Essay

Kindheitserinnerungen ans Hören Sarah Rodrigues über ihr Gehör, Früherkennung und elterliche Unterstützung

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: August 2020
In der Sammlung Kinder
Lesedauer: 6 Minuten

Da ich nicht nur aus Leidenschaft, sondern auch für meinen Lebensunterhalt schreibe, ist Kommunikation äußerst wichtig für mich. Allein bei dem Gedanken, dass meine Hörprobleme in der Kindheit die Entwicklung meines Wortschatzes hemmen hätten können, schaudert mich. Auch wenn ich lieber schreibe als spreche, bereiten mir Wörter und alles, was damit zu tun hat, Freude - von der Etymologie bis hin zur Flexion, die einen Satz völlig verändern kann.

Sprachentwicklung

Obwohl Lesen wichtig für die Sprachentwicklung ist, ist das Hören wahrscheinlich noch wichtiger, weil es von Geburt an passiert - sofern alles einwandfrei funktioniert. Studien belegen, dass Kinder mit Hörverlust zwar konkrete Wörter wie „Katze“ und „springen“ problemlos lernen, aber mit abstrahierten Begriffen und Konzepten wenig anfangen können. Mit Gefühlen zum Beispiel, wie Neid, und mit Adverbien, wie „vorher“ und „nachher“ - also mit Wörtern, die die Sprache zusätzlich bereichern, ihr das gewisse Extra verleihen und Detailinformationen beinhalten. Das gilt übrigens gleichermaßen für gesprochene wie geschriebene Sprache.

Schmerzliche Erinnerungen

Meine Hörprobleme begannen mit einer besonders schlimmen Erkältung, die zu einer Ohrenentzündung führte. Verkühlungen und Ohrinfektionen treten bei Kindern häufig gemeinsam auf. Das liegt unter anderem am noch nicht voll entwickelten Immunsystem und der horizontalen Lage der Ohrtrompete. Im Kindesalter liegt die Ohrtrompete, die sogenannte Eustachische Röhre, nahezu waagerecht und erschwert so das Abfließen von Flüssigkeit. Sie wird mit zunehmendem Alter und Wachstum steiler. Chronische Entzündungen der Rachenmandeln, die nahe den Ohrtrompeten liegen, gehen häufig mit Mittelohrinfektionen und dem damit verbundenen erhöhten Druck einher.

Natürlich erinnere ich mich an all das nur mehr vage. Ich erinnere mich an schlimme Ohrenschmerzen. Ich glaube mich erinnern zu können, dass ich in der Nacht vor Schmerzen schrie, obwohl das im Rückblick vielleicht eher der Dramatik geschuldet war. Ich erinnere mich an einen Arztbesuch. Die nüchterne Praxis befand sich in der „Help Street“, der „Straße der Hilfe“ - und trotz meiner jungen Jahre gefiel mir, weil ich die Sprache damals schon liebte, dieser Zusammenhang. Und ich erinnere mich an einen Hörtest: „Wirf das Klötzchen in den Korb, wenn du das Piepsen hörst“. Die Kopfhörer über meinen Ohren fühlten sich groß und klobig an - damals, lange vor Erfindung von Walkman und EarPods. Ich erinnere mich auch daran, wie sehr ich mich bemühte die „richtige“ Antwort zu geben. Das hätte ich vielleicht vergessen, wenn nicht Jahre später mein Zweitgeborener einen ähnlichen Test machen hätte müssen. Man vermutete Probleme in seiner Hör- und Sprachentwicklung. Sein hoffnungsvoller Blick, alles richtig zu machen, und sein niedliches, pausbäckiges Gesichtchen, an dem die (leicht schief sitzenden) Kopfhörer wie Fremdkörper wirkten, brachen mir fast das Herz.

