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Keine Angst vor der Zukunft Viele fürchten, was kommen mag, doch was können wir dagegen tun?

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: Juli 2020
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Lesedauer: 4 Minuten

Viele fürchten sich vor dem, was die Zukunft bringt. Woher kommt dieses Gefühl und was können wir dagegen tun?

Die Ungewissheit treibt uns an

Statistisch gesehen gibt es heute wenig Grund zur Sorge: In den 70ern und 80ern wurden deutlich mehr Menschen Opfer von Terroranschlägen als heute. In unseren Breiten erleben wir die bisher längste Periode ohne Krieg. Mit vielen Initiativen wirken wir langsam aber doch dem Klimawandel entgegen. Und wir sind gesünder und werden auch immer älter: Fortschritte in der Medizin und in der Gesundheitsversorgung schenken uns ein längeres Leben oder geben uns ein Stück an Lebensqualität zurück (von Brillen über Hörimplantate bis hin zu Herzschrittmachern).

Trotzdem schaudert uns genau davor: Wir halten panisch Abstand, um Infizierungen mit unbekannten Viren zu verhindern, meiden Flugzeuge aus Angst vor Terror, wir fürchten uns vor Naturkatastrophen und weil uns Existenzängste plagen, strampeln wir ohne Unterbrechung im Hamsterrad – bis wir im Burn-out landen.

Noch nie ging es uns so gut, und trotzdem blicken wir wenig zuversichtlich in die Zukunft. Woher kommt dieser Widerspruch? Und was können wir dagegen tun?

Zurück in die Zukunft: Vor- und Nachteile

Als Marty McFly im Jahr 1985 „Zurück in die Zukunft“ reiste, fand er sich im Jahr 2015 wieder: Menschen sollten auf Hoverboards oder in schwebenden Autos durch die Gegend fliegen. Viele der Zukunftsfantasien aus dem gleichnamigen Film sind bis heute nicht wahr geworden. Trotzdem hatten die Filmemacher vor 33 Jahren bereits mit einem recht: Die Digitalisierung und die fortschreitende Technik würden unser Leben verändern. Die grundlegendste Veränderung für uns alle ist wohl das Internet: Zu Beginn war die Tante in Amerika nur mehr einen Skypeanruf weit entfernt. Heute kurven bereits erste Autos ohne Fahrer durch die Gegend. In der Berufswelt nehmen künstliche Intelligenzen monotone und gefährliche Arbeiten ab. Die vernetzte Welt bringt außerdem große Verbesserungen in der Medizin: Ärzte können mit Hilfe von Daten Krankheiten viel schneller erkennen und besser behandeln. Chirurgen planen mit Virtual-Reality-Brille ihre Operation und führen sie dann viel gezielter und mit weniger Risiko durch.

All diese Veränderung birgt eine Reihe einzigartiger Chancen: Die Welt scheint uns zu Füßen zu liegen. Wer eine Waschmaschine kauft, ist schon lange nicht mehr auf die Empfehlung des Verkäufers angewiesen. Längst müssen wir nicht mehr glauben, was uns die Mächtigen oder die Medien erzählen, auch wenn wir das leider oft unfreiwillig tun. Wir genießen zahlreiche Vorteile. Und doch ist es noch schwer für uns, die Gefahren und Risiken richtig einzuschätzen.

Überforderung und Ohnmacht

Multitasking ist heute der Normalzustand: In nahezu jeder Minute prasselt irgendeine Information auf uns ein. Wir haben kaum mehr die Chance, uns der Flut zu entziehen. Soziale Medien erhöhen dabei den Druck. Kaum geschieht ein Unglück oder ein Terroranschlag, sieht man die Meldung im eigenen Newsstream. Doch nicht nur das: Man bekommt, ob man will oder nicht, das Live-Video und gleich hundert ungefilterte Meinungen mit dazu. Was man früher erst Tage später in der Zeitung oder vielleicht gar nicht mitbekommen hat, spielt sich plötzlich in HD in der eigenen Hosentasche ab. Kein Wunder: Durch den permanenten und ungefilterten Nachrichtenstrom fühlen sich schlimme Ereignisse bedrohlich nah an. Das überfordert uns schnell. Wir überschätzen potenzielle Gefahren und nehmen Fakten gar nicht mehr wirklich wahr.

