Ein Implantat aber verleiht Ihnen das Selbstvertrauen teilzuhaben, ob an Arbeitstreffen oder bei sozialen Anlässen in der Gruppe.“

Forscher zeigten, dass Erwachsene, die einen Hörverlust erleiden, sozial eher isoliert sind als Hörende. Viele Studien bringen Gehörlosigkeit überdies in Zusammenhang mit Depression und sogar Demenz. Auch das Risiko für Stürze steigt, da Isolation auch zu körperlichem Abbau führen kann. Demgegenüber stehen wissenschaftliche Ergebnisse zum emotionalen Nutzen von Hörimplantaten: 2012 kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass CI-Nutzer den normalhörenden Menschen in nichts nachstehen, wenn es um Wohlbefinden, gute Stimmung und positive Gefühle geht.

Das kann in wesentlichen Teilen der Freiheit und Zuversicht zugeschrieben werden, die mit dem Wissen einhergehen, gut hören zu können und sich bei alltäglichen Dingen nicht auf andere verlassen zu müssen.

„Sobald das Gehör sich verbessert, können die Menschen eigenständig mit alltäglichen Situationen umgehen“, sagt die Hörtherapeutin Gemma Mole. „Möglicherweise mussten sie zuvor jemanden zur Bank oder zum Arzt mitnehmen, damit die Kommunikation dort gut funktioniert. Ist das Hören wieder besser, stellen sich auch die Autonomie, Unabhängigkeit und Freiheit eines Menschen wieder ein.“

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