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Die Sorgen der Eltern

Meine Mutter hatte damals wohl Ähnliches durchgestanden: „Jedes Mal, schon bei einem leichten Schnupfen, hattest du immer Ohrenschmerzen“, erzählte sie mir einmal. „Man sagte mir, wenn ich dich nicht behandeln lasse, bist du spätestens mit 10 Jahren taub.“

Ob das wohl stimmte? Ich werde es nie erfahren. Das alles war in den 1970er Jahren, ich kann meinen damaligen Arzt nicht mehr fragen und eine Prognose wäre heutzutage sicherlich nicht mehr so schlimm wie damals. Ich musste jedenfalls ins Krankenhaus, wo mir meine Rachenmandeln entfernt und Paukenröhrchen eingesetzt wurden. Dank der daraus resultierenden Halsschmerzen bekam ich zu so gut wie jeder Mahlzeit grüne Grütze kredenzt. Meine Eltern besuchten mich täglich und ließen mich abends wieder allein, was völlig neu für mich war. Zuhause renovierten sie mein Zimmer bis spätnachts. Als ich wieder heimkam, begrüßte mich ein Meer aus floralen Designs und Spielsachen.

Diese Erinnerungen sind geblieben. Ich weiß sicher, dass die Tapete neu und ich begeistert war (obwohl etwas grüne Grütze nicht geschadet hätte!)

Elterliche Unterstützung
Die Unterstützung der Eltern wirkt sich positiv auf die kindliche Entwicklung aus - physisch und psychisch.
© Getty Images

Soziales und schulisches Selbstvertrauen

Diese Erlebnisse - diese Kindheitserinnerungen - sind nur ein Teil dessen, was meine frühen Hörprobleme für mich bedeutet haben und immer noch bedeuten. Mit meinem besseren Gehör verschlang ich alle Wörter, geschrieben und gehört, und gab sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder. Ich gewann Schreibwettbewerbe, sprach voll Selbstvertrauen vor der Klasse, bestach durch einen überdurchschnittlich großen Wortschatz, lernte Fremdsprachen am Gymnasium und studierte später Jura, wobei ich in jeder Silbe, jedem Ausdruck schwelgte und mich daran erfreute, wie sich alle Teile zu einem viel größeren Ganzen, der Kommunikation und menschlichen Existenz, zusammenfügten.

Das soll nicht heißen, dass die bloße Behandlung kindlicher Hörprobleme der Schlüssel zum schulischen Erfolg ist. Glauben Sie mir, in vielen Fächern war mein „Erfolg“ vernachlässigbar, fragen Sie nur meinen Mathe- oder Physiklehrer. Im Gegenzug bedeutet es aber auch nicht, dass schlechte schulische Leistungen bei schwerhörigen Kindern auf mangelnde Intelligenz zurückzuführen sind. Untersuchungen der American Speech-Language Hearing Association (ASHA) zeigen, hörgeschädigte Kinder mehr Probleme in der Schule haben, da sie extra Energie aufbringen müssen, um die Lehrperson zu verstehen. Dies führt zu einem Leistungsabfall. Dazu kommt, dass – wie erwähnt - Kinder mit Hörstörungen unter Umständen Schwierigkeiten haben, Fächer zu erfassen, die auf abstrakten Konzepten und Ideen basieren.

Chronische Hörprobleme in der Kindheit wirken sich aber nicht nur auf den Lernerfolg, sondern auch auf das Selbstvertrauen und die soziale Entwicklung aus. Kommunikation ist der Schlüssel für Beziehungen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich schwerhörige Kinder oft einsam fühlen, sich vor sozialen Situationen scheuen und nicht immer gerne interagieren. Mit einer solcherart gehemmten sozialen Reife können Beziehungen zu Gleichaltrigen schwierig werden. Besonders dann, wenn ein Kind heranwächst.