Gleichzeitig breitet sich ein unangenehmes Gefühl von Ohnmacht aus: Was in der Welt geschieht, scheint für den Einzelnen nicht mehr kontrollierbar. Globale Zusammenhänge, die wir selbst nicht mehr verstehen, hinterlassen ein mulmiges Gefühl: „Ich kann ohnehin nichts bewirken.“

Die Welt dreht sich ein bisschen zu schnell, wir kommen einfach nicht mehr hinterher.

Aleksandra Nagele
Gemeinsam in die Zukunft
Wer tut, was er liebt, ist am richtigen Platz - und wird diesen auch in der Zukunft finden.
© Getty Images

So werden wir unseren Platz in der Zukunft finden

  1. Nicht mehr zuhören. Fukushima, 9/11 und auch die aktuelle Lage sind die Ausnahme und nicht die Regel: Doch die permanente Konfrontation mit den Bildern gibt uns das Gefühl als wären wir in ständiger Gefahr. Es hilft, sich die Fakten in Erinnerung zu rufen. Außerdem hilft es, sich bewusst rauszunehmen. Schalten Sie ab, konsumieren Sie für einige Tage keine Nachrichten mehr. Notieren Sie stattdessen jeden Morgen drei Dinge, für die Sie dankbar sind. Abends schreiben Sie drei Ereignisse auf, die an diesem Tag besonders gut gelaufen sind.
  2. Genauer hinhören. Gerade Politiker versuchen unser diffuses Unwohlsein für sich zu nutzen. Randgruppen und Randthemen, wie etwa Flüchtlinge oder unbekannte Krankheiten, werden gerne für Ängste, wie etwa für den eigenen drohenden sozialen Abstieg oder eine sich anbahnende Pandemie, verantwortlich gemacht. Umso wichtiger ist es, die Herkunft des eigenen Unbehagens zu benennen. Denn Angstfantasien sind oft dort am größten, wo man mit Fremden und Fremdem erst gar nicht in Berührung kommt. Es hilft zum Beispiel also, mit betroffenen Menschen zu sprechen und ihnen zuzuhören. In der Begegnung und im Dialog verschwindet so manche (meist unbegründete) Angst.
  3. In sich hineinhören. Der Grundstein für eine spätere Existenzangst wird meist schon in der Schule gelegt: Wir müssen den anderen einen Schritt voraus sein, damit wir einen Job und ein materiell abgesichertes Dasein finden. Nur: Die Arbeitswelt, für die wir einmal ausgebildet wurden, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Durch die Digitalisierung verschwinden viele Jobs, aber auch neue entstehen. Der alte Gesellschaftsvertrag funktioniert nicht mehr: Es gibt weder den Job fürs Leben. Noch braucht es Arbeit, wie wir sie kennen, um unser Leben zu finanzieren - Stichwort „bedingungsloses Grundeinkommen“. Im Tätigsein selbst finden wir Menschen aber Sinn. Die entscheidende Frage ist: Was werden wir jeden Tag tun, wenn Arbeit unser Leben in Zukunft nicht nur mit Geld, sondern auch mit Sinn füllen soll?

Es geht nicht mehr um das Funktionieren in einer Erwerbswelt von gestern. Es geht um das Gestalten der eigenen, unmittelbaren Welt. Damit diese Kraft entfesselt werden kann, müssen wir lernen, besser in uns hineinzuhören: Orientieren wir uns nicht mehr allein am Außen und an den Erfordernissen der Wirtschaft. Trauen wir uns, unsere eigenen Talente und Bedürfnisse wieder wahrzunehmen. So finden wir eine Aufgabe, die uns am Herzen liegt. Wer tut, was er liebt, ist am richtigen Platz - und wird diesen überall finden. Egal, was die Zukunft bringt.

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