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Leben im Hier und Jetzt Das Leben im Moment als Allheilmittel

Mehr lesen Zuletzt aktualisiert: August 2019
In der Sammlung Zeit
Lesedauer: 5 Minuten

In unserem Leben gibt es zwei Türen: Auf die eine haben wir fett „Vergangenheit“ gepinselt, auf die andere „Zukunft“. Das eine kennen wir, das andere ist ungewiss. Doch wir haben noch etwas außer diesen Türen, und das haben wir sicher: Den Schlüssel zu beiden Eingängen – und auf dem steht „Gegenwart“. Denn allein im Hier und Jetzt können wir entscheiden, wie wir mit vergangenen Themen umgehen und wie wir uns jetzt ausrichten, um unsere Wünsche für die Zukunft zu realisieren. Das Leben im Moment ist also der Schlüssel zum Umgang mit all unseren vergangenen und künftigen Zeiten.

In der Gegenwart leben

„Entscheidend ist, eine ausgewogene Zeitperspektive zu haben und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen in unser Leben einzubeziehen“, sagt Fuschia Sirois, Lektorin für Gesundheit und Psychologie an der Universität Sheffield in Großbritannien. „Denn es ist meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Viele Menschen denken über die Zukunft nach, aber sehen sie nicht als Teil des eigenen Lebens oder als einen Teil ihrer selbst. Wir müssen uns wieder mit unserem zukünftigen Selbst verbinden und es in unser Leben bringen.“ Und das gelingt uns nur im gegenwärtigen Moment.

Wir entscheiden in jeder Sekunde unseres Tages, ob wir zum Beispiel alte Verletzungen wieder in unser Leben holen oder ob wir uns davon verabschieden, um so zu leben, wie wir es uns vorstellen. Ob wir wieder auf unseren Chef sauer sein möchten – oder uns vielleicht doch einen neuen Platz suchen, an dem unsere Fähigkeiten geschätzt werden. Und wir entscheiden auch, wie unsere Zukunft aussehen soll. Erfüllt, glücklich und voller Freude wären doch drei ganz passable Wünsche für das, was kommt.

© Andy Potts

Wie lebe ich im Moment?

„Der Fokus auf den jetzigen Moment bringt mehr Glück ins Leben, hilft uns, unser Verhalten zu regulieren, mit Rückschlägen zurechtzukommen, schenkt uns Dankbarkeit für das, was wir haben und verbessert die Gesundheit“, sagt die Gesundheitspsychologin Sirois. Aber: „Im Moment zu leben ist nicht immer positiv. Es gibt Menschen, die im Moment leben, weil sie Angst vor der Zukunft haben, und solche, die sagen: ‚Das Heute ist alles was ich habe, also lebe ich das Maximum, koste es, was es wolle‘. Diese Einstellung hängt mit negativem Verhalten zusammen wie Alkoholmissbrauch, Esssucht oder Spielsucht. Die entscheidende Frage ist also nicht: ‚Lebe ich im Moment?‘, sondern ‚Wie lebe ich im Moment?‘.“ Und: Welche Auswirkungen hat das auf mein künftiges Leben? Denn was wir im Jetzt tun, gibt die Richtung für unsere Zukunft vor.

Richtig planen

Genau diese Zukunftsperspektive sei wichtig für uns Menschen, sagt der Kognitionswissenschafter Jim Davies, sonst können wir den nächsten Urlaub ebenso wenig planen wie unseren beruflichen Weg. „Uns über unsere mögliche Zukunft Gedanken zu machen, ist etwas sehr Kraftvolles – aber man muss es richtig machen“, sagt der Dozent am Institut für Kognitionsforschung an der Carleton Universität in Ottawa, Kanada: „Ich zum Beispiel schreibe gerade ein Buch. Ich kann mir nun vorstellen, wie das Buch einmal im Laden liegen wird, und dass alles wunderbar sein wird, wenn das erst einmal so ist. Klingt wunderbar – nur funktioniert es so nicht.“ Die Sache ist komplexer: Wenn wir uns etwas sehr intensiv vorstellen, reagiert unser Körper entsprechend und gibt uns das Signal: Das alles passiert wirklich. Also strengen wir uns vielleicht weniger an, arbeiten weniger hart. „Besser ist es stattdessen, daran zu denken, wie ich die Sache umsetze“, sagt Davies. „Sich das erreichte Ziel vorzustellen ist weniger wirksam als die einzelnen Schritte vor Augen zu haben, die es braucht, um das Ziel zu erreichen. Ich muss im Moment präsent sein und das, was gerade auf meinem Schreibtisch liegt, in vollem Bewusstsein bearbeiten.“

