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Lasst uns staunen Was wir von Kindern lernen können

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: 04.01.2018
In der Sammlung Kinder
Lesedauer: 4 Minuten

Irgendwann kommt den meisten Menschen der kindliche Blick auf die Welt abhanden. Doch es lohnt sich, ihn wiederzuentdecken: er macht das Leben reicher.

„Ein Kind kann einen Erwachsenen drei Dinge lehren: grundlos glücklich zu sein, andauernd mit etwas beschäftigt zu sein und mit all seiner Macht das zu fordern, was es haben möchte.“

Paolo Coelho, Schriftsteller, „Der fünfte Berg“

Als mein Sohn zum ersten Mal alleine Straßenbahn gefahren ist, war das ein Abenteuer, das ihn für Tage beschäftigt hat. „Mir haben die Knie gezittert“, erzählte er danach, mit leuchtenden Augen und um Zentimeter gewachsen vor Stolz über die bewältigte Aufgabe, „wie damals, als ich auf der Alm das erste Mal die Kuh gemelkt (!) habe“, das war nur kurz davor gewesen, im Sommerurlaub. Es scheint so eine Kleinigkeit, dachte ich damals: nur drei Stationen Fahrt – und so viel ist darin enthalten für ein Kind.

Ach, könnte ich die Welt noch einmal mit Kinderaugen sehen! So dicht und bunt und intensiv ist ihr Erleben. Es fordert alle Sinne: Wer mit einem Kleinkind unterwegs ist, kann sehen, dass es oft innehält und lauscht – und reagiert auf ein Geräusch, das wir Erwachsenen nicht einmal mehr wahrnehmen: „Wauwau!“, strahlt das Kind – und tatsächlich: Irgendwo bellt ein Hund. Es hört das Flugzeug, das hoch oben am Himmel leise brummt, oder das Piepen eines Vogels.

„Kinder lehren uns zu träumen“

Mimma Abbate

Es erscheint trivial, aber ich liebe alles an Kindern: die Einfachheit, mit der sie ohne Vorurteile die Dinge sehen, wie sie sind; ihr Vertrauen in andere und die Welt; ihre Ehrlichkeit; die Freude, alles, was Gefühle erzeugt, neu zu entdecken; ihren Respekt für die Zeit, die etwas zum Wachsen braucht, ohne Eile. Kinder lehren uns zu träumen, größer zu denken, ohne Scham um Hilfe zu fragen, die Meinung anderer nicht zu fürchten. Sie teilen uns alles mit: über Ge- spräche, ihre Träume, Zeichnungen oder Geschriebenes, über Spiel und Verhalten. Eltern und andere Begleitpersonen sollten ihnen mit Geduld, Zeit, Zuhören, Empathie, Verständnis, Respekt, in einem Wort: mit LIEBE begegnen.

Mimma Abbate, ist Entwicklungspsychologin in Mailand, spezialisiert auf Trauma-Erfahrungen und Kinderzeichnungen.

Herrlich: Matsch zwischen den Zehen

Kinder können staunen: Sie stehen mit offenem Mund vor dem üppig behängten Christbaum im Einkaufszentrum, an dem die Eltern achtlos vorüberlaufen. Sie bemerken die Ameise, die sich mit einem Zweiglein müht. Sie hören, sie sehen, sie fühlen die Welt: Matsch zwischen den Zehen, Sand und Wind auf der Haut, das Erschauern beim Eintauchen in kaltes Wasser, das Essen, zerquetscht zwischen den Fingern.

„Die Welt eines Kindes ist frisch und neu und schön, voller Wunder und Begeisterung“, schrieb einst die amerikanische Meeresbiologin Rachel Carson, die durch ihr Buch „Silent Spring“ in den 1960er Jahren zu einer Ikone der Umweltbewegung wurde. „Es ist unser Unglück, dass dieser klare Blick, dieser Instinkt, was wahrhaft schön und ehrfurchtgebietend ist, für die meisten von uns verschwimmt oder sogar verloren geht, noch bevor wir erwachsen sind.“

Kinder können sich wunderbar verlieren im Augenblick. So intensiv können sie Momente empfinden, dass die Erinnerung daran oft ein Leben lang nachschwingt. „Manche von uns, vielleicht sehr viele mehr, als wir annehmen, haben in den frühen Lebensjahren außerordentliche, manchmal sogar mystische Erfahrungen gemacht“, erzählt der US-Psychologe Edward Hoffman nach der Auswertung hunderter Berichte von Kindern und Erwachsenen, die er nach Kindheitserfahrungen besonderer Intensität und Schönheit gefragt hatte.