Früherkennung und Unterstützung

Früherkennung und Frühbehandlung können selbstverständlich einige der Schwierigkeiten abfedern, die mit Hörstörungen im Kindesalter assoziiert sind. Ich hatte Glück, dass meine Probleme noch im Kindergartenalter erkannt und angegangen wurden. Ein Mann, den ich mit Anfang Zwanzig kennenlernte, hatte weniger positive Erfahrungen gemacht. Sein Hörproblem, Otosklerose, eine Verknöcherung des Mittelohrs, war genetisch bedingt. Und obwohl sein Vater ebenfalls daran litt, bezeichnete er den Sohn oft als „dumm“, wenn er nicht auf Anhieb alles verstand. Man kann sich ausmalen, was das für das Selbstbewusstsein des jungen Mannes bedeutete.

Eine Studie belegt, dass sich Früherkennung in Kombination mit Unterstützung und Engagement von Seiten der Eltern und/oder Erzieher positiv auf die schulischen Leistungen auswirkt. Im selben Atemzug wird auch Spracherwerb durch Lesen genannt. Eine beidseitige Versorgung mit Cochlea-Implantaten und ein förderndes familiäres Umfeld waren Indikatoren für bessere Ergebnisse.

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Meine ständigen Ohrenschmerzen in der Kindheit machten die frühe Diagnose meiner Hörprobleme einfach. Man möchte meinen, dass das Wissen um vererbbare Krankheiten die Alarmglocken bei Eltern schrillen lässt. Doch nicht jede kindliche Hörstörung ist leicht erkennbar.

Welche Warnsignale sollten Erwachsene also beachten?

Neben bekannten Anzeichen wie etwa Sprachentwicklungsverzögerungen nennen Experten auch andere Hinweise:

  • Probleme mit der Aussprache,
  • Konzentrationsschwierigkeiten,
  • leichte Ablenkbarkeit,
  • unpassende Antworten,
  • Schwierigkeiten, Tierlaute zu imitieren.

Man könnte solche Verhaltensweisen lapidar als „unartig“ oder „unfähig“ abtun. Umso wichtiger ist es daher, sie genau abklären zu lassen. Wenn ihnen tatsächlich Hörprobleme zugrundeliegen, können sie rechtzeitig behandelt werden. Mit einer solchen Unterstützung haben Kinder alle Chancen, schulisch und sozial ihr volles Potential auszuschöpfen.

Das Leben hören

Nach meiner Operation und den darauffolgenden Kontrollen wurde mein Gehör für gut befunden, und ich musste niemals Hörgeräte oder Hörimplantate tragen. Dennoch höre ich in bestimmten Situationen unzureichend, was unter Umständen auf meine früheren Probleme zurückzuführen ist. Mehrere Lärmquellen gleichzeitig - zum Beispiel, festzustellen, woher ein Folgetonhorn kommt, während das Autoradio läuft, oder mich in einer lauten Bar zu unterhalten – das erhöht meinen Ruhepuls dramatisch. Beim Einkaufen im Supermarkt fühle ich mich weniger gestresst, wenn ich den Umgebungslärm, die Durchsagen, das allgemeine Gemurmel der Menschen, ausblende, indem ich mir über Kopfhörer einen Podcast oder eine Playlist mit schamanischen Trommeln anhöre. Ich lese Informationen viel lieber als dass ich sie höre. In Räumen mit schlechter Akustik könnte ich heulen. Soziale Situationen, darunter manchmal auch mit meiner Familie, können mich sehr anstrengen. Schon in jüngeren Jahren nickte ich des Öfteren bei Treffen einfach kurz weg.

Aber mit all diesen Dingen kann ich leben und sie oft sogar vermeiden. Das größere Thema, nämlich meine Fähigkeit, gut zu hören, meinen Bildungsweg erfolgreich abzuschließen, für die feinen Nuancen, Untertöne und Ausdrücke sensibilisiert zu sein, bekam ich dank der Unterstützung meiner Eltern, Lehrer und Ärzte gut in den Griff. Dafür bin ich unendlich dankbar.

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