© Andy Potts

Vergangenes loslassen

Soweit zur Zukunft. Was ist mit der Vergangenheit? Natürlich haben wir alle eine Vergangenheit, haben Erfahrungen gemacht, wurden verletzt, traumatisiert vielleicht. Und ja: wir hatten auch ganz wunderbare Momente. Die vergessen wir ja gerne mal. Im Idealfall lernen wir aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen: Wir wissen, dass eine Herdplatte auf Stufe neun heiß ist, wissen – wenn wir uns darauf einlassen -, dass unsere Gefühle uns nicht täuschen, wir wissen, wo unsere Kinder zur Schule gehen, und so weiter und so fort. Heikel wird es dann, wenn wir in unseren Verletzungen und Traumata hängen bleiben, sie wieder und wieder durchdenken und im Geist durchleben. Das ist nichts, was uns hilft. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem wir unsere Vergangenheit loslassen können. Zumindest jene Teile, die uns nicht weiterbringen. Wir müssen nicht 18 Mal auf die heiße Herdplatte greifen, um zu wissen, dass sie heiß ist. Einmal reicht. Wenn die Wunde verheilt ist, lässt der Schmerz nach – und was bleibt ist das Wissen: Da greife ich nicht mehr hin. Das gilt für heiße Herdplatten wie für lieblose Mütter, gewalttätige Ex-Ehemänner oder unangenehme Schulkollegen.

Achtsam sein bedeutet präsent sein

Wem es um das gute Leben im Jetzt geht, der kommt um einen Begriff nicht herum: Achtsamkeit, oder Mindfulness. Eine Pionierin in Sachen Achtsamkeit ist Ellen Langer, vielfach ausgezeichnete Professorin für Psychologie an der US-amerikanischen Harvard University. Sie hat den Begriff in der westlichen Welt vor gut 45 Jahren geprägt und sieht Achtsamkeit als eine menschliche Fähigkeit, die geschult werden kann, etwa indem wir uns am jetzigen Moment orientieren, offen sind für Neues, verschiedenen Situationen gegenüber sensibel sind und uns bewusst sind, dass es im Leben unterschiedliche Perspektiven gibt, wobei keine schlechter oder besser ist als die andere.

Jon Kabat-Zinn, Erfinder des Programms der „Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion“ und ebenfalls ein Urgestein in Sachen Mindfulness, definiert Achtsamkeit als eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die entsteht, wenn wir uns absichtsvoll auf den aktuellen Moment fokussieren und dabei nicht werten, ob dieser Moment, diese Situation oder diese Person, die gerade vor uns steht, gut oder schlecht ist.

Hände in der Luft

Mehr zum Leben im Hier und Jetzt finden sie in unserer Sammlung "Achtsamkeit".

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© Andy Potts

Das Jetzt

Wer achtsam ist, ruht in seiner Mitte, lässt sich von den Herausforderungen der Welt nicht hinwegfegen, sondern reagiert angemessen und hat die eigenen Gefühle im Fokus – ohne die der anderen mit Füßen zu treten. Dabei geht es nicht darum, negative Gefühle auszublenden, sondern sie als Teil des Lebens anzuerkennen; ihnen Raum zu geben, wenn sie da sind – und sie gehen zu lassen, wenn der richtige Moment gekommen ist.

Und so können wir mit dem magischen Jetzt sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft insofern gestalten als wir entscheiden, wie wir damit umgehen. Wir sind die Meister unseres Lebens, mal sperren wir die eine Türe auf, da steht "Vergangenheit" drauf, mal die andere, die Tür der "Zukunft". Und den Generalschlüssel mit dem fetten "Gegenwart"-Anhänger haben wir immer dabei – und den geben wir ab sofort nicht mehr her.

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