Auslöser für solch transzendente Momente sind vielfältig. Es können simple Alltagserlebnisse sein, in denen ein Kind ganz aufgegangen ist, Träume, Musik … oder, und das war der überwiegende Teil, Erlebnisse in der Natur.

„Leben wir mit Kindern, ohne zu belehren“

Arno Stern

Wir, als Eltern, müssen vertrauensvolle und vertrauenswürdige Bezugspersonen für unsere Kinder sein und sie in ihrem Bestreben unterstützen. Kinder erforschen die Welt, dabei unterstützen wir sie, ohne weitere Absichten, ohne die Absicht, sie zu belehren. Es geht in dem Verhältnis zwischen Erwachsenen (ich meine damit die Eltern) und Kindern um das gegen-seitige Vertrauen und die Erkenntnis ihrer unbezweifelten Fähigkeiten – was den Gedanken von Belehrung völlig ausschließt.

Arno Stern ist Pädagoge, Forscher und Gründer des „Malorts“, eines Ateliers in Paris, in dem Kinder ohne Vorgaben ihr Innerstes ausleben können.

„Als Kind haben wir diese magische Fähigkeit, uns durch die vielen Zeitalter der Erde zu bewegen: das Land zu sehen wie ein Tier; den Himmel aus der Perspektive einer Blume oder Biene zu erleben; die Erde unter unseren Füßen zittern und atmen zu spüren; hundert verschiedene Gerüche von Matsch zu kennen, und selbstvergessen dem Rauschen der Bäume zu lauschen.“

Valerie Andrews, Schriftstellerin, „A Passion for this Earth“

Nehmen wir uns Zeit

Wenn wir mit zunehmendem Alter feststellen, dass die Zeit immer schneller verrinnt, kommt das daher, dass wir all die vielen kleinen Dinge, Erlebnisse, Augenblicke, die die Zeit der Kinder zu Ewigkeiten dehnen, nicht mehr bewusst wahrnehmen. Das oft Erlebte, oft Wiederholte ist uns nicht mehr „besonders“. Gefangen in nicht mehr erinnernswerten routinierten Abläufen schrumpft uns die Zeit im Rückblick auf ein Nichts zusammen.

Es gibt ein Gegenmittel: Nehmen wir ein Kind an die Hand. Nehmen wir uns viel Zeit, lassen uns mit ihm treiben. Üben wir uns darin, mit ihm zusammen achtsam, aufmerksam und offen zu sein. Und wir werden die Wunder der Welt neu entdecken.

„Kinder zeigen uns eine bessere Welt“

André Stern

Statt uns zu fragen: „Was kann ich dem Kind beibringen?“, können wir uns die Frage stellen: „Was kann ich vom Kind lernen?“ In Sachen Offenheit, Vorurteilslosigkeit, Unvoreingenommenheit, Hierarchielosigkeit sind Kinder wahre Meister. Sie gehen auf andere Lebewesen begeistert zu, mit offenem Herzen und offenen Armen, ungeachtet der Hautfarbe, der Religion, des Einkommens und der Altersstufe – und sie suchen immer die größtmögliche Verschiedenartigkeit, denn sie ist ihnen als Bereicherungsfaktor Nummer eins bewusst. Somit zeigen uns Kinder den Weg, zeigen uns, wie eine bessere Welt aussehen könnte. Und wir bräuchten nicht mal eine Entwicklung dorthin, wir müssten uns nur von unserem angeborenen Zustand nicht entfernen.

André Stern ist Musiker, Komponist und Autor („… und ich war nie in der Schule“). Er ist der Sohn des „Malort“-Gründers Arno Stern und selbst Vater eines Sohnes.

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