Interview

„Kinder brauchen authentische, empathische Eltern“ Familientherapeut Jesper Juul im Gespräch

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 03.04.2018
Lesedauer: 2 Minuten

Wer nicht hört, ist anders als die meisten Menschen. Warum Fördern nach Schema F gerade da gar nicht hilfreich ist, erzählt der dänische Familientherapeut Jesper Juul im Interview. Gedanken über Selbstvertrauen, Selbstgefühl – und über das Wahrnehmen des Kindes, so wie es ist.

Anderssein wird heutzutage als Chance wahrgenommen. Soll man Kinder darin fördern?

Ich bin kein großer Anhänger des Konzepts des Förderns. Viel zu oft ist das eine Idee, die Eltern und Erzieher haben, um sich nützlich zu machen oder um ihre Schmerzen zu maskieren. Alles, was Kinder brauchen, sind authentische, empathische Eltern. Kein Kind verdient es, nach einer Methode oder Strategie behandelt zu werden. Ich glaube fest daran, dass Eltern und für das Kind wichtige Erwachsene ein Kind sehen, ihm zuhören und es anerkennen sollten. Sie sollen ihre Kreativität einsetzen, wenn ein Kind von sich aus keinen Weg nach vorne sieht.

Nehmen wir an, eine Familie hat drei Kinder: Zwei hören normal, eines ist schwer beeinträchtigt. Wie soll und kann diese Familie mit dem Anderssein des einen Kindes umgehen?

So nuanciert, wie sie für sich selbst denkt und fühlt. Geschwister verhalten sich in der Regel gegenüber einem behinderten Kind auf die gleiche Weise wie die Eltern. Und die sind manchmal übermäßig besorgt, vorsichtig, beschützend oder ganz und gar mit dem behinderten Kind beschäftigt. Geschwister rebellieren dann oft, weil sie andere Grenzen und Einschränkungen vorgesetzt bekommen. Sagen sie den Geschwistern nie, wie sie über ihren behinderten Bruder oder die Schwester denken oder fühlen sollen. Aber seien Sie neugierig und interessiert, wie sie denken und fühlen.

Was sind die häufigsten Fehler, die man machen kann, wenn Kinder körperlich anders sind, im konkreten Fall gehörlos oder schwer hörend?

Viele Eltern verbringen viel zu viel Energie damit, zu versuchen, das Selbstvertrauen ihres Kindes zu stärken und ignorieren damit die Tatsache, dass ein Kind eher mehr Selbstgefühl braucht, je mehr es sich von anderen Kindern unterscheidet. (Anm.: Selbstgefühl ist das Bewusstsein über den eigenen Zustand; das Gefühl für sich selbst.)

Wenn ich Ihre Thesen richtig verstanden habe, sagen Sie auch, dass Kinder weniger durch verbale Erklärung, sondern vielmehr über Nachahmung lernen. Was bedeutet das für Kinder, die Probleme mit dem Gehör haben?

Kinder sind Experten im Lesen und Kopieren von Verhalten und zwar bereits von Geburt an. Wie in der gesamten Kommunikation zwischen Menschen macht die verbale Botschaft nur 15 Pro-zent aus und die meisten gehörlosen Kinder die ich getroffen habe, können diesen Verlust leicht ausgleichen.

Nehmen wir an, die Eltern sind hörend, das Kind gehörlos oder umgekehrt. Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn sie andere Sinneswahrnehmungen haben, als ihr Kind?

Andere Sinneswahrnehmungen sind eine Tatsache in allen Eltern-Kind-Beziehungen. Damit kann man nur umgehen, in- dem man aufmerksam ist, Interesse zeigt und es zu schätzen weiß, mehr darüber zu lernen, in das Kind fühlt und Phänomene um sich herum interpretiert. Wenn nötig, müssen sie alles tun, um ihre eigenen Emotionen, Gedanken und Reaktionen für das Kind klar und verständlich zu machen